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Zum Tod von Slayer-Gitarrist Hanneman Gott des Gemetzels

Er ließ Blut auf Millionen von Menschen regnen. Er komponierte eine Killerhymne auf den Auschwitz-Arzt Josef Mengele. Seine Songs haben Slayer zu einer der größten Heavy-Metal-Bands der Welt gemacht - und ihn selbst unsterblich: Ein Abschied vom verstorbenen Gitarristen Jeff Hanneman.

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Am 6. Oktober des Jahres 1990, nur drei Tage nach dem deutschen Einheitsrausch, brachte ein Familienauto aus der niedersächsischen Provinz bei Osnabrück einige junge Männer, ältere Jungs und recht viel billiges Büchsenbier in das rund 180 Kilometer entfernte Düsseldorf, wo ein Gemetzel antiken Ausmaßes angekündigt war - der "Clash of the Titans" sollte sich am Rhein ereignen, für 35 Mark traten in der Philippshalle gegeneinander an: Testament, Suicidal Tendencies, Megadeth. Und, klar, Slayer.


Before you see the light/ you must die ( Slayer, "South Of Heaven")

Es war das erste Mal, dass ich die Band live sah an diesem Tag: Frontmann Tom Araya berserkerte wie ein Derwisch im Blutrausch über die Bühne, Gitarrist Kerry King perforierte mit seinem Nagelarmband die stickige Luft über unseren Köpfen, Drummer Dave Lombardo verprügelte alle Anwesenden inklusive seiner selbst. Ich sollte noch einige Slayer-Konzerte in den kommenden Jahren erleben. Doch eines änderte sich auch später nie: Jeff Hanneman, "der zweite Gitarrist" wurde immer irgendwie ein bisschen übersehen.

Nun war Hanneman kein genialischer Tontüftler, der sich fern des Rampenlichts in die Bühnenecke verdrückte, um aus seinem Schattenreich infernalische Riffgewitter aufs Publikum herabregnen zu lassen. Er hatte Slayer (zu deutsch: Totschläger) ja immerhin 1981 mit Kerry King gegründet, und Fans wussten um seinen Rang: Unmöglich, eine nur ansatzweise ernstzunehmende Best-of-Band-Setlist zu erstellen, die nicht gleich mehrere Songs enthält, die Hanneman entweder selbst geschrieben hat, oder an deren Entstehung er maßgeblich beteiligt war.

Slayer - "Raining Blood" (live)
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Slayer: "Reign in Blood"-Video auf tape.tv ansehen.

Allen voran: "Raining Blood" vom Album "Reign in Blood" (erschienen 1986), einer der noch immer gnadenlosesten Metal-Songs überhaupt. Dann: "South of Heaven" vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 1988, ein fast schwermütiger Trip ins Jenseits. "Seasons in the Abyss" von der gleichnamigen Platte (1990), eine sich anfangs unwiderstehlich zäh dahinschleppende Lang-Variation von "South of Heaven", zu der die Band einen teilweise in Schwarzweiß gefilmten Videoclip drehte, der sie als neo-nihilistische Nil-Kreuzfahrer zeigte. Schließlich: Unterleibsgeschosse wie "War Ensemble". Und ja, auch die kontroverse Knüppelhymne "Angel of Death", in der der KZ-Arzt Josef Mengele, der berüchtigte "Engel des Todes", zu einem Auftritt kam, den Slayer politisch extrem unkorrekt zweideutig inszenierten: "Auschwitz, the meaning of pain/ The way that I want you to die/ Slow death, immense decay/ Showers that cleanse you of your life."

Nazis? Ein Verdacht, dem sich die Band immer mal wieder ausgesetzt sahen. Das Spiel mit NS-Gedöns wie Kriegsmedaillen war eine Obsession von Hanneman. Der rechtfertigte seine fragwürdige Leidenschaft familiär: Sein Vater hatte im Zweiten Weltkrieg gekämpft, seine Brüder in Vietnam. Die historischen Tischgespräche im Hause Hanneman hatten Jeffs Blick auf Verderben und Vernichtung offenbar nicht analytisch geschult, sondern seine Lust am Morbiden und Provokanten geweckt: Entsprechend trug er seine Sammelobjekte stolz öffentlich zur Schau; allerdings genauso wie seine Verehrung für die Dead Kennedys, die politisch eindeutig linken Urväter des US-Hardcore.

