Von Werner Theurich
Souveräner Teamauftritt, starke Einzelleistungen und im entscheidenden Moment Weltklasse: Nein, die Rede ist nicht vom HSV. Es geht um die Staatsoper an der Dammtorstraße, die die Hamburger neben ihrem Kicker-Klub gern mal als ein weiteres Sorgenkind betrachten.
Wie ungerecht das ist, hat sich spätestens zum Jahresbeginn 2012 gezeigt. Die Neuinszenierung von Aribert Reimanns schwerer Shakespeare-Version "Lear" stand an. Und als sie über die Bühne gebracht war, strahlte Opernchefin Simone Young, die an diesem Abend dirigierte - es war ihr größter Triumph seit dem Amtsantritt. Der Jubel nach zweidreiviertel Stunden Brachial-Sound und virtuosen Sangesleistungen krönte ein Opernerlebnis, das europaweit zu den besten Leistungen der gerade beendeten Saison gehören dürfte.
Viel stand auf dem Spiel. Das Hamburger Premierenpublikum hatte die Opernchefin nach anfänglichem Wohlwollen vor sieben Jahren eigentlich schon verstoßen. Aber kann man jemanden abschreiben, der Orchester und Sänger zu so einem subtilen Orkan wie bei diesem "Lear" führen kann?
Ran an die Kleinen
Man könnte schon, zumindest in Hamburg. Hier Oper zu machen, ist seit den Zeiten des legendären Intendanten und Musikers Rolf Liebermann (1959 und 1973, dann 1985 bis 1988) ein aufreibendes Geschäft. Und die in Sydney geborene Young traf gleich zu Anfang ihrer Dienstzeit 2005 eine Entscheidung, die sich schnell als fatal entpuppte: Sie übernahm sowohl den Job der Generalmusikdirektorin als auch den der Intendantin, verantwortete also Geschäftliches und Planerisches. So etwas mag auf den ersten Blick verführerisch erscheinen: Macht bündeln und so Ehrgeiz auch in Taten umsetzen können. In der hanseatischen Realität lief es allerdings eher auf Mehrfrontenkriege hinaus.
In der Folge kam Young selten aus der Verteidigung heraus. Mal kämpfte sie an der finanziellen Front, mal an der künstlerischen, dazwischen Scharmützel ums Personal. Und das Publikum haderte häufig mit dem Spielplan. Zu Unrecht, wie Young findet. "Alle subventionierten Häuser haben einen Kulturauftrag, nicht nur die 'Butterfly' und die 'Traviata' zu geben, sondern auch Werke wie den 'Lear', Uraufführungen zu realisieren oder Opern des Barock wiederzuentdecken", erklärt sie. "Diese Produktionen kann man nicht ohne solide und sichere Finanzierung auf die Bühne bringen."
Künstlerisch tat Simone Young aber Dinge wie aus dem Intendanten-Lehrbuch: Sie brachte einen "Ring des Nibelungen" auf die Bühne (mit dem angesehen Regisseur Claus Guth und hervorragendem Ensemble), sie realisierte Originelles wie einen über Jahre angelegten Zyklus der Opern von Benjamin Britten, kümmerte sich um das zeitgenössische Repertoire und besaß die Größe, die hübschen Inszenierungen ihres Vorgängers Ingo Metzmacher und seines widerborstigen Regie-Kumpanen Peter Konwitschny aus dem Archiv zu holen. Dem Hamburger Barockkomponisten Telemann erwies sie mit der erfolgreichen Ausgrabung der seit 1729 nicht mehr gespielten Oper "Flavius Bertaridus" die Reverenz - und bekam dafür bundesweiten Kritikerbeifall.
Kritik für Dörries "Giovanni"
Daneben gab es die überall üblichen Höhen und Tiefen bei Mainstream-Produktionen zwischen Donizetti und Verdi. Nach dem "Lear"-Höhenflug folgte eine schwache "Manon Lescaut", die nicht mal für einen Skandal gut war. Und Reinfälle wie die "Don Giovanni"-Inszenierung der prominenten Filmregisseurin Doris Dörrie waren zumindest spektakulär.
"Unser 'Don Giovanni' wurde scharf kritisiert, aber die Serie der Aufführungen war ausverkauft. Damit kann ich als Intendantin leben!", sagt Young. Als Chefin muss man Gegenwind aushalten: "Ich kann nicht ans Pult treten, ohne künstlerisch völlig entschlossen zu sein. Wenn ich von etwas überzeugt bin, kann ich auch Kritik vertragen. Man muss bereit sein zu kämpfen!", bekennt sie.
Doch höhnische Basslinien werden ohnehin vor allem an der Elbe gesungen. Ambitionierte Produktionen wie Hans Pfitzners Künstleroper "Palestrina" oder bunte Comic-Burlesken wie Rossinis "Cenerentola" fielen da in der Wahrnehmung mancher Kritiker kaum noch ins Gewicht. Warum genau Teile von Hamburgs Kulturszene an Young herummäkelten, erschien immer diffuser. Andernorts feiern Publikum und Medien schließlich die Dirigentin, ob in Wien, New York, in Zürich oder Köln.
Man kann der Hamburger Staatsoper jedenfalls noch zwei spannende Spielzeiten mit Simone Young prophezeien, sie will ihren Vertrag bis 2015 erfüllen. Es gibt 2012/2013 sogar eine neue "Traviata" und eine neue "Madame Butterfly", die beide fast wie ein Zugeständnis an den Touristenspielplan wirken - man will ja keine verbrannte Erde hinterlassen.
Eine Trennung ohne Tränen wird es auf jeden Fall, da denkt die Chefin professionell: "Es ist einerseits sehr schön, dass die Menschen in Hamburg glauben, jeder, der hierher kommt, muss fürs Leben bleiben", sagt Young und wirkt dann doch ein wenig melancholisch. "Aber zehn Jahre sind schon eine recht ordentliche Zeit. Ich bin keine Hamburgerin, ich bin auch keine Deutsche, meine Wurzeln liegen woanders."
Zehn Jahre sind zumindest in Hamburg ja auch eine lange Zeit. Der HSV würde sich über einen so standhaften Trainer freuen - das schaffte nicht mal Ernst Happel.
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