Silvesterkonzert Es geht auch ohne Dirigent

Zu Silvester belieben Orchesterchefs gern zu scherzen. In Hamburg luden die neue Opernintendantin Simone Young und ihre Philharmoniker zum Jahres-Kehraus - und zeigten, dass eine solide Kapelle auch mal ohne Taktgeber rund läuft.

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Kein leichtes Erbe für Simone Young, die neue First Lady am Pult der Hamburger Philharmonie: Fünf Jahre lang hatte Opernchef Ingo Metzmacher mit dem Staatsorchester den Hanseaten regelmäßig beste Silvesterlaune gemacht. "Who's afraid of 20th Century Music?" fragte er stets herausfordernd zum Jahresschluss und bewies, dass man mit neuerer und zeitgenössischer Konzertmusik durchaus Begeisterungsstürme entfachen kann.

Intendantin Young: Guter Start
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Intendantin Young: Guter Start

"Salut!" setzte Simone Young als Motto kurz und knapp dagegen, was alles und nichts sagte, aber mit der Unterzeile "Jubiläen und Geburtstage" programmatisch erläutert wurde. Da eigentlich in jedem Jahr immer irgendwer Geburts-, Todestag oder Feiergrund liefert, gab's zum Jahresschluss 2005 eine schrille Folge von Beliebigkeiten, die zwischen charmanten Entdeckungen und sturzlangweiligen Pflichtübungen manchmal arg bemüht wirkenden Witz ausbreitete. Doch sowohl die launigen Conférencen wie die wohldosierten Frotzeleien mit ihren Musikern gingen der temperamentvollen Powerfrau locker über die Lippen: Den richtigen Ton für die gar nicht so kühlen Hanseaten hatte die Dame aus Sydney schnell gefunden. Doch die Fußangeln ihres an Extremen reichen Programms waren schließlich hausgemacht.

Schon an Silvester gab es keine Chance, dem Salzburger zu entgehen: Zum drohenden Mozartjahr 2006 erklang die Ouvertüre zur Oper "Hochzeit des Figaro", die jedenfalls eher Champagnerlaune entfachte als etwa das wenig später folgende Andantino aus dem Konzert für Flöte und Harfe, das zum sanften Wegdämmern einlud - da hätten sich bei Mozart schon schrillere Töne zum Party-Tag des Jahres finden lassen. Wie langweilig so ein Jubiläums-Motto nach hinten losgehen kann, zeigte dann die Würdigung von Johann Pachelbel (300. Todestag 2006) mit der Darbietung seines "Kanon in D", den wohl jeder schon mal in einer Kultursendung via TV, in der Adaption von Rapper Coolio oder auf einer "Best of Barock"-CD erlebt hat.

Selbst Simone Young schien es nicht auszuhalten: Kurz nach Beginn des zähen Gassenhauers legte sie den Taktstock nieder und marschierte demonstrativ nach draußen. "Für alle, die immer schon wissen wollten, ob so ein Orchester nicht auch ohne Dirigent spielen kann", ließ sie hinterher wissen. Natürlich konnten sie's, aber den "Kanon" spielen Philharmoniker wohl auch im Koma noch leidlich lässig.

Lustige Moz-Art

Viel hintersinniger und lustiger war da schon die "Moz-Art à la Haydn" vom 1998 in Hamburg  verstorbenen Komponisten Alfred Schnittke, der übermütig und facettenreich Mozart- und Haydn-Schnipsel verband und daraus einen brillanten Wettstreit für zwei Violin-Solisten destillierte. Jeder der beiden Virtuosen (brillant: Winfried Rüssmann und Thomas C. Wolf vom Philharmonischen Staatsorchester) hatte sein eigenes kleines Kammer-Ensemble zur Unterstützung, wobei der Wettstreit auch durch heftige Bewegungen und Interaktion unter den Kollegen ausgetragen wurde: Musikalisches Theater, das Spaß machte.

Überhaupt sorgten beim Hamburger Silvester mal wieder die "modernen" Komponisten für den besten Effekt: Wunderbares Remmidemmi mit dem russischen Großmeister Dimitri Schostakowitsch (100. Geburtstag 2006), dessen Zwischenspiel aus seiner Oper "Lady Macbeth aus Mzensk" von 1932 nach dem Pachelbel-Kanon den brachialen Wecker machte. Von Schostakowitsch stammte auch das letzte Stück des Konzertes, der quirlige "Tanz Koselkows mit Freunden" aus seinem Ballett "Der Bolzen". Ausgewiesen als "Tango", aber eher ein ungarisch angehauchter Puszta-Feger, jedenfalls ein richtiger Kracher als finaler Showstopper.

Absoluter Höhepunkt und eine echte Überraschung wurde jedoch der wohl schwerste zeitgenössische Brocken des Programms: Maurizio Kagels "Etüde Nr. 3 für großes Orchester" aus dem Jahre 1992, die Simone Young und ihrem Orchester alle Gelegenheit bot, klanglich und rhythmisch aus dem Vollen zu schöpfen. Filigrane Nuancen in den  Instrumentengruppen wurden souverän herausgearbeitet, schmetternde Tutti und feine Spitzen der bei den Philharmonikern manchmal heiklen Blechbläsern, dazu satte und schlackenlos agierende Streicher: Hier stimmte eigentlich alles.

Nein, auch Ende 2005 brauchte in Hamburg niemand Angst vor der Musik des 20. Jahrhunderts zu haben. Und mit dieser Form sind die Philharmoniker an der Elbe darüber hinaus eine echte Herausforderung für das NDR-Sinfonieorchester, das erst jüngst den Zuschlag als "Hausorchester" für die kommende neu zu erbauende "Elbphilharmonie" in der Hafencity bekommen hatte. Kann sein, dass Simone Young über diese Entscheidung dann doch verstimmter war, als sie es durchblicken ließ. Simone Young kann sich bisher über einen exzellenten Start in Hamburg freuen: Sogar bei der Silvester-Matinee und zu Avantgarde-Klängen, der Domäne ihres Vorgängers, jubelten ihr die Hamburger zu. Das lange Mozart-Jahr kann kommen.



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