Sixties-Ikone Lee Hazlewood "Ich wollte die Luft noch einmal schnuppern"

Mit "Cake Or Death", dem wohl letzten Album seiner wechselvollen Karriere, bereitet sich Lee Hazlewood, 77, einen würdevollen und wehmütigen Abgang. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der krebskranke Songwriter über seine Prinzipien, blonde Püppchen und die Zeit, die ihm noch bleibt.


SPIEGEL ONLINE: Mr. Hazlewood, was war heute Morgen Ihr erster Gedanke, als Sie aufgewacht sind?

Lee Hazlewood: Ich habe dem alten Herrn im Himmel da oben gedankt, dass er mich in Ruhe lässt und noch nicht zu sich holt. So wie jeden Morgen. Und dann habe ich aus dem Fenster geschaut und nachgesehen, ob die Sonne scheint. Ich wohne in Las Vegas, und Las Vegas ohne Sonne ist nicht zu ertragen. Ich habe genug mit dem verdammten Krebs zu kämpfen, da muss mir nicht auch noch das Wetter auf die Nerven fallen.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie sich die anstrengende Studioarbeit noch einmal angetan?

Hazlewood: Weil ich es musste! Ich wollte dieses Album unbedingt machen, und wenn sie mich aus dem Studio hätten herein- und heraustragen müssen. Ich hatte das Gefühl, das ich noch etwas zu sagen habe, bevor ich gehe. Und ich wollte die Luft noch einmal schnuppern. Wissen Sie, der Krebs ist nicht mehr aufzuhalten. Ich werde wohl nie wieder ein Aufnahmestudio von innen sehen.

SPIEGEL ONLINE: In "T.O.M. (The Old Man)", dem letzten Lied auf dem Album, singen Sie: "Have You Seen The Old Man? He Is Ready To Go." Wie gehen Sie mit der Situation um, dass es jederzeit mit Ihnen zu Ende gehen kann?

Hazlewood: Am Anfang war das sehr schwer. Ich wollte die Ergebnisse der Ärzte nicht anerkennen, wollte nicht, dass es so mit mir zu Ende geht. Die Nachricht, wie weit der Krebs schon fortgeschritten ist, war ein Schock. Bis heute ist es das. Ich habe mein ganzes Leben im Studio verbracht, gearbeitet, komponiert, produziert, getextet. Ich habe alle Entscheidungen in meinem Leben selbst getroffen, und jetzt brauche ich Hilfe, wenn ich aufs Klo muss. Ich bin stark von meinen Medikamenten abhängig, nach meiner Operation im letzten Jahr habe ich nur noch eine Niere. Aber daran zerbrechen will ich auch nicht. Der Krebs soll kein leichtes Spiel mit mir haben, also musste ich lernen, damit umzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Angst vor dem Tod?

Hazlewood: Vor dem Tod eigentlich nicht. Wenn es an der Zeit ist, kann man nichts mehr dagegen unternehmen, wir sind ja alle mal dran. Angst habe ich vor dem Moment, in dem es soweit ist. Dazu braucht man Kraft, und ich wünsche mir, sie dann zu haben. Und auf das Warten darauf. Es kann morgen sein, es kann in drei Monaten sein, vielleicht auch in sechs. Jeder Tag könnte mein letzter sein. Ich weiß, dass ich den Kampf verlieren werde. Aber das Warten darauf zermürbt mich.

SPIEGEL ONLINE: Sie gelten bis heute als unterschätzter Songwriter, werden dafür aber seit Jahren als Stilikone der alternativen Musikszene gefeiert. Hätte Sie zugunsten des großen Ruhmes gern auf diesen Titel verzichtet?

Hazlewood: Gegen späten Ruhm habe ich nichts. Aber manchmal werde ich das Gefühl nicht los, dass man als Musiker nur einen langen Atem haben muss, um irgendwann gefeiert zu werden. Von wem auch immer. Nehmen Sie das Beispiel Motörhead. Lemmy musste dreißig Jahre lärmen, bis das Feuilleton ihn entdeckte und feierte. Ich bin froh, halbwegs glimpflich davon gekommen zu sein. Dabei war ich einer, mit dem die Medien lange Zeit nichts anfangen konnten.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Hazlewood: Weil ich alles besser wusste. Im Studio sowieso, aber auch sonst. Ich war bekannt dafür, starrköpfig die Pläne derjenigen zu sabotieren, die es eigentlich gut mit mir und meiner Arbeit meinten. Ich war ein Querkopf, uneinsichtig und kompromisslos, wenn es um meine Arbeit ging. Aber was außerhalb des Studios ablief, war mir suspekt. Ich bin bis heute Musiker und kein Stratege, die Schreibtischtäter habe ich verabscheut. Dazu kam meine Experimentierlust. Viele hielten mich damals schlicht für subversiv.

SPIEGEL ONLINE: Von welchen Experimenten sprechen Sie?

Hazlewood: Von meiner Reiselust. Der Hunger nach anderen Ländern, anderer Musik. Ende der sechziger Jahre siedelte ich nach Schweden über, später nach Deutschland und Spanien. Ich wollte mich ausprobieren, als Mensch und als Musiker. Amerika war mir zu dogmatisch, zu engstirnig. Nach den Erfolgen mit Nancy Sinatra wurde ich festgelegt auf diese Duettnummer, als Songschreiber wie als Musiker und Sänger. Die Leute wollten nur Nancy und mich gemeinsam sehen, aber niemals einen von uns allein. Das hat uns beiden zu schaffen gemacht. Ich musste raus, suchte ich das Abenteuer. Ich wollte mein Ego befriedigen. Mir beweisen, dass ich es überall schaffe, auch allein.

SPIEGEL ONLINE: In Amerika hätten Sie es jedoch als Songwriter zu großem Ruhm und Reichtum bringen können.

Hazlewood: Ja, Augen zu und durch. Ein paar Jahre hätte das vielleicht sogar funktioniert. Aber dann? Wahrscheinlich würde ich bis heute durch Seniorenheime tingeln und vor Veteranenclubs die alten Nancy-und-Lee-Songs spielen. Ich wollte aber mehr, mich weiterentwickeln, doch das amerikanische Publikum war damals nicht bereit für drastische Veränderungen. Sie hätten es mir übel genommen.

SPIEGEL ONLINE: Apropos Nancy: Sie haben jede Menge Gaststars auf "Cake Or Death" versammelt, beispielsweise Ihre Enkeltochter Phaedra und den deutschen Rocksänger Bela B. Aber warum nicht Nancy Sinatra?

Hazlewood: Weil es sich irgendwie nicht gut angefühlt hätte. Nancy und ich sind nach der letzten Zusammenarbeit im Guten auseinander gegangen. Das muss reichen. Ich glaube, gerade weil so viele Menschen einen neuen gemeinsamen Song erwartet hätten, wollte ich das nicht. Die anderen Titel wären dabei nur in den Hintergrund gerückt.

SPIEGEL ONLINE: Sie und Nancy galten lange als das Traumpaar der sechziger Jahre. Warum ging Ihre Beziehung nie über das berufliche hinaus?

Hazlewood: Berufliches und Privates sollte man voneinander trennen. Wenn man gemeinsam erfolgreich ist, umso mehr. Da bin ich altmodisch. Aber Nancy und ich verstehen uns bis heute, und wissen Sie warum? Weil wir nicht miteinander im Bett waren. Nicht, dass ich niemals Lust gehabt hätte. Aber ich habe eben meine Prinzipien, und darauf bin ich stolz. Aber ich habe viel mit Nancy gelacht, wir haben beide denselben Humor. Vor drei Jahren, bei der Präsentation unseres letzten Duett-Albums, wurden wir Arm in Arm fotografiert. Plötzlich packte sie meine Hand, legte sie auf ihre Brust und fragte mich: "Wie findest du das? Hattest du nie Lust, da mal zuzupacken?"

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie darauf geantwortet?

Hazlewood: Dass meine Frau mehr in der Bluse hätte als sie. Wir haben beide gelacht.

SPIEGEL ONLINE: Heute wollen Musiker möglichst schnell möglichst viel Geld verdienen. Qualität bleibt da oft auf der Strecke. Ist Ihnen diese Schnelligkeit zuwider?

Hazlewood: Ich verfolge noch sehr genau, was heute gehört wird und im Trend liegt, aber ich gebe zu, dass ich nicht mehr Schritt halten kann. Ich glaube, das ist das eigentliche Problem dieser Branche geworden. Mit wem sollen sich die Kinder heutzutage noch identifizieren können, wenn es jede Woche einen neuen Superstar zu feiern gibt? Wer soll sich die ganzen Platten kaufen und den Überblick behalten? Es wird immer schwieriger, sich als junger Mensch zu positionieren. Aber wenn man selbst in der Musik keinen Halt mehr findet, wo dann? Besonders die Casting-Shows machen eine Menge kaputt. Sie gaukeln den Kandidaten ein Leben vor, das rein gar nichts mit der Realität eines Musikers zu tun hat. Zu Erfolg gehört auch Misserfolg, aber den lernen die blonden Püppchen da gar nicht kennen. Junge Musiker wollen zu schnell zu viel. Musik ist heute neben der Filmkarriere, der eigenen Modelinie und einem selbst kreierten Parfum nur noch ein Baustein von vielen.

SPIEGEL ONLINE: Kürzlich durfte die Sängerin Jessica Simpson ihren größten Evergreen "These Boots Are Made For Walking" neu aufnehmen. Der Titel wurde als Werbung für eine Pizzakette eingesetzt. Stört Sie das nicht?

Hazlewood: Wieso? Das Mädchen hat das doch toll gemacht. Der Titel wurde sechzehn Wochen lang eingesetzt, die Single ging in die Charts, und man hat wieder mal über den alten Lee geredet. Wissen Sie, was das für mich bedeutet? Ich habe für Nichtstun einen Haufen Geld gescheffelt. Und die Pizza von denen ist gar nicht mal so übel.

SPIEGEL ONLINE: Mögen Sie Ihre alten Hits überhaupt noch hören?

Hazlewood: Selbstverständlich. Würde ich sie nicht mehr hören wollen, hieße das ja, ich würde nicht mehr zu meiner Arbeit stehen. Aber Lieder sind wie Kinder. Von denen verstößt man ja auch keines, nur weil es mal ungezogen ist.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Evergreens werden Sie zweifellos überleben. Was sollte nicht unerwähnt bleiben, wenn man später über Lee Hazlewood spricht?

Hazlewood: Er hat immer ein Lächeln auf den Lippen gehabt, tolle Songs geschrieben und nie eine Frau geschlagen. Und er hat gesoffen wie ein Loch. Das triffts.

Das Interview führte Stéfan Picker-Dressel.



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