Chefdirigent der Hamburger Symphoniker Sir Jeffrey Tate ist tot

Er galt als Spezialist für Wagner und Mozart und gehörte zu den vielseitigsten Dirigenten seiner Generation - nun ist Tate mit 74 Jahren gestorben.

Sir Jeffrey Tate
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Sir Jeffrey Tate


Seit 2009 war Sir Jeffrey Tate Chefdirigent der Hamburger Symphoniker. Nun ist der gebürtige Engländer im italienischen Bergamo im Alter von 74 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Er galt als einer der renommiertesten Dirigenten seiner Generation.

Schon in jungen Jahren hatte es Jeffrey Tate nicht leicht. "Ich wusste immer nur eines, ein normales Kind war ich nicht", sagte der Chefdirigent der Symphoniker Hamburg rückblickend in einem Interview. Eine angeborene Wirbelsäulenverformung machte ihm das Leben schwer und führte zu einer schiefen Haltung mit erheblichen Gehbeschwerden.

"Ich musste mein ganzes Leben lang kämpfen"

Trotzdem schaffte es Tate - auch dank seiner Eltern, die ihn immer als normales Kind behandelten. Er studierte Medizin und arbeitete zwei Jahre lang als Augenarzt in einem Londoner Krankenhaus. Doch die Liebe zur Musik war stärker: Nach dem Start seiner künstlerischen Laufbahn am Royal Opera House Covent Garden in London machte Tate als Dirigent eine großartige Karriere.

"Ich musste mein ganzes Leben lang kämpfen. Aber ich schaue nicht zurück mit Bitternis, weil ich die Musik so liebe", sagte Tate einmal. Die Behinderung habe ihm auch ein Gefühl von Abstand gegeben, um die Dinge besser beobachten zu können. Das Dirigieren habe sich positiv auf seine Gesundheit ausgewirkt. Selbst als er 2011 nach einer Lungenentzündung schwere Atemprobleme bekam und seitdem nachts auf ein Sauerstoffgerät angewiesen war, wollte er das Dirigieren nicht aufgeben.

Geprägt haben ihn Herbert von Karajan in Salzburg und James Levine an der Metropolitan Opera in New York, bei denen er als Assistent arbeitete. Doch zur entscheidenden Erfahrung wurde für ihn 1976 der sogenannte Jahrhundert-Ring der Bayreuther Festspiele, bei denen er als Assistent von Pierre Boulez mitwirkte.

Hamburger Symphoniker

So wurde er zu einem der bedeutendsten Interpreten der Musik Richard Wagners. Er hat den ersten vollständigen Pariser "Ring" der Nachkriegszeit dirigiert sowie den ersten australischen "Ring" überhaupt und viele weitere Aufführungen der Tetralogie unter anderem auch in Köln, Venedig und Wien.

Mit den Hamburger Symphonikern verband Tate von Anfang an eine besondere Beziehung. "Ich versuche eher, warmherzig zu den Musikern zu sein", sagte der stets bescheiden und charmant auftretende Dirigent. Kritiker bewunderten, wie er das Orchester mit wenig gestischem Aufwand effizient führte und bezeichneten Tate als "einen Präzisionsliebhaber, einen Farmer und Genießer des Details, fähig zum Filigranen, und, wenn nötig, auch zum großen Effekt".

"Die einzigartige Stimme Jeffrey Tates ist verstummt und wird doch in den Herzen, in den Gedanken und in der Erinnerung zahlloser Bewunderer und Freude in der ganzen Welt ewig weiter klingen", teilten die Symphoniker am Freitagabend mit. Sie seien vom völlig überraschenden Ableben des Dirigenten zutiefst erschüttert. "Seine Musik hat die Welt zu einer besseren gemacht, und wir sind für die Stunden, Tage und Jahre, die wir mit Sir Jeffrey verbringen durften, unendlich und unsagbar dankbar." Tate habe das Orchester wie kein anderer geformt.

Der Ritterschlag

Privat lebte Tate seit mehr als 30 Jahren mit dem Deutschen Klaus Kuhlemann zusammen, mit dem er seit einigen Jahren auch verheiratet war. Obwohl beide auch einen Wohnsitz in London hatten, lebten sie die meiste Zeit in ihrem Haus in Detmold in Ostwestfalen.

Erst am 19. April war Tate im Buckingham Palace von Prinz William zum Ritter geschlagen worden - als Anerkennung für seine internationalen Verdienste um die britische Musik. "Ich habe die Ritterwürde nicht erwartet und vielleicht wird sie mein Leben nicht komplett verändern - und trotzdem fühle ich mich ein klein bisschen anders", hatte er nach der Zeremonie gesagt.

von Carola Große/dpa/koe



insgesamt 2 Beiträge
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KV491 02.06.2017
1. Danke
Wie schade. Ein großer Musiker geht. Ruhe in Frieden und Danke für viele schöne Konzerte und Aufnahmen.
elkemeis 03.06.2017
2. Wotans Abschied
Ich hatte das große Glück, den Kölner Carson-Kinmonth Ring mit Jeffrey Tate am Pult zu erleben. Eine prägende Interpretation, nachdem ich es nie nach Bayreuth geschafft habe. Tate hat Wagners Psychologie wirklich verstanden und die Emotionen in allen Tiefen ausgelotet. Selten habe ich einen derart bewegenden und ergreifenden Abschied am Schluss der Walküre gehört. Tate konnte nicht nur das wild-aufbrausende von Wagners Musik umsetzen, er hatte vor allem den Mut zu langsamen Tempi (was ich z. B, an Thielemann vermisse). "Fliegt heim, ihr Raben! ... Denn der Götter Ende dämmert nun auf."
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