Abgehört - neue Musik Unisexy in die Zukunft

Hochgradig artifiziell: Produzentin Sophie entwirft einen genderfluiden Pop-Sound für die Zukunft. Außerdem: Anti-Gentrifizierungs-Jazz vom Onyx Collective, queerer Gospel von Serpentwithfeet und, klar: Kanye und Nas.

Von und


Sophie - "Oil Of Every Pearl's Un-Inside"
(Transgressive/Pias, seit 15. Juni)

Die genderfluide Produzentin und DJ Sophie aus Glasgow bezeichnete ihren Musikstil einmal als "Advertising" und nannte ihre erste reguläre EP-Veröffentlichung folgerichtig "Product". Das war vor drei Jahren, auf dem Höhepunkt des kleinen Hypes um A.G. Cooks antikapitalistisch unterfüttertes Label PC Music. Dessen Künstler, darunter Hannah Diamond und eben auch Sophie, überzeichneten den Verwertungszusammenhang von größtmöglicher Überzuckerung und Eingängigkeit zu einem hochgradig artifiziellen Konstrukt aus kaskadierenden, zusammenkrachenden Techno-Sounds und brutalistischen Sequenzer-Geräuschen, die speziell Sophie an ihrer Monomachine von Elektron fabrizierte.

Das begeisterte unter anderem Madonna und Diplo, die diesen zersplitterten, aber immer auch euphorischen Alien-Sound per Sophie-Remix in den Mainstream implantierten. Zu Sophies engsten Freundinnen gehört zudem die britische Sängerin und Popkomponistin Charli XCX, eine Grenzgängerin zwischen Avantgarde und Charts. Die beiden arbeiteten an Charlis letzten Mixtapes und EPs zusammen und bilden so etwas wie die Speerspitze eines in die Zukunft weisenden, queer geprägten Popkonzepts. Zuletzt tauchte Sophie auf zwei neuen Album-Tracks ihres Experimentalmusikkollegen Daniel Lopatin alias Oneohtrix Point Never auf. Das einzige, was ihr bisher noch fehlte, war ein Hit.

Den annoncierte Sophie mit der ersten Single aus ihrem Debütalbum: "It's Okay To Cry" ist ein charmantes Hybrid aus Achtzigerjahre-Scritti-Politti und dem Sensibel-Dubstep von James Blake, getarnt als verhuschte R&B-Ballade. Dazu posiert die Künstlerin als Meerjungfrauenwesen mit Schaufensterpuppenarmen auf dem Cover. Schon "Ponyboy" und "Faceshopping" lassen die romantische Maskerade mit schroff aneinanderprallenden Metall- und Industrieklängen auffliegen, zusammengehalten und abgemildert werden sie von R&B-Elementen aus den Neunzigern. Es klingt, als hätte Janet Jackson bei den Noise-Urvätern Throbbing Gristle als Gastsängerin angeheuert. Und es ist toll.

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"My face is the front of shop/ My face is the real shop front/ My shop is the face I front/ I'm real when I shop my face", formuliert Sophie die Suche nach ihrer künstlerischen und privaten Identität in "Faceshopping" in einem Spiegelkabinett voller Images. Allerdings setzt sie auch hier, wie schon bei früheren Liveauftritten, auf einen Avatar: Sängerin auf diesem und anderen Tracks ist die Kanadierin Cecile Believe alias Mozart's Sister. Die Leistung dieses Vexierspiels ist vergleichbar mit den Bemühungen der frühen House- und Techno-Pioniere, die Künstleridentität in den Hintergrund treten zu lassen. Entsprechend egal ist es, ob "Oil On Every Pearl's Un-Inside" die Kunst eines Mannes oder einer Frau enthält: Die Musik entwickelt ihren Charakter auch ohne solche Zuschreibungen, sie ist, im besten aller Sinne, davon befreit.

Immer tiefer hinein in seine Sirenengesänge und -räusche lockt dieser faszinierende, technologisch avancierte Artpop, bis man am Ende auf Melodie und Rhythmus pfeift, sich gleichermaßen befreit komplett in den Klang hinein begibt. Mit "It's Cold In The Water" probt Sophie noch einmal schüchtern den sprichwörtlichen Sprung ins kalte Wasser, dann wird in "Infatuation" mit Laserstrahlen Flipper gespielt, bevor sich "Pretending" vollends in ambient-ambitiöse Drone-Gefilde wagt. Die komplette Auflösung von Körper, Gender und Kapitalismus-Kalkül vollzieht schließlich "Immaterial", eine radikal beschleunigte Vogueing-Nummer, durch die Madonnas "Material Girl" wie ein Echo aus der Vergangenheit geistert. Am Ende steht, wie ein stolzes künstlerisches Manifest wider die Authentizität, die Zukunft einer "Whole New World/ Pretend World" - neun Minuten purer, erlösender Lärm, Pop für Künstliche Intelligenzen, der unsere schwachen Hirne zum Schmelzen bringt. She blinded us with Science! (8.8) Andreas Borcholte

Nas - "Nasir"
(G.O,O,D, Music/Universal, seit 16. Juni)

Und noch eine Runde! Album Nummer vier aus dem Kanye-Camp also - binnen vier Wochen. Was es diesen Freitag zu bestaunen gab? Zur Abwechslung mal eine Frage: Wie zum Henker passt ausgerechnet Nas in diese Reihe? Nasir "Nas" Jones, New Yorker Rap-Legende und einer der besten Lyriker der Hip-Hop-Geschichte, hat in seiner Karriere so ziemlich alles bewiesen - nur eben nie eine geistige Nähe zu den jüngsten Einlassungen seines neuen Produzenten: Sklaverei wirke wie selbst gewählt? Donald Trump habe "dragon energy"? Hirnfürze, gegen die Nas eigentlich seit 27 Jahren inbrünstig anrappt.

Das ist auf "Nasir" nicht anders: Gleich der erste Track, "Not For Radio (feat. Puff Daddy & 070 Shake)", unterstreicht, dass Nas' Überzeugungen wenig mit Wests irrlichternder Twitter-Persona gemein haben: In etwas mehr als drei Minuten greift der 44-Jährige zuerst Abraham Lincoln an ("Abe Lincoln did not free the enslaved"), ledert dann in Richtung Staatsgewalt ("SWAT was created to stop the Panthers") und kündigt eine Art Rache durch Kaufkraft und Landnahme an ("Buyin' back land owned by the slave masters"). Ein beeindruckender Kaltstart - der aber im Verlauf des Albums zum Problem wird.

Andreas Borcholtes Playlist KW 25
SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

01 The Carters: Apeshit

02 Nas: Adam & Eve (feat. The-Dream)

03 Sophie: It’s Okay To Cry

04 Tove Lo: Bitches (feat. Charli XCX, ALMA, Icona Pop, Elliphant)

05 Haiku Hands: Not About You

06 Boy Azooga: Loner Boogie

07 Death In Vegas: Honey (feat. Sasha Grey)

08 Baba Stiltz: Showtime

09 Gorillaz: Humility (feat. George Benson)

10 Onyx Collective: There Goes The Neighborhood

Denn oberflächlich betrachtet gibt es zwar an "Nasir" wenig auszusetzen. Nas rappt auch 24 Jahre nach seinem Meisterwerk "Illmatic" wie ein gut geölter Viertaktmotor. Auch Kanye Wests Beats sind hinreichend originell, und das ganze, 26 Minuten lange Album strotzt nur so vor politischen und gesellschaftlichen Standpauken gegen Polizeigewalt, strukturellen Rassismus oder Amerikas prekäres Sozialsystem. Das ist gut gemeint und gut gemacht - auch wenn sich Nas vereinzelt textliche Fehlgriffe leistet, wie etwa einige stark Aluhut-verdächtige Impfgegner-Lines in "Everything (feat. The-Dream)".

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Ein bitterer Beigeschmack bleibt trotzdem. Denn wie glaubwürdig ist eine knapp halbstündige Brandrede gegen Ungleichheit, wenn mit Kanye West jemand hinter den Reglern sitzt, der öffentlich mit einem Präsidenten sympathisiert, der eine Mauer zu Mexiko bauen will? Und wie ernst können Zeilen über Gewalt gegen Schwächere gemeint sein, wenn man wie Nas mit Kelis eine Ex-Frau hat, die ihn (wie einige andere Verflossene des Rappers) des physischen und psychischen Missbrauchs beschuldigt?

Nas schweigt auf "Nasir" zu diesen Fragen - zumindest bis zu "Adam And Eve (feat. The-Dream)", in dem es schlicht heißt: "Watch who you getting' pregnant/ That's long term stressin'." (6.5) Dennis Pohl

Onyx Collective - "Lower East Suite Part Three"
(Big Dada/Ninja Tune, seit 15. Juni)

"Don't Get Caught Under The Manhattan Bridge" heißt ein sehr offen komponierter Track auf dem Debüt-Album des New Yorker Onyx Collective. Er setzt mehrfach an, verliert sich in Saxophon-Kapriolen und Trommelgewirbel, baut immer wieder Spannung im Sinne von Suspense auf, lässt dann wieder locker und die Noten im Raum tanzen. Genau dort, im sogenannten "Shed", einem engen Schuppen auf dem Dach eines Hauses im Schatten der Manhattan Bridge nahe Chinatown, hat das bis zu zwölfköpfige Jazzkollektiv ein neues Zuhause gefunden, nachdem es seinen bisherigen Proberaum aufgeben musste - zu teuer.

Aber in diesem Fall war die "Eviction Notice", die Onyx in einem explosiven Track illustriert, ein Glücksfall, denn die Konfrontation mit der Gentrifizierung der Lower East Side, einst Zuflucht für Künstler, Punks und andere Kreative, inspirierte die jungen New Yorker, alle Anfang 20, zu einem brodelnden Musik-Zyklus, der durch die Delancey Street, über Bowery und FDR Drive bis zum Chatham Square und schließlich, frühmorgens um zwei burlesk beschwingt ins legendäre ukrainische Restaurant Veselka im East Village taumelt. "There Goes The Neighborhood" konstatiert trunken und traurig eine der mit weniger Kanten und Kinken versehenen Kompositionen. Der Sound ist sinister und ominös, streckt sich tief und leidenschaftlich sehnend in die Straßenzüge und -ecken hinein, auf der Suche nach den Rhythmen und Exzessen früherer Zeiten.

Die Musiker fuhrwerken fiebrig und mülltonnendeckelklappernd in den Traditionen von Hard-Bop und Modal Jazz herum, um letztlich bei einer zeitgeistig angepassten Version der Lounge Lizards zu landen, jenem genrebrechenden Jazzkollektiv um John Lurie, das in den Achtzigern und Neunzigern wirkte und die sich ewig verändernde City ebenso beherzt und idiosynkratisch zur Kulisse machte. Deren langjähriger Stammgast, der Gitarrist und Trompeter Marc Ribot, trat bereits mit dem Onyx Collective zusammen auf.

Die Gemälde auf den bisher nur in Mini-Auflage auf Vinyl (und digital) veröffentlichten "Lower East Side Suites" eins und zwei stammen übrigens ebenso wie das "Three"-Artwork von Kunst-Guru Julian Schnabel. Mehr artsy New York auf einem Album geht nicht. (7.8) Andreas Borcholte

Serpentwithfeet - "Soil"
(Tri Angle Records/Secretly Canadian/Cargo, seit 8. Juni)

Liebe kann alles sein: Lösung und Problem, Freiheit und Gefängnis, Leben und Tod. Am Ende ist sie aber vor allem eins: ein Haufen Arbeit. So sieht das zumindest Josiah Wise. Und klagt in "Cherubim", dem zentralen Song seines Debütalbums, folgerichtig: "Sowing love into you is my job."

Damit setzt der als Serpentwithfeet auftretende New Yorker, eine schillernde Erscheinung mit mehreren Gesichtstattoos, einem Faible für Puppen, Rüschenkleider und Glitzer im Bart, seine Zuhörer gleich aufs richtige Gleis: Wise wirkt auf "Soil" über weite Strecken ungefähr so ausgeglichen wie ein Handwerker auf Frühschicht. Sie wissen schon: Kein Spaltmaß passt, alle Winkel schief, das Werkzeug zweitklassig, aber muss ja, ne?

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Der Unterschied: Wise will genau diesen Zustand maximal mieser Laune. Er will mit "Soil" den brennenden Zwiespalt in der eigenen Brust erforschen, den menschlichen Affekt mit all seinen Irrungen und Wirrungen ausloten - und nicht zuletzt ohne viele Umschweife seine Erfahrungen als queerer Mann wiedergeben.

Wie das klingt? Erst einmal, als würde man Gospel, Blues, Soul und andere traditionelle Genres durch den Fleischwolf drehen und danach die Überbleibsel neu ordnen. Den beteiligten Erstliga-Produzenten Clams Casino (Vince Staples, A$AP Rocky, u.a.), Katie Gately und Mmph gelingt dabei das Kunststück, diesen Hackepeter stets abenteuerlich und frisch, aber nie aufdringlich zuzubereiten.

Am wichtigsten jedoch: Die Produktion lässt genügend Raum für die eindrückliche Stimme von Newcomer Wise, der sich anhört, als wären Etta James, Al Green und Aaliyah auf gemeinsamem Exkurs ins digitale Zeitalter gegangen: "I don't want to be small, small sad/ I want to be big, big sad", singt Wise mit Emphase im programmatischen "Mourning Song" - und bringt in diesem einen Satz alles auf den Punkt: sein im Wertherschen Sinne entsagungsreiches Liebesideal, sein verzweifeltes Ringen um Akzeptanz, seine schweißtreibende Arbeit an Zweisamkeit und Harmonie, getragen von der Hoffnung, dass sich das alles schon irgendwann lohnen wird.

Dass Wise sich dabei nah am Kitsch bewegt, sich immer wieder am Manischen reibt und seine amourösen Obsessionen zu einer Art Ersatzreligion überhöht, ist dabei nur konsequent: Denn mit "Soil" hat der ehemalige Chorknabe ein Album aufgenommen, das so unberechenbar, direkt und überwältigend ist, wie - richtig -, die Liebe selbst. (8.2) Dennis Pohl

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
freddykruger 19.06.2018
1. Schade
Ich hab hier eigentlich ein Review zur neuen Kamasi Washington erwartet. Vieleicht kommt es ja noch.
lars holmqvist 19.06.2018
2.
Zitat von freddykrugerIch hab hier eigentlich ein Review zur neuen Kamasi Washington erwartet. Vieleicht kommt es ja noch.
Meiner Meinung nach wird hier viel zu viel Genre-Musik rezensiert. Das hier ist nicht die SPEX, und ich bin nicht der Popelinemanteltragende Rentner, der die Flippers und Helene Fischer hört, aber ein wenig mehr mainstreamige Inhalte wären nicht schlecht. Das waren sie auch, ich lese SPON schon seit einiger Zeit, aber in den letzten Monaten waren nur noch Platten in der Rezi, die die Vielzahl der User hier nicht hört. (By the way, ich bin 49 und höre viel querbeet)
hofrichter 19.06.2018
3. borcholte
borcholte hat wohl die zu onyx die plattenkritik der nytimes gelesen und diese ein wenig aufgehübscht. peinlich. zitat: "inspirierte die jungen New Yorker, alle Anfang 20, zu einem brodelnden Musik-Zyklus, der durch die Delancey Street, über Bowery und FDR Drive bis zum Chatham Square und schließlich, frühmorgens um zwei burlesk beschwingt ins legendäre ukrainische Restaurant Veselka im East Village taumelt." nytimes: "Its song titles pay tribute to locations that qualify as New York cultural landmarks to some (Chatham Square, the Bowery, the Ukrainian restaurant Veselka)" quelle: https://www.nytimes.com/2018/06/15/arts/music/onyx-collective-lower-east-side-suite-part-three.html
freddykruger 19.06.2018
4. @lars holmqvist*
Genau das werf ich Abgehört des öfteren vor. Zuviel Mainstream für meinen persönlichen Geschmack. Mein bevorzugtes Genre ist Metal, am liebsten 25 Std. am Tag. Trotzdem les ich Abgehört ganz gerne. Den einen oder anderen guten Tip konnte ich hier schon finden, wie z.b. Kamasi Washingtons Debut Album. Ist zwar Jazz, aber meinen Tunnelblick habe ich schon lange abgelegt. Hab allerdings eine ziemliche Abneigung gegen Pop, Dance, Elctronic. Das ist natürlich Geschmacksache und über Geschmack darf man ruhig streiten. Ansonsten sind die Schwerpunkte bei mir auf Psychedelic der 60er, 70er Rock, Prog Rock/Metal, Krautrock und Frank Zappa gerichtet. Über allen steht beib mir natürlich Lemmy & Motörhead. Wenig Indie. Jetzt hab ich fast Johnny Cash vergessen. Ich kenn niemanden der ihn nicht mag. Du siehst bzw. liest, eigentlich bin ich auf dieser Seite völlig falsch (lach).
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