Sly and the Family Stone Eine schrecklich wilde Familie

Sly Stone ist einer der großen, traurigen Helden des Soul. Er revolutionierte das Genre und verirrte sich im Drogenrausch. An die Wucht seiner großen Jahre erinnert nun ein CD-Set mit vier triumphalen Konzerten von 1968.

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Bill Graham, der Betreiber des Fillmore East in New York, war eigentlich nicht an Sly and the Family Stone interessiert. Eine Skepsis, die er mit vielen Kollegen der Musikbranche teilte, da sich diese Band allen bislang etablierten Kategorien der Branche entzog: Schwarze und Weiße, Männer und Frauen - vereint in einer Gang. Das war in der zweiten Hälfte der Sechziger noch nahezu unerhört.

Ebenso kühn war der Sound von Sly and the Family Stone: ein furioser Orkan von Soul, Rock, Jazz, Pop, Funk, Gospel und Psychedelik, der damals viele Hörer überforderte. Aber schließlich erreichte auch Bill Graham die Ansicht, dass nur wenige Bands Sly and the Family Stone auf der Bühne das Wasser reichen konnten; also buchte er sie im Herbst 1968 dann doch.

Die vier spektakulären Shows, die die Band am vierten und fünften Oktober 1968 in Grahams Laden absolvierte, wurden aufgezeichnet. Der Plan der Plattenfirma war, aus den Höhepunkten der Konzerte ein Live-Album zu destillieren.

Denn das größte Problem von Sly and the Family Stone war, dass sie zwar den Ruf als tolle Live-Band hatten, aber in den Charts nicht punkteten. Ihre ersten Alben waren das, was man etwas mitleidig gern "Achtungserfolge" nennt und mit "Dance to the Music" hatte es nur einer ihrer Songs knapp in die Top Ten geschafft.

Aber mit "Everyday People" rauschten sie dann etwas überraschend noch an die Spitze der Charts und die Konzertaufnahmen aus dem Fillmore East verschwanden im Archiv.

Daneben wirkten die Motown-Stars wie Sparkassenangestellte

Nebenbei führten Sly Stone und seine Gang so noch den Geist der Bürgerrechtsbewegung in die Charts, denn das etwas betulich daherkommende Stück verkündete - in Zeiten auch damals schwelender Rassenkonflikte -, dass kein Mensch besser als die anderen sei.

Mit Songs wie diesem und ihren kompromisslosen Auftritten revolutionierten Sly and the Family Stone den Soul. Sie brachen mit all den Klischees, die Labels wie Motown routiniert bedienten. Sly Stone and the Family Stone waren ein bonbonfarbener Kugelblitz, der die Branche elektrisierte. Neben diesen wilden Freigeistern kamen bewährte Kollegen wie The Four Tops oder Diana Ross and The Supremes wie brave Sparkassenangestellte daher, die bloß nicht unangenehm auffallen wollten.

Dazu kam, dass Sly Stone, anders als viele Soulgrößen jener Zeit, keine Marionette war, sondern ein hochbegabter unabhängiger Musiker. Der in Kalifornien aufgewachsene Sly Stone hatte in jungen Jahren Gospel gesungen, als Radio-DJ und Platten-Produzent gearbeitet und ließ sich nie auf ein Genre festnageln.

Entsprechend unkonventionell ging er Sly and the Family Stone an. Sein gesundes Selbstbewusstsein, was Musik, aber auch seinen sozialen Status angeht, belegt die feine Anekdote von einem Konzert, bei dem er auf der Bühne dem Publikum berichtete, wie nah er vor der Show der weißen Freundin des Klubbesitzers in der Garderobe gekommen sei. Die Band wurde nach der Show mit einer Polizei-Eskorte aus der Stadt gebracht.

Als einer der Höhepunkte in der Karriere von Sly and the Family Stone gilt auch ihr Auftritt beim Woodstock Festival 1969. Was Sly Stone aber jenseits aller grellen Auftritte zu bieten hatte, belegen die brillanten Songs jener Jahre; So wie "Thank You (Falettinme Be Mice Elf Agin)", "Family Affair" oder "I Want To Take You Higher".

Dummerweise befeuerte Stone seine Euphorie zunehmend mit allerlei illegalen "Erfrischungen". Der Legende nach hatte er damals stets einen Geigenkasten, der randvoll mit Koks und Tabletten war, in Griffnähe. Dass ihm diese Neigung zunehmend die Stimmung verdüsterte, schlug sich bald in der Musik nieder - insbesondere auf dem so eindrucksvollen wie finsteren Album "There's A Riot Going On".

Danach baute der Mann zunehmend ab; die Fluktuation in der Band nahm zu, der Erfolg ließ nach. Die Tiefpunkte waren zahlreich: ein Knastaufenthalt wegen Drogenbesitzes etwa, und ein Van als jahrelange Heimstatt. Dass Sly Stone obendrein um viel Geld betrogen worden war, bestätigte jüngst ein Gericht, das ihm in diesem Frühjahr fünf Millionen Dollar Schadensersatz zusprach.

An seine besten Zeiten allerdings erinnern die Konzerte aus dem Fillmore East, die jetzt in voller Pracht auf vier CDs veröffentlicht wurden. Da spielt die Band so entfesselt, wie sie im Studio nie klang. Besonderen Spaß macht diese Musik bei maximaler Lautstärke - so wie damals im Fillmore East.


Sly and the Family Stone: "Live at the Fillmore East" (Sony)



insgesamt 8 Beiträge
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lilsue66 04.09.2015
1. hey interessant...
...hoffentlich find ich was auf YouTube!
dolfi 04.09.2015
2. Erfinder der Slap Technik beim E-Bass
Die funkige Rythm Section geht wohl auf den Bassisten Larry Graham zurück, der als Erfinder der Slap Technik auf dem E-Bass gilt. Sly and the Family Stone war eine der ersten Bands, die dies exzessiv einsetzten. Andere Bands, etwa Flea von den Red Hot Chilli Peppers oder Jamiroquai bezeichnen Sly and the Family Stone als Vorbilder.
Ossifriese 04.09.2015
3. Seele
Schön, dass man sich an Sly und seine Family erinnert! Als Mitte der 60er die Soul-Welle auch nach Deutschalnd überschwappte und selbst der schrottigste und sentimentalste Kitsch (Heintjes "Mama" war übrigens auch ein solches Original!) ziemlich schnell die Gehörgänge verstopfte, war es vor allem Sly, dessen Musik immer noch rockig in die Ohren ging.
ty coon 04.09.2015
4. .
Zitat von lilsue66...hoffentlich find ich was auf YouTube!
Viel Glück beim Stöbern. Wenn Sie nur einen halbwegs brauchbaren Musikgeschmack haben, dann werden Sie garantiert fündig. Schön, daß hier an Sly erinnert wird -- er ist seit eh und je einer meiner großen Lieblinge.
chromakey 04.09.2015
5. Da hier bereits Larry Graham erwähnt wurde...
Seine Band Graham Central Station würde ich als legitime Nachfolger betrachten, sensationelle Songs wie "We ´bees going down, oder Hair" sind nach wie vor auf meiner mobilen Playlist. https://www.youtube.com/watch?v=CwVL5RdEROM
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