Sophie Hunger "Ich bin ein Messgerät"

Mit ihrem minimalistisch-dunklen Album "Molecules" erfindet sich die Schweizerin auf mitreißende Weise neu. Und fragt sich im Gespräch, ob sie in zehn Jahren wohl noch im Pop-Geschäft mitmischt.

Sophie Hunger
Marikel Lahana

Sophie Hunger


Im heißen August 2018 beschreibt sie sich selbst kühl und ganz Hunger-like so: "Ich erfinde kurze Lieder mit Refrains und spiele sie auf allen mir zur Verfügung stehenden Instrumenten vor einem imaginären oder echten Publikum vor."

Das klingt im ersten Moment nach der für viele Schweizer typischen Selbstverkleinerung - angefangen bei Brötchen und Mohrrüben, die man in der Alpenrepublik verniedlichend "Weggli" und "Rübli" nennt. Doch die Neigung, sich selbst kleiner zu machen, als man ist, geht der in Bern geborenen Helvetin Sophie Hunger ab.

Kein Wunder! Seit Erscheinen ihres furiosen 2008-er Albums "Monday's Ghost" zeigt die Erfolgskurve der musikalisch umtriebigen Diplomatentochter permanent nach oben. Die Schar ihrer Fans wächst stetig - die Kritiker liegen ihr zu Füßen. Ihren Blick auf sich selbst aber hat das nicht im Mindesten getrübt. "Das findet man natürlich schon gut, wenn man gelobt wird. Da fliegt einem das Serotonin um die Ohren. Aber wirklich hilfreich ist das nicht. Denn die Pro Tools Sessions sind nach Lob oder Kritik noch genau so leer oder voll wie vorher."

Sich immer verändern, um der zu bleiben, der man ist!

So darf man Sophie Hungers nüchterne Selbstbeschreibung denn auch als den prosaischen Auto-Steckbrief einer illusionslosen Realistin verstehen, die mit Blick auf ihre nunmehr 16 Jahre währende Arbeit als Sängerin, Songschreiberin und Filmmusikkomponistin sagt: "Man ist froh, dass es zu keiner internen Mumifizierung gekommen ist und man sich tatsächlich immer noch bewegt. Man hat alle medialen Mechanismen durchschaut, man findet das ganze Theater eitel und übt sich in poststrukturalistischer Systemkritik."

In ihrem 2013 veröffentlichten Song "Das Neue" klang diese dann so: "30 ist das neue 20 / Der Mann ist die neue Frau / Freiheit ist das neue Gefängnis / Und reich ist das neue Schlau." Die künstlerisch vorgenommene Umwertung aller Werte, eingeleitet durch poetische Dekonstruktionen und gezielte Paradigmenwechsel - das ist es, was diese Künstlerin offenbar mit Vorliebe zelebriert, und inzwischen wahrhaft meisterlich beherrscht. Denn hier ist eine am Werk, deren künstlerisches Credo zu lauten scheint: Sich immer verändern, um die zu bleiben, die man ist. Alles bleibt anders.

Tatsächlich erscheint das Schaffen der ruhelos zwischen den Stilen und Ausdrucksmöglichkeiten hin und her hüpfenden Musikern wie eine nicht enden wollende Metamorphose: Vom Ei (ihrem Debütalbum "Monday's Ghost) über die Raupe (ihr 2009-er Album "1983") in die Puppe ("Danger of the Light", 2012) zum Falter, ihrem 2105 vorgelegten Album "Supermoon".

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Marikel Lahana

Sophie Hunger

So jedenfalls wirkt die Entwicklungsspur, die die 1983 Geborene seit 2002 gezogen hat. "Trotzdem", so fügt sie einschränkend hinzu, "fragt man sich natürlich, wie lange das so noch gut geht. Und ob man eventuell bereits bleibende Schäden davongetragen hat."

Blickt man auf ihr neues Album und ihre damit einhergehende Verfassung, so scheint diese Angst unbegründet. Denn nun - 2018 - hat sie, so scheint es, all diese Befürchtungen gekonnt in ein Werk übersetzt, mit dem sie obendrein ihren ganz persönlichen Dylan-Augenblick zelebriert hat. Denn so, wie der Meister im Juli 1965 während des legendären "Newport"-Festivals zum Entsetzen seiner Fans seine Fender-Stratocaster an den Verstärker anschloss - und damit sich und seine Musik in ein neues Musikzeitalter katapultierte - so macht auch Sophie Hunger im Rahmen ihres nunmehr fünften Studioalbums "Molecules" Tabula rasa.

