Vielseitige Sopranistin Darf ich bitten, Herr Strauss!

Ob "Alphorn" oder "Madrigal": Die Sopranistin Christiane Karg stürzt sich gern in musikalische Abenteuer. Da findet sie eine Menge in den Liedern von Richard Strauss. Die silbrige Faszination des "Rosenkavalier"-Komponisten leuchtet auch in der kleinen Form.

Gisela Schenker

Von


Glanz für Waltz! Wie Christiane Karg, noch dazu als Rollendebütantin, die Sophie im "Rosenkavalier" mit kokett-schüchterner Ironie spielt, als scheinbare Unschuld von Lande, mit scheuem Blick und doch voller Selbstbewusstsein, das setzte ein Glanzlicht in der sonst eher schlichten Christoph-Waltz-Inszenierung an der Antwerpener Oper.

Dort durfte der Oscar-gekrönte Strauss-Fan Waltz endlich seiner Leidenschaft als Regisseur frönen, doch er inszenierte so ehrfürchtig zurückhaltend, dass seinen Sängern/Darstellern beinahe nichts anderes übrig blieb, als proaktiv vom Leder zu ziehen: Exzentrische Regieeinfälle behinderten kaum, Spielraum gab es dafür reichlich. Christiane Karg packte die Gelegenheit beim Schopf, spielte, sang und siegte. Eine so beseelte Rosenübergabe (mit Stella Doufexis als Gegenüber), Kernstück des Kavaliersstückes, erlebt man nicht alle Tage.

Folgerichtig, nach diesem gelungenen Debüt eine Strauss-CD in Angriff zu nehmen. Die Musik des 1864 in München geborenen Komponisten begleitet Christiane Karg schon seit Jahren, denn ihre Leidenschaft gehört dem Liedgesang. Im vergangenen Jahr erschien als CD der Live-Mitschnitt eines Konzertes in der Londoner Wigmore Hall, das auch seltener gehörte Lieder von Richard Strauss enthielt.

Christiane Karg über "Heimliche Aufforderung"
Christiane Karg greift nun mit ihrer neuen Lied-Sammlung "Heimliche Aufforderung" ins volle Liedschaffen des Atmosphäre-Designers, wobei sie sowohl die Individualität der Werke wie auch die typische Tonsprache herausarbeitet.

Liedgesang mit Leidenschaft

Natürlich war die Musik von Richard Strauss für Karg kein unerforschtes Feld. Über Barockmusik, Mozart und Brahms pirschte sich die Absolventin des Salzburger Mozarteums (Master in Lied/Oratorium) stetig in Richtung Moderne und Strauss. Ihre vielseitige Begabung ermöglichte ihr eine stilistisch breit gefächerte Karriere. Sie war Mitglied des Hamburger Opernstudios, wechselte anschließend zur Frankfurter Oper, nachdem sie bereits 2006 erfolgreich bei den Salzburger Festspielen debütiert hatte. Neben Gastspielen bei Events in den europäischen Musikmetropolen pflegt Christiane Karg ihre Liebe zum Lied auch bei Festivals wie der Schubertiade in Hohenems oder den Strauss-Tagen in Garmisch. Klein, aber fein und immer hochklassig.

Dabei begleitet sie häufig der schottische Pianist Malcolm Martineau, der die anspruchsvollen Klavierparts von Richard Strauss dezent, aber akzentsicher interpretiert. Karg und Martineau musizieren in einer beglückenden Symbiose.

Das Titelstück der CD basiert auf einem Gedicht des in England geborenen und in Deutschland aufgewachsenen John Henry Mackay, einem Zeitgenossen von Strauss, weitere Texte sind von Clemens Brentano, Otto Julius Bierbaum oder Richard Dehmel. Sogar Michelangelo Buonarotti ist mit einem Stück ("Madrigal") vertreten. Über die Auswahl schrieb Christiane Karg einiges Lesenswerte für das CD-Booklet, was sie als feinsinnige Strauss-Kennerin ausweist. Spezieller Gast bei diesem intimen Lieder-Treff ist der junge und enorm talentierte Hornist Felix Klieser, der elegant und mit noblem Ton das "Alphorn" (Text von Justinus Kerner) ergänzt.

Schön, dass Richard Strauss noch viel mehr Lieder komponiert hat, auch mit Orchester. Man würde nach diesem vielfarbigen Strauss-Bouquet schon gern die "Vier letzten Lieder" von Christiane Karg hören, womöglich dirigiert vom Strauss-Experten Christian Thielemann, mit dem Karg schon zusammenarbeitete. Aber die Künstlerin gibt sich zurückhaltend. "Die 'letzten Lieder' hebe ich mir noch ein wenig auf!", sagt sie bescheiden. Bitte nicht zu lange, wenn die ganz unheimliche Aufforderung gestattet ist!


Christiane Karg: Heimlich Aufforderung - Richard Strauss, Lieder. Mit Christiane Karg, Sopran; Malcom Martineau, Klavier; Felix Klieser, Horn. Berlin Classics/edel; 14,99 Euro.



insgesamt 4 Beiträge
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badpritt 29.03.2014
1. Danke!
Putin und Obama sind in wenigen Jahren Geschichte, Richard Strauss, Musik und Kultur im allgemeinen, werden immer Gegenwart bleiben.
wunderpaule 29.03.2014
2. Eine durchschnittliche Sängerin...
...ist Frau Karge, mehr aber nicht. Auch wenn es weniger Interpretinnen/Interpreten und Interprationen der Strausslieder gäbe, würde ich die meisten Frau Karge vorziehen. Vielleicht sollte sich Frau Karge einmal Aufnahmen von Lotte Lehmann anhören, damit sie wie weiß, wie man diese Lieder singen kann.
kristaludwig 29.03.2014
3.
Sehr geehrter Wunderpaule, es ist natürlich Ihr gutes Recht, eine großartige Sängerin der Vergangenheit zu verehren. Und das war Lotte Lehmann ja ohne jeden Zweifel. Aber wenn Sie offenbar nicht hören können oder wollen, dass Christiane Karg die Textnuancen der Strauss-Lieder sehr viel sorgfältiger darstellt, dass sie außerdem schlicht sauberer singt und feiner phrasiert, dann ersparen Sie sich und uns doch eine ebenso pauschale wie offenkundig ahnungslose und deshalb vollkommen überflüssige Behauptung wie die, Frau Karg sei eine durchschnittliche Sängerin. Wer so herablassend über große Künstler spricht, sollte übrigens wenigstens deren Namen richtig schreiben.
weserbaer 14.04.2014
4. Strauss als Reifeprüfung
war ja lange Zeit in Mode. Die Jahrzehnte seit dem Meister haben seine eigene maßlose Überschätzung immer noch getoppt. Egal welches Werk, welche Rolle, Richard musste es sein. Auch, wenn die Stimme allenfalls für Johann fast gereicht hätte. Selbst habe ich Strauss mit dem großen Solti erfahren dürfen.... hat mich zwar geduldiger aber nicht straussfreundlicher werden lassen.
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