Neues Album von Solange Knowles Beben im Kofferraum

Was kommt nach dem Ritterschlag? Solange Knowles wurde vor zwei Jahren zur Symbolfigur für politisch bewussten R&B. Ihr neues Album "When I Get Home" begegnet diesem Anspruch mit souveräner Lässigkeit.

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Im Januar 2017, auf dem bisherigen Höhepunkt ihrer Karriere, trat Solange Knowles beim Peace Ball in Washington D.C. auf, einer Art demokratisch-liberalen Gegenveranstaltung zur Inaugurationsfeier für Donald Trump. Vorgestellt wurde sie von der schwarzen Bürgerrechts-Ikone Angela Davis, zeitweise Mitglied der Black-Panther-Partei, Kommunistin, Feministin, linke Vorzeige-Intellektuelle. Davis sagte: "Ganz sicher brauchen wir für unseren Widerstand die Kunst. Wir brauchen Musik. Wir brauchen Poesie... und nun werdet ihr Zeuge einer Performance von einer Frau, die uns dabei helfen wird, die Hymnen unseres Widerstands zu produzieren."

Es war ein Ritterschlag für die Sängerin. Sie hatte gerade ihr bahnbrechendes Album "A Seat At The Table" herausgebracht, und darauf ihre Identität als verletzliche, aber auch resiliente schwarze Künstlerin formuliert. Songs wie "Don't Touch My Hair" oder "Cranes In The Sky" wurden im Herbst der erschütternden Trump-Wahl zu sinnstiftenden, Hoffnung und Selbstbewusstsein spendenden Liedern für eine verunsicherte, von institutionellem Rassismus und Rechtspopulismus gebeutelte Gemeinschaft.

Solange hatte sich als Künstlerin von ihrer älteren Schwester, dem R&B-Superstar Beyoncé, emanzipiert und als eigenständige diskurs- und kunstsinnigere Pop-Persönlichkeit etabliert - und sollte nun, so Davis' Vorstellung, zur Stimme einer neuen Protest-Generation werden.

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Solange Knowles' neues Album "When I Get Home": Beiläufig und experimentell

Wie soll man mit dieser gesellschaftspolitischen Last auf Schultern und Geist umgehen? Vielleicht genau so wie Solange am vergangenen Freitag. Um Mitternacht veröffentlichte sie ohne viel Gewese ihr neues Album "When I Get Home". Es wirkt mit knapp 40 Minuten Spielzeit und kaum Songs über der Drei-Minuten-Marke beiläufig und experimentell, geradezu unfertig angesichts der Tatsache, dass die Popwelt auf kaum ein Album sehnsüchtiger und neugieriger wartete als auf dieses. Repetitive, sehr reduzierte Texte und ein offener, gleitender Jazz-Vibe bestimmen die 19 Tracks, die immer wieder von kurzen Interludien unterbrochen werden. Es begegnet also dem Druck, ein bedeutsames Großwerk zu veröffentlichen, mit demonstrativer Lässigkeit.

Aber keinesfalls mit Laissez-faire.

Anders als viele R&B-Sängerinnen ihrer Generation lässt sich Solange nicht von Songwriter-Camps oder schwedischen Hit-Lieferanten helfen, wenn es ums Songwriting geht. Es gibt zwar eine ganze Heerschar teils illustrer Gäste und Features auf "When I Get Home", aber kein Text, kein Produzenten-Credit kommt ohne ihren Namen aus. Hip-Hop- und R&B-Stars wie Pharrell Williams, Devonte "Blood Orange" Hynes, Gucci Mane, Sampha, Playboi Carti, Earl Sweatshirt, das New Yorker Avantgarde-Kollektiv Standing On The Corner oder Indie-Musiker Panda Bear - sie alle stellen ihre Beiträge hier der künstlerischen Vision von Solange zur Verfügung - in einem kollaborativen Prozess der Groove- und Sound-Findung, der letztlich ergebnisoffen und transzendent bleibt. Das muss man als Hörer aushalten.

Denn wer von Popmusik politische Antworten oder gar Agitation erwartet, wird von Solange und ihrem Premium-Hipster-Kollektiv größtenteils afroamerikanischer Prägung mit souveräner Musikalität ausgebremst - und mit milden, spirituellen Klängen und warmen Moog-Keyboards umarmt. Was nicht bedeutet, dass "When I Get Home" nicht swingt. "Im Kern ist da eine Menge Jazz", sagte Solange in einem Interview während der Aufnahmen im letzten Jahr, "aber mit Elektronik und Hip-Hop-Drums und -Bässen, weil ich will, dass es kesselt und deinen Kofferraum zum Beben bringt - because I want it to bang and make your trunk rattle."

So stehen am Fusion-Jazz geschulte Slow Jams wie "My Skin My Logo" (mit Gucci Mane) neben fast klassischen R&B-Balladen wie "Jerrod" und "Dreams" und Funk-Midtempos wie "Way To The Show". Der Vibe bleibt stets "mellow", auf selbstgewisse Art entspannt, auch wenn es, wie in "Binz" um rassistische Schwarzen-Klischees geht oder, wie im nervös zischenden Album-Highlight "Almeda", um die melancholische Reflexion der eigenen Hautfarbe und Kultur: Brown leaves, brown keys/ Brown zippers, brown face/ Black skin, black braids/ Black waves, black days", eine Art Update von "Don't Touch My Hair" in Cut-up-Form.

Ansonsten erinnert hier nicht viel an die inhaltliche und auch ästhetische Geschlossenheit von "A Seat At The Table", was irritierend, aber eben auch herausfordernd ist. Als Narrativ dient die schon im Titel angelegte Heimkehr zu Wurzeln und Herkunft. Ähnlich wie ihre Schwester mit "Lemonade" ermächtigt sich Solange ihrer Kindheit im Third Ward von Houston, Texas, mit einer Jugend und Teenie-Zeit zwischen Western- und Rodeo-Tradition, Space-Age-Utopien, Southern Rap und Country-Soul also, die sie traumwandlerisch durchdringt. "Some things I imagined", warnt sie in hypnotischer Wiederholung, im Intro-Song.

Ein halbstündiger Film zum Album (auf Apple Music) illustriert die für sie prägende Zeichenwelt mit Tanz-Performances, Cowgirls, surrealen Szenenbildern von berittenen Polizisten auf weißen Pferden und Selfie-Clips.

In einer Szene, zum Song "Stay Flo", zieht eine schwarze Überfrau im silberglänzenden Bikini ein Flugzeug-Cockpit über eine Landebahn in der Wüste - ein feministisch invertierter Russ-Meyer-Film. "Girls getting down every day/ Working out of town on the floor", heißt es im Text.

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Sind das also die von Angela Davis ausgemalten Anstöße für Hymnen der kämpferischen Weiblichkeit und des Widerstands? Ja und nein. Solange macht sich mit ihrem Schritt ins Skizzenhafte zum Gefäß für Projektionen und Phantasien: "You can work through me/ You can say what you need in my mind", bietet sie im letzten, lichtdurchfluteten Song an, der "I'm A Witness" heißt.

Damit zieht sie sich - vorerst - auf die befreiende Position des Künstlers als Zeuge zurück. Inspiration gibt sie vielleicht sogar klüger und reichhaltiger als zuvor - die Aktion bleibt uns überlassen. Fair enough.

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