Von Christoph Twickel
Dauerregen und bleiche Menschen, die nicht tanzen können: Anibal Velásquez und seine Musiker dürften sich vor ihrer Reise nach Deutschland auf einiges eingestellt haben. Aber dass anderthalbtausend Raver anderthalb Stunden lang zu kolumbianischen Oldies aus den Sechzigern und Siebzigern durchdrehen? Das hatten der 75-jährige Akkordeonist und seine Band wohl nicht erwartet.
Weit nach Mitternacht betrat das Ensemble aus Barranquilla Anfang Juli auf dem Fusion-Festival bei Lärz die Bühne. Es dauerte keine dreißig Sekunden, und der Saal kochte. Und das, obwohl nur eine altmodische Quetschkommode und ein paar karibische Percussion-Instrumente mit Namen wie Guacharaca oder Caja am Start waren. Keine fetten elektronischen Beats, kein Sampler, keine Synthesizer, keine der in der Clubmusik üblichen Tools. Dafür aber ein Rhythmus, der es in sich hat. Und den wir hier der Einfachheit halber mal "Cumbia" nennen.
Großmeister wie Anibal Velásquez würden heftigen Einspruch erheben. Denn hinter dem groben Sammelbegriff verbergen sich mindestens ein Dutzend Sub-Genres. Entstanden sind sie in Kolumbien und Panama als Musik der Bauern und Fischer, als Arme-Leute-Entertainment, in der sich die Roots der Indianer und der in die Karibik verschleppten Sklaven mit der Musik der europäischen Einwanderer vermischten. Afrikanische Drums, indigene Blasinstrumente und deutsche Akkordeons - im Norden Kolumbiens wurden daraus Genres wie Porro, Mapalé, Merencumbé, Pompo, Dengue, Bullerengue, Vallenato, Cumbia und so weiter.
Der Marihuana-Boom der Sechziger und Siebziger verhalf den ärmlichen Provinzmusikern zu Status und Geld. Die Drogenbarone finanzierten Plattenproduktionen, Auftritte und Vertrieb - so entstand rund um die hibbelig-hypnotischen Rhythmen der kolumbianischen Karibik eine Popkultur, die ganz Lateinamerika eroberte.
Die DJs in Mexiko nahmen die 45er-Singles mit den pfeilschnellen kolumbianischen Cumbias und Porros und spielten sie auf 33 Umdrehungen ab: Der schwere, bekiffte Sound der Cumbia rebajada, also der "abgesenkten Cumbia" entstand. Im Peru der späten Sechziger entdeckten Beatbands die kolumbianischen Rhythmen und interpretierten sie mit perlenden Twang-Gitarren und andiner Melodik: Das Genre Chicha war geboren.
Überall, wo diese Musik hinkam, veränderte sie sich. Bis heute: Die jungen Baseballkappen-Träger, die sich Akkordeonriffs von Musikern wie Anibal Velásquez auf Festplatten ziehen, sie loopen und mit Beats und Bässen aufpimpen, nennen ihren Sound New Cumbia oder Cumbia Digital.
Unmodische Vorstadt-Typen mit Umhänge-Keyboards
Gómez spielte in lokalen Tanzbands, als zur Jahrtausendwende in Argentinien die "Cumbia Villera" entstand, die "Vorstadt-Cumbia": Eckige Synthesizer-Sounds, gespielt von unmodischen Typen mit Schnauzbärten, bunten Anzügen und Umhänge-Keyboards. In den Texten ging es um Drogen, Frauen und schnelles Geld, die bekanntesten Bands wie Damas Gratis oder Los Pibes Chorros spielten in den Villas vor Tausenden von Tänzern.
