Soul-Göre Amy Winehouse Tattoo statt Toupet

Die netten Pop-Girlies können einpacken: Amy Winehouse packt aus. Englands frechste Soul-Göre besingt auf ihrem neuen Album Sex und Alkohol - und berauscht mit ihrem Talent.

Von Kaline Thyroff


Ein Song über Alkohol? Labelchef Berry Gordy hätte Amy Winehouse wahrscheinlich erstmal auf die Benimmschule geschickt. Für den legendären Motown-Chef war Exhibitionismus, wie er