S.P.O.N. - Helden der Gegenwart: Jetzt wird zurückgeschunkelt!

Eine Kolumne von Silke Burmester

Fast schon ein Popmusik-Putsch: Handstreichartig hat Heino, das sturmerprobte Kampfgeschütz der deutschen Volksmusik, den Ärzte-Song "Junge" gekapert - das ist nur der Anfang: Auf seiner Liste stehen auch Peter Fox, Westernhagen und Die Fantastischen Vier.

Heino, Sie nimmermüde Spaßkanone!

Ich sage das wirklich nicht gern, ich fand Sie immer doof, aber Hut ab vor diesem Coup!

Sie, sturmerprobtes Kampfgeschütz der Volksmusik, Inbegriff der deutschen Schunkelseele und Schreckgestalt der Spätgeborenen, haben mal so eben alles über den Haufen geworfen, was Künstler in jahrelanger Klangarbeit aufgebaut haben. Mit einem Handstreich der tönenden Art, einer CD, auf der Sie Lieder von mitunter anerkannt coolen, auf jeden Fall über jeden Verdacht der Biederkeit erhabenen Musikern covern, haben Sie die Lacher auf Ihrer Seite. Und, wie gesagt, auch meine Anerkennung.

Nun steht zum aktuellen Zeitpunkt lediglich das Lied im Netz, das Sie von der ehemaligen Fun-Punk-Band "Die Ärzte singen, "Junge". Eine 30- Sekunden-Klangprobe der anderen Songs, etwa von Peter Fox, den Fantastischen Vier und Marius Müller-Westernhagen, bekommt man auf Bild.de. Das ist praktischerweise dort, wo es auch ständig etwas Neues über Sie, diese ungewöhnliche CD und den "Rockerkrieg" zu erfahren gibt.

Denn noch bevor man weiß, wie es sich in der Gänze anhört, wenn Sie mit Ihrem dunklen Timbre über Nenas "Leuchtturm" hinwegrollen, soll, so sagt die "Bild"-Zeitung, die Aufregung riesig sein. Demnach flippen Die Ärzte aus, Rammstein, weiß nicht mehr wo oben und wo unten ist und der Sänger von Oomph empört sich medienwirksam, indem er Wörter wie "völkisch-verherrlichend" kundtut. Und über allem lacht der Heino.

Auch, weil immer neues Brennmaterial die Medienmaschinerie am Laufen hält. Gibt es doch aktuell Widerspruch aus dem Rammstein-Ärzte-Lager, aus dem es heißt: Stimmt alles nicht. Uns kratzt das gar nicht. Wir sind cool. Da stehen wir doch drüber. Und klagen wollten wir nie!

Geschmacksfeind

Und wissen Sie was, Herr Heino, völlig egal, ob die sich nun tatsächlich aufregen oder nicht, Sie, Sie haben alle gef****, wie es unter modernen Musikern heißt. Und zwar genau jene, die sich seit Jahrzehnten über Sie, Heino, lustig machen. Sie haben sie geschlagen mit ihren eigenen Mitteln. Ein Lied, ein schönes sogar, gesungen vom Geschmacksfeind. Womit sonst kann man jemanden treffen, ihm sein Lied und die Freude daran kaputt machen, als durch die Ermächtigung darüber? Das ist so, als würde der Vater mit dem gleichen Tattoo wie der Sohn ankommen. Total für den Arsch. Nicht auszudenken, wenn andere Ihre Idee abkupfern! Carmen Nebel singt Iggy Pop oder Helene Fischer "London Calling". Einzig Ralph Siegel würde Tränen der Freude vergießen, wenn der nordkoreanische Führer Kim Jong Un den Einfall hätte, "Ein bisschen Frieden" zu intonieren und auf YouTube einzustellen.

Schon Ende der achtziger Jahre hatten Sie versucht, mit einer Rap-Version von "Blau blüht der Enzian", oder dem, was der gemeine deutsche Musikproduzent für "Rap" hält, den Anschluss an die Jetztzeit zu finden. Total panne. Überhaupt ist ja alles, was Sie gemacht haben, schrecklich. Zumindest für mich. Wobei ich zugeben muss, auch die bayerische Kultur als ablehnungswürdig einzustufen, was das Gewicht meiner Aussage südlich des Rheins auf das einer Feder schrumpfen lässt. Egal, zurück zu Ihrer gruseligen Musik, die Heino in den siebziger und achtziger Jahren zum Synonym für "schlimmes Deutschland" werden ließ, und der aktuellen Erkenntnis: Sie waren ja damals jung! Das war mir nicht klar. Ich hatte stets angenommen, Sie wären immer alt gewesen. Also nicht so alt wie heute, 74, aber alt eben. Weil es für einen Menschen wie mich gar nicht vorstellbar ist, dass jemand, der noch nicht in Grabesnähe weilt, so eine Musik machen möchte.

Heino - "Junge"
Mehr Videos gibt es hier auf tape.tv!
Für Mobilnutzer: Hier klicken, um das Video zu sehen.