Sie hat Ballast abgeworfen, ihre Musik verdichtet, verknappt

Wie? Indem sie den Ehrfurcht gebietenden Berg aus Indie-Pop, Songwriter-Folk, düsterem Chanson und Ambient-Jazz, den sie über die Jahre angehäuft hat, zu einer Art Minimal-Electro-Folk-Hügel abgetragen hat. Sie hat Ballast abgeworfen, ihre Musik verdichtet, verknappt. Alles klanglich Ausufernde aufs Nötigste begrenzt.

Das Resultat sind elf belebend quirlige, sich lustvoll zwischen allen Stühlen gerierende Songs ohne ein Gramm Fett. Synthielastige Tracks, die wie in dem flippigen "Tricks" mal an den minimalistischen Siebzigerjahre-Drumbeat-Pop einer Debby Harry á la "Heart Of Glass" gemahnen. Mal, wie in dem unterkühlten, von zarten Akustikgitarrenklängen umwehten "Silver Lane" an die melancholisch-verhallten Lieder von Marissa Nadler.

Sophie Hunger
DPA

Sophie Hunger

Und wenn das sphärisch entrückte, an späte Air-Stücke erinnernde und mit Weihnachtsglöckchengeklingel anhebende "The Actress" Betriebstemperatur erreicht hat, löst es einmal mehr ein, was Sophie Hunger schon 2015 in dem Song "Du bist die ganze Welt" postulierte: "Ich bin ein Messgerät!"

Denn tatsächlich erscheint ihr neues Werk wie eine mit musikalischen Mitteln betriebene Selbstbefragung, wie die versuchte Vermessung und Verdichtung des eigenen aktuellen Ist-Zustands, auch wenn sie einschränkend dazu bekennt: "Man versucht ja irgendwie das Leben zu übertreffen mit diesen aufwändigen Erfindungen. Doch ich habe schon lange aufgehört, mir zu überlegen, warum man so etwas macht. Was ich tue? Ich denke, es ist eine konfuse Mischung aus Flucht, Hang zum Übertreiben, Übermut und romantisierter Einsamkeit."

Doch was wie ein Eingeständnis eingetretener Ernüchterung erscheint, das erweist sich bei Sophie Hunger vielmehr als neuerliche Klärung und Schärfung des Blicks. Denn diese große Ruhelose muss weiter, immer weiter, hin zu neuen musikalischen Ufern. Stillstand, daran lässt sie keinen Zweifel, würde ihren musikalischen Tod bedeuten.

So wird sie weiter Trends beobachten und ihre Dinge autobiografisch ordnen, um sie anschließend in ihre einzelnen Moleküle zu zerlegen, poetisch zu dekonstruieren, und zu etwas Neuem, manchmal wie absichtslos hingetupft Wirkendem zu arrangieren.

Wohin sie das Ende führt? "Wer weiß?" sagt sie abschließend mit Blick über den Tellerrand. "Alles ist möglich. Kommt wahrscheinlich auch darauf an, was ich für Bücher lese und was für Leute ich kennenlerne. Manchmal freut mich der Gedanke, ich hätte in zehn Jahren mit dem Ganzen nichts mehr am Hut."

Aber noch ist sie ja ganz im Hier und Jetzt. Mit einem mal täubchenhaft gurrenden, mal pop-poetisch auftrumpfenden Radiohead-Nina-Simone-Bastard, der demonstriert, wie verzaubernd popmusikalische Absichtslosigkeit sein kann.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
rjb26 29.08.2018
1. finde ich super
dass es eine richtig gute Musikerin zu einem Artikel in SPON geschafft hat
wieissesdennnurmoeglich 29.08.2018
2. Gut
Ich habe die mir bis dahin Unbekannte vor ein paar Jahren als Vorauftritt vor Marianne Faithful gesehen/-hoert und fand sie weit besser als die alternde Diva.
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