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Kammermusik: Im Miniatur-Wunderland der Streicher

Von

Kammermusik: Frischer Wind von flotten Streichern Fotos
Irene Zandel

Kammermusik kann ja immer wieder überraschen. Das Signum Quartett serviert auf seinem neuen Album einen gewagten Mix aus Ravel und Debussy. Ein berauschender Cocktail.

Ein Traumpaar! Die Streichquartette von Claude Debussy und Maurice Ravel verstehen sich bestens. Sie passen in Gestalt, Rang und Klang sowie dem virtuosen Anspruch perfekt zueinander, jedes Kammerensemble muss dieses Doppel sauber im Repertoire haben.

Wie man die eleganten Klassiker des französischen Impressionismus und der frühen Moderne auffrischen kann, demonstrieren die Mitglieder des Signum Quartetts auf ihrer neuen CD "soundescapes". Umrahmt und inspiriert von Debussy und Ravel präsentieren sie dazu "Arcadiana", ein Werk des englischen Avantgarde-Komponisten und Pianisten Thomas Adès. Zwischen Großbritannien und Frankreich finden die vier Signum-Künstler erstaunlich viele Gemeinsamkeiten, wobei hörbar wird, wie stark die bekannten Kammer-Hits in das Stück von Adès hineinstrahlten. Und "Arcadiana" von 1994 bekommt inmitten der Repertoire-Säulen nun einen würdigen Platz.

Sieben kurze Sätze umfasst Thomas Adès' farbenreiche Komposition für Streichquartett, und scheinbar skizzenhaft hingeworfene Klangimpressionen räumen mit Kammermusik-Hörgewohnheiten auf, wenngleich sie sich stets auf Traditionen beziehen. Thomas Adès (Jahrgang 1971) spielt gern mit bekannten Mustern, doch er bohrt diese Reminiszenzen stets bis zum Kern auf, reduziert sie maximal. Die einzelnen Sätze betrachten die Themen Land und Wasser, jonglieren dabei ironisch mit gleitenden Gondelliedern ("Venezia notturna"), verwehen Schubert-Erinnerungen ("Auf dem Wasser zu singen") oder analysieren Elemente vom Zauberflöten-Mozart ("Das klinget so herrlich").

Danach sinniert Adès über argentinischen Tango und die britischen Inseln ("O Albion"). Alles kurz und klein. Wie in seinen Großwerken - Thomas Adès vertonte Shakespeares "Der Sturm" für die Opernbühne - so fächert der clevere Tonsetzer aus London auch im Miniatur-Wunderland der Streicher Ideen und Tönungen auf, die impressionistische Klangformen weiterdrehen.

Wie man sich für solchen Feinsinn warmläuft, zeigen die Signums zum Auftakt bei Debussy. Elegant und wagemutig rufen sie den romantischen Ton bei seinem jugendlich anmutenden Werk von 1893 auf, streichen aber auch buchstäblich den Übermut heraus. Die flirrenden Pizzicato-Passagen im zweiten Satz atmen so viel iberisches Flair, dass man sich in sonnigen spanischen Gärten wähnt, die drängenden gitarristischen Effekte fordern beinahe zum Tanz auf: ein raffiniertes Feuer, glühend, formvollendet. Debussy träumte, aber er träumte mit offenen Augen. Wie schön, wenn Interpreten diese Ideen mit so viel Verve und Intuition zum Leben erwecken: Der Signum-Vierer trifft den trocken pointierten Ton, kombiniert mit dem so notwendigen Gespür für Rhythmus. Eine Spielfreude, die auch Kammermusik-Muffel munter macht.

Maurice Ravel schrieb sein Quartett in F-Dur 1903 mit 28 Jahren, da war er noch drei Jahre jünger als Debussy sein entsprechendes Stück komponierte. Trotzdem wirkt Ravels Ausflug in die Kammermusik strenger in der Struktur, stringenter in den Themenbearbeitung, geradezu ernsthaft und intellektuell. Wenn bei Ravel gezupft wird, dann erinnert es mehr an einen romantisch berauschten Barock, wobei es den vor allem den Signum-Musikerinnen mit ihrem delikaten Violinenton gelingt, die Brücke zu Debussy zu bauen. Schwer verständlich, weshalb Ravels Kammer-Meisterstück bei der Premiere 1904 durchfiel. Vielleicht fehlten da Interpreten, die aus der Formvollendung so swingende Funken schlagen konnten, wie sie hier aufblitzen.

Premiere in Paris

Signum Quartett, das sind Kerstin Dill (Violine), Annette Walther (Violine), Thomas Schmitz (Cello) und der in Kapstadt geborene Xandi van Dijk (Viola). Sie fanden sich zusammen, nachdem zunächst Annette Walther und Thomas Schmitz 1994 den Grundstein des Ensembles legten. Besonders im Bereich der zeitgenössischen Musik setzten die vier Individualisten schnell positive Zeichen, die Komponisten Jörg Widmann und Wolfgang Rihm gehören zu ihren Bewunderern. Musikerkollegen wie der Pianist Igor Levit oder der Bratschist Nils Mönkemeyer zählten zu ihren Kammermusik-Partnern, Aufnahmen wie die CD mit Werken von Schnittke, Bartók und Alban Berg brachten ihnen Preise und internationale Anerkennung ein.

Das Signum Quartett ist fleißig auf Tour, und da kann man von ihnen auch Bewährtes von Mozart, Haydn und Beethoven hören. Besonders freuen sich die Vier allerdings jetzt schon auf den 16. Januar 2016, denn da heben sie in Paris ein speziell fürs Signum Quartett komponiertes Stück vom französischen Komponisten Bruno Mantovani aus der Taufe.


CD-Angaben:
Signum Quartett: soundescapes. Debussy, Adès, Ravel. CD Capriccio; 17,99 Euro.

Konzertdaten:
19.4. Bad Driburg, 30.4. Köln, 7.5. Leiden, 9.5. Amsterdam, 14.5. Schwetzingen, 24.5. Ittingen, 18.6. Luxembourg, 19.6. Aurich.

Zum Autor
Werner Theurich, Jahrgang 1954, betreut bei SPIEGEL ONLINE die Leserdebatten, schreibt aber auch für das Kultur-Ressort und den KULTUR SPIEGEL über Konzertmusik, Oper und Theater. Gern missioniert er bei Kolleginnen und Kollegen in Sachen Richard Wagner, allerdings mit durchwachsenem Erfolg. Außerdem hält er es mit dem Lester Bangs zugeschriebenem Diktum, "Wenn der Begriff 'großer Künstler' nicht für Mozart und Chuck Berry gleichermaßen gelten kann, sollte er besser auf dem Müll landen!".

E-Mail: Werner_Theurich@spiegel.de

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