Silvesterkonzert in Hamburg Metzmachers letzter Mambo

Die Wiener haben zum Jahreswechsel Strauß und den Walzer, die Hamburger Ingo Metzmacher und die Moderne. Seit fünf Jahren fragen der Staatsoper-Chefdirigent und sein Orchester im Silvesterkonzert "Who’s afraid of 20th century music?" – doch die Konzertgänger grausen sich längst nicht mehr vor dem oft nur scheinbar Komplizierten.

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Ingo Metzmacher: Stampfend, kochend, lärmig und überschäumend
Sasha Gusov

Ingo Metzmacher: Stampfend, kochend, lärmig und überschäumend

Der Mann hat eine Mission. Und ein bisschen gern predigt er auch: Ingo Metzmacher, Noch-Chefdirigent des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg, liebt die Musik des 20. Jahrhunderts und redet auch ebenso gern darüber. Er tut dies nicht im Verborgenen, sondern stets eine Stunde vor jedem Konzert und alle Jahre wieder von seiner ureigenen Kanzel aus, dem Dirigentenpult. Die Silvester-Matinéen seines Orchesters sind längst Kultveranstaltungen.

Das Programm ist stets geheim, fest steht lediglich, dass es ausschließlich Stücke aus den letzten hundert Jahren sind. Ein ausverkauftes E-Musik-Konzert, dessen Programm man nicht kennt? Metzmacher gelingt's, und das seit 1999. Nach fünf Jahren ist nun allerdings Schluss, denn Metzmacher verlässt Hamburg in Richtung Amsterdam, um dort Opernchef zu werden. So mussten sich die Hamburger vom alten Jahr und zugleich von den heiß geliebten Silvesterkonzerten verabschieden. Dafür legte der Pultstar noch einmal richtig los.

"Wo andere mit Ohrenschützern aufhören, fangen wir erst an!" - die kleine Warnung war nötig, denn das Stück "Die Eisengießerei" vom Ukrainer Alexander Mossolow (1900 - 1973) zeigte mit expressiven Klang- und Rhythmus-Eruptionen, wozu die sowjetische Komponisten-Avantgarde mit ihrer Technik-Verehrung in den zwanziger Jahren fähig war. Stampfend, kochend, lärmig und überschäumend in wilden Wellen bricht die Musik sich bahn und bietet dem Staatsorchester alle Chancen, seine konzentrierte Virtuosität an einem so wunderlichen Stück zu zeigen. Wenn zum Schluss das scheppernde Percussion-Blech fast wegfliegt, freut sich Metzmacher, und jubeln die Zuhörer: Das ist der Geist, aus dem Hamburger Silvesterkonzerte geschmiedet werden.

Glücksmomente auch mit Luigi Nono

Doch Abwechslung ist Trumpf. Zu jedem der zwölf höchst unterschiedlichen Stücke findet der dirigierende Pädagoge Metzmacher die richtigen Worte und Anekdoten, um seinen Fans - und nichts anderes sind die ehrbaren Hanseaten an diesem Vormittag - den Mund wässrig zu machen auf die nächste Komposition.

Seien es Renner wie Charles Ives' (1874 - 1954) hinreißendes Atmosphäre-Stück "The Unanswered Question" oder obskure Kleinode wie Wolfgang Rihms "Drängenden Walzer" von 1979. Metzmachers Rede-Stil ist das lockere Parlando, das die vermeintlich sperrigen, komplizierten Avantgarde-Preziosen flugs von ihrem Sockel holt und sie ganz nahe zum Publikum zaubert.

"Wir wollten mit diesem Konzept zeigen, dass es auch im 20. Jahrhundert eine im besten Sinne unterhaltende Musik gibt. Heiter und - scheinbar - unbeschwert." Natürlich wählen Metzmacher und sein Dramaturg Christoph Becher auch geschickt aus dem großen Fundus aus, denn zu Silvester soll es perlen, nicht peinigen.

Dennoch gehört auch Atemholen zum Programm. Die sehnsüchtig verdämmernden Stücke wie Witold Lutoslawskis "Interlude" zeigen die andere Seite Metzmachers: Klangsinn, Mut zur Stille und zur Differenzierung, Spannungsaufbau.

Wie sehr der sinnliche Metzmacher auch feinste Verästelungen kompliziertester Partituren spürbar machen kann, bewies er 2004 beim Hamburger Musikfest mit Luigi Nonos Monsterstück "Prometeo" für vier Orchester, Stimmen und Elektronik, das zum ersten Mal in der Hansestadt zu hören war. Es wurde einer von Metzmachers Glücksmomenten während seiner Zeit an der Elbe. "Der mehr als 20-minütige Beifall nach der Aufführung des Prometeo war so einer." Das entschädigte den Maestro dann auch ein wenig für die Querelen mit der Hamburger Kulturpolitik, die letztlich zu seinem Abgang nach Ende dieser Saison führten.

So wurde denn das Finale des Konzertes beinahe doch noch wehmütig, als die Philharmoniker das kurze Stück "Leaving" von Metzmachers Komponisten-Freund Anton Plate uraufführten: "Eine Komposition über das, was nach dem Abschied kommt, das Loslassen, das Übriglassen", wie es Plate selbst beschrieb.

Doch "Leaving" war nicht der Schluss: Mit einem letzten Bernstein-"Mambo" aus der "West Side Story" beschlossen die Philharmoniker das Konzert, um die Zuhörer silvesterlich beschwingt zu entlassen. In Amsterdam will Metzmacher diese Art der Konzerte nicht fortsetzen. "Weil das Konzept zu eng mit Hamburg verbunden ist."

2005 will sich Ingo Metzmacher verstärkt um das Werk des Komponisten Karl Amadeus Hartmann kümmern, dessen Geburtstag sich zum 100. Mal jährt. Zuvor jedoch erscheint schon Ende Januar Metzmachers erstes Buch, "Keine Angst vor neuen Tönen - eine Reise in die Welt der Musik" (Rowohlt Verlag). Darin beschreibt er keineswegs die nun beendete fünfjährige Konzerttradition, wie er versichert. "Es hat eher mit den Einführungen zu tun, die ich vor den Philharmonischen Konzerten gebe." Auf jeden Fall erfährt man mehr über den Musiker Metzmacher darin, der auch ein souveräner und unaufgeregt präziser Erzähler ist. Die Hamburger werden beides vermissen.

Das Konzert wurde vom Deutschlandfunk mitgeschnitten und wird am 2. Januar 2005 um 21.00 Uhr gesendet.



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