Das Gewiefteste an der ganzen Angelegenheit ist, dass Sie sich ausgerechnet Die Ärzte herausgepickt haben. Jene Band, der nie etwas heilig war, nicht einmal die schöne Grace Kelly, und zu deren Konzept es stets gehörte, auf Kosten anderer Spaß zu haben. Wie etwa das Sauf-Gröl-Imitat der Toten Hosen verdeutlicht. Wobei die Doktoren froh sein können, dass Sie nicht einen Song wie "Deine Schuld" für Ihr Album gewählt haben. Die Zeilen "Es ist nicht Deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär nur Deine Schuld, wenn sie so bleibt", möchte nicht einmal ich, die ich Ihnen im Angesicht dieses Coups aktuell ein ganzes Fass Respekt entgegenbringe, aushalten müssen.

Nein, tatsächlich haben Sie "Junge" gewählt, den Appell eines Vaters an seinen Sohn, sein Leben in die Hand zu nehmen. Im bürgerlichen Sinne. Und da mögen Ihnen Die Ärzte aus der Seele sprechen, schließlich ist Ihr Sohn ja auch einer, der nach bürgerlichem Verständnis nicht so recht was hinbekommt im Leben. Stichwort Alkohol. Dabei hatten Sie, der gelernte Konditor, so schöne Pläne für ihn. Dass er Ihr Café übernehmen solle, etwa. Junge, Junge!

Persönlichkeitsenteignung

Tatsächlich haben Sie Die Ärzte an den Rand gebracht. Wie keine andere Band oder Sänger, die Sie ausgewählt haben, sind die Berliner damit erledigt. Alles, wofür sie gestanden haben, ist durch diesen Handstreich, diese Chuzpe zunichte gemacht. Von Heino übernommen zu werden, kommt einer Persönlichkeitsenteignung gleich. Finito. Bums. Ende. Aus. Allerdings wären Die Ärzte nicht Die Ärzte, wenn ihnen nicht etwas genial Originelles einfiele, um aus der Nummer rauszukommen.

Der Idee zu verfallen, im Gegenzug Heino zu singen, so blöd kann allenfalls Rammstein sein, die dadurch aber die Gelegenheit hätten, endlich mal den schönen Soldatenkracher "Flamme empor!" oder das "Schlesierlied" auf die Bühne zu bringen und "Bruder Jakob". Wobei, wie wir alle wissen, die Lieder gar nicht von Ihnen sind, sondern alte Volkslieder.

Herr Heino, Sie sehen, ich habe mir eine Menge Gedanken gemacht, nachdem ich mir Ihre Intonierung von "Junge" angehört habe und die Bilder angesehen, die einen glauben lassen, Sie hätten Humor. Ich muss sagen: Das sitzt. Das passt. Das wummst. Was allerdings nicht zuletzt am guten Song liegt. Wenn ich mir jedoch überlege, wie der Text bei jemandem ankommt, der ihn ohne jegliche ironische Brechung hört, dann überkommt mich das Grausen. Und das werden sicherlich einige ins Feld führen, die Sie und Ihr Tun verdammen. Dass Sie ein Volkstumshansel sind, der im wilden Teil der Musikindustrie nichts verloren hat. Eines allerdings muss man Ihnen lassen: Marketingtechnisch gesehen ist Ihr Tun ein absoluter Kracher. Und: Die schwarze Rockstarbrille hatten Sie zuerst.

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insgesamt 99 Beiträge
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1. Die schwarze Rockstarbrille?
uwecux 27.01.2013
War das nicht Roy Orbison? Aber egal, sauber geschrieben Frau Burmester.
2. Lizenz
wolfgang_q 27.01.2013
ohne Lizenz von den Ärzten wäre das ja garnicht möglich gewesen. . . There is no business like show-business !
3. Soll er doch...
Mach999 27.01.2013
Bild lügt. Das ist allerdings keine Nachricht wert. Ich war trotzdem schon sehr gespannt, was Heino da macht. Er ist nicht unbegabt und inzwischen auch mit etwas Selbstironie gesegnet. Dass man volkstümliche Musik und Schlager verpunken kann, haben ja schon einige vorgemacht. Die Toten Hosen (als Rote Rosen), Extrabreit, Neue Heimat. Interessant ist das Experiment, Punk, Rock, Pop, Hip Hop zu vervolkstümlichen. Daran hat sich noch keiner erfolgreich gewagt. Ich war gespannt darauf, wie sich "Junge" als volkstümlicher Schlager anhört. Und dann diese Enttäuschung - nichts, rein gar nichts eigenes hat Heino da gemacht. Der Titel ist nicht volkstümlich aufbereitet, sondern einfach nachgesungen. Pure Langeweile. Sehr schade.
4. Schöne Kolumne
to5824bo 27.01.2013
Zitat von sysopFast schon ein Popmusik-Putsch: Handstreichartig hat Heino, das sturmerprobte Kampfgeschütz der deutschen Volksmusik, den Ärzte-Song "Junge" gekapert - das ist nur der Anfang: Auf seiner Liste stehen auch Peter Fox, Westernhagen und Die Fantastischen Vier. http://www.spiegel.de/kultur/musik/silke-burmester-ueber-das-neue-album-von-heino-a-879935.html
Schöne Kolumne, ich habe ausgiebig geschmunzelt. Ich hatte vorab Sorgen, Frau Burmester würde nach letzter Woche ("Oh Gott, der Rösler steht vor der Tür") diesmal etwas zum Thema "Hilfe, der Kubicki klopft an die Zimmertür" verfassen. Aber diese Heinosache ist gut gelungen. Danke!
5. Heino
ae1 27.01.2013
hat es allen gezeigt. Ihnen heimgeleuchtet. Einfach nur genial. Er krönt damit seine Laufbahn.
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Silke Burmester

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