Die Blumen des Bösen

Damit stand Jeff Hanneman beispielhaft für viele Musiker des Thrash-Genres, das sich in der Reagan-Ära herausgebildet hatte und dessen fast ausnahmslos männliche Anhänger sich tendenziell aus sozial schwächeren, urbanen Schichten rekrutierten. Thrash fusionierte Elemente des klassischen Metal und des frühen US-Hardcore. Und obwohl diese Ahnenschaft eine eher linke Haltung begünstigte, blieb die Szene politisch inkohärent und das Politische oft implizit: als unterschiedslose, anti-intellektualistische Verweigerungshaltung, als eine von vulgär-existenzialistischer Wut auf die herrschenden Verhältnisse befeuerte Raserei, die freilich in handwerklicher Hinsicht den Musikern oft viel abverlangte.

Die Hotbeds des Thrash standen an der US-Ostküste, vor allem in New York, wo sich Overkill, Anthrax oder Nuclear Assault formierten. Und eben in der sonnigen Bay Area rund um San Francisco in Kalifornien, woher auch der 1964 in Oakland geborene Hanneman stammte. Hier hatten in den Sechzigern die Hippies ihre Heydays gefeiert. Mitte der achtziger Jahre erblühten nun die Blumen des Bösen: Slayer, Metallica, Exodus, kurz darauf auch Testament, Death Angel oder Forbidden.

Obwohl Thrash Metal Millionen begeisterte und bewegte, wird er noch immer oft mit einer leicht spöttelnden Ignoranz bedacht: In der Todesmeldung, die die Nachrichtenagentur dpa verbreitete und die auch SPIEGEL ONLINE als Grundlage für den ersten Artikel zum Ableben des Slayer-Gitarristen diente, fehlte, wie so häufig, das erste "h" im Thrash. Dafür fand sich in Megadeth ein "a" zu viel. Und dazu verschickte die Agentur ein Foto von Exodus-Gitarrist Gary Holt, das vermeintlich den verstorbenen Hanneman zeigte - wohl, weil Holt ihn bei Slayer vertreten hat. Aber vielleicht muss das so sein, denn die Metal-Szene bezieht ja einen Teil ihrer Identität daraus, gering geschätzt zu werden, so sehr die Fans sich auch darüber beschweren mögen, als Hobbit- und Hölle-Prolls verhöhnt und mit dem Spruch "lange Haare, kurzer Verstand" verspottet zu werden.

Am kommerziellen Erfolg ändert das eh nichts: So groß wie Metallica wurden Slayer nie, bei der Grammy-Gala gab's aber schon Gold. Im Gegensatz zum Psycho-Pärchen James Hetfield und Lars Ulrich legten sich Slayer allerdings nie gemeinsam auf eine öffentliche Therapiecouch oder unternahmen allzu gewagte stilistische Ausflüge. Man blieb dem Serienmörder-Satansbraten-und-Abschlachter-Sound auf insgesamt elf Studioalben weitgehend treu, man lieferte sozusagen amtlich ab, doch nie so roh und so brutal und so gut wie zu Beginn, denn man verfettete halt auch ein wenig mit den Jahren, machte Entziehungskuren und verlor ein paar Haare, wie's als normalsterblicher Rockstar eben so ist.

Im August dieses Jahres sollen Slayer in Hamburg auftreten, meine Anreise fiele dieses Mal sehr viel kürzer aus als 1990. Das Konzert wurde vor ein paar Monaten angekündigt mit einem ersten Plakat, auf dem bloß das Band-Logo abgedruckt war, kein Ort, kein Datum, kein Nichts, nur der Schriftzug, in rot, versteht sich, wie passend: Slayer, pur, rein, Energie.

Ob sie nun trotzdem spielen werden? Falls sie es tun, bin ich sicher: Es wird Blut regnen. Und Jeff Hanneman wird dabei sein. Live. Undead.



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106 Leserkommentare
TimskiW. 03.05.2013
bundestrollamt 03.05.2013
willy04 03.05.2013
on06081970 03.05.2013
xaindsleena 03.05.2013
thomasgruenhage 03.05.2013
aceofspades79 03.05.2013
emmetbrown05 03.05.2013
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retrofool 03.05.2013
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larss 03.05.2013
77fun 03.05.2013
OliverRöseler 03.05.2013
silberwolf 03.05.2013
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Ultradeterminant 03.05.2013
nachtmahr79 03.05.2013
telltaleheart 03.05.2013
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michaelkaloff 03.05.2013
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Reg Schuh 03.05.2013
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Nevermeind 10.05.2013

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