Vor ein paar Jahren entdeckten die Hipster in den wohlhabenderen Stadtteilen von Buenos Aires den eigenartigen Sound der Cumbia Villera. Im szenig-alternativen Palermo Soho gründeten sie den Zizek-Club, benannt nach dem slowenischen Theoretiker. Der Club wurde zur Keimzelle der Cumbia Digital. Produzenten wie El Remolón, Chancha Via Circuito, Lucas Luisao oder Villa Diamante mischten Cumbia Villera-Instrumentals mit US-HipHop-Acapellas und produzierten einen tropischen Bastard-Pop, der die DJs von Berlin bis New York elektrisierte.
Wenig erinnert heute in den Produktionen des clubeigenen Labels ZZK Records noch an die Folk-Roots des Genres. Das neue Album "Manshines" des Duos Fauna, das im September erscheint, kombiniert zum Beispiel den schwülen karibischen Swing mit mächtigen Sub-Bässen, Elektronik-Beats und überdrehten Raps.
Das elektronische Cumbia-Fieber hat sich in den letzten Jahren von Lateinamerika in Richtung Norden verbreitet: In Brooklyn schraubt Uproot Andy an seinen euphorisierenden Moog-Cumbias herum, in Los Angeles veröffentlicht das Label Bersa Discos schmutzige Dancehall-Cumbia-Mashups, aus Barcelona kommen die balearisch-entspannten Elektro-Cumbias von DJ Sabo und in Copenhagen sorgt das Copia Doble Sistema für verschwitzte Säle.
Kennengelernt hat Tomaszewski die Cumbia Ende der Neunziger als 17-jähriger Austauschschüler in Kolumbien. Bei einer Poolparty von Mittelklasse-Jugendlichen spielte eine Band tropische Musik, die funky war und für die er sich weder komplizierte Tanzschritte noch Latin-Lover-Gehabe zulegen musste. "Bis dato kannte ich nur Salsa und war total schüchtern, weil ich das nicht tanzen kann. Dann habe ich gemerkt: Cumbia ist ja total einfach."
Und weil sie so einfach ist, funktioniert sie eben auch auf den Tanzflächen des globalen Nordens. Einer der Club-Heuler des Sommers 2011 stammt von dem Münchner Produzententeam Schlachthofbronx: Für ihren Track " Chambacu" kombinieren sie eine mächtige Bassdrum mit Drucklufthupen-Stakkato und dem eindringlichen Stimmchen des kolumbianischen Kinderstars Aurita Castillo. In dem Originalsong aus den Siebzigern besingt sie das Armenviertel Chambacú in Cartagena, das 1971 abgerissen wurde, um die Altstadt der karibischen Metropole attraktiver zu machen.
Das Frankfurter Label Analog Africa hat im vergangenen Jahr die Hits von Akkordeon-Altmeister Anibal Velásquez zu einer aufwendigen CD-Box gebündelt.
Und bei Soundway Records aus London sind in diesem Jahr zwei Alben erschienen, die die erstaunliche Geschichte des Familienunternehmens Discos Fuentes erzählen: eine Plattenfirma, die für Kolumbiens Musikkultur etwa so wichtig ist wie das Studio One für Jamaica. Die Compilation "Cartagena!" widmet sich dem Werk des Produzenten Curro Fuentes, der im Rotlichtmilieu der karibischen Hafenstadt brilliant schwitzige Aufnahmen machte. Und auf "Aqui Los Bravos!" dürfen wir den musikalischen Weg des Saxophonisten Michi Sarmiento verfolgen, der mit seiner Combo Bravo die Energie der frühen Salsa aus New York mit dem karibischen Flow der Cumbia fusionierte.
Noch heute erinnern sich die Plattensammler von Cartagena mit Schrecken an den Coup, den ihre Konkurrenten aus der Sammlerhochburg Cali Ende der Neunziger landeten: Sie fuhren mit einem Lkw und einem Megaphon durch die ärmsten Viertel der Stadt und forderten die ahnungslosen Barrio-Bewohner auf, ihre alten Schallplatten gegen einen attraktiven Kilopreis auf die Ladefläche zu werfen. Die staubigen Vinyl-Berge verschwanden nach Cali, wurden dort gewaschen und zu Höchstpreisen verkauft.
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