Von Hannah Pilarczyk
Natürlich fängt "Reincarnated" mit Rauchschwaden an. Anders kann ein Film über den bekanntesten lebenden Kiffer der Welt ja gar nicht anfangen. Zumal Snoop Dogg auch noch auf den Spuren von Bob Marley wandelt - dem bekanntesten toten Kiffer der Welt.
Einen Monat hat Snoop Dogg im Sommer 2012 auf Jamaica verbracht und sich nicht nur einen neuen Namen (Snoop Lion), einen neuen Musikstil (Reggae) und ein neues Album ("Reincarnated") zugelegt, sondern auch Grundkenntnisse in Rastafarianism erworben. Was genau bei dieser Mischung aus Bildungsurlaub und Dienstreise passiert ist, ist jetzt in einer Film-Doku zu sehen, die nur diesen Freitag in ausgewählten Kinos läuft und im Anschluss auf DVD erscheint.
Großer Star, große Karikatur
"Ich hab endlich was zu sagen", beschwört Snoop in dem anderthalbstündigen Film "Reincarnated" (Wiedergeboren). Gemeint sind die Texte seines neuen Albums, die sich um Glaube, Liebe, THC drehen. Er ergänzt schnell selbst, dass er auch schon mit seinen Rap-Songs etwas zu sagen hatte und nicht nur Dünnsinn verbreitete. Aber die Botschaft von Film und Album soll ja sein: Alles neu machte der Mai auf Jamaica. Deshalb legt sich Snoop bei der Überzeugungsarbeit, dass der 41 Jahre alte Calvin Broadus Jr. überhaupt nicht mehr der alte Snoop Dogg ist, auch mächtig ins Zeug.
Immer wieder wird an seine von Gewalt geprägte Jugend in L.A. und an den Aufstieg zum Gangsta-Rap-Star erinnert, was dann umso wirkungsvoller mit aktuellen Bildern von chilliger Studioarbeit und kuscheligem Familienleben kontrastiert wird. Was Snoops Hinwendung zu iron, lion, zion ausgelöst hat, bleibt dabei größtenteils im Dunkeln. Womöglich hat es etwas mit dem frühen Tod von Nate Dogg, seinem Cousin und langjährigen Kollaborateur ("Regulate"), zu tun. Wahrscheinlicher ist aber, dass Snoop - wie nicht wenige Mittvierziger - einfach in das gemütliche Fahrwasser des middle age wechseln wollte.
Snoop war nämlich schon immer der Trickster des HipHop, er stieg zu einem der größten Stars des Gangsta-Rap auf und gab zugleich die größte Karikatur des Genres ab. Nicht zuletzt aufgrund seiner außergewöhnlichen Physiognomie, deren kaninen Charakter er selbstbewusst mit seinem Künstlernamen herausstellte, wirkte bei Snoop alles immer auch wie Augenzwinkern. Selbst die Romantisierung des pimp, der Zuhälterfigur, übertrieb er mit Freude und trieb sie mit groteskem Schmuck und bunten Pelzmänteln an den Rand der Lächerlichkeit.
In den nachdenklich daher kommenden Gesprächspassagen erklärt Snoop auch, wie er zum Gangstertum und zur Pimp-Figur kam: Die alleinerziehende Mutter hatte es nicht geschafft, ihm männliche Identifikationsmomente zu bieten. Weil in den sozial schwachen Vierteln allein Zuhälter als starke Männer auftraten, wurden sie für Jungen zu Vorbildern - nicht nur auf popkultureller Ebene, sondern auch auf praktischer. Immerhin steht Snoop dazu, dass er selbst in jungen Jahren einige Frauen ("drei bis vier") für sich anschaffen ließ.
Dass sich sein zweifelhaftes Frauenbild linear in die Gegenwart fortsetzt, muss man sich selbst zusammenreimen. Aber das ist ziemlich augenscheinlich, weil der Film zu 95 Prozent kiffende und quatschende Männer zeigt und sich Snoop mit Rastafari nicht gerade eine frauen-, geschweige denn homosexuellen-freundliche Religion ausgesucht hat. Da reicht es dann eben auch, wenn die Ehefrau, die den Film zusammen mit Snoop produziert hat, und die Töchter, die auf der neuen Platte mitsingen, jeweils nur in die Kamera sagen dürfen, dass Papa jetzt glücklicher wirkt.
Die Rauchschwaden vom Anfang sind also eher als geschickt gezündete Nebelkerzen zu verstehen. Was Snoop als großen Sinneswandel verkaufen will, ist letztlich ein mit mittelgroßem Aufwand inszeniertes Downshifting. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Strahlende Sonne, würziges Marihuana, nette Kinder und eine funktionierende Ehe seien allen Menschen auf der Erde von Herzen gegönnt, auch Snoop. Aber ein bisschen offener kann man zu seiner Entdeckung der Gemütlichkeit schon stehen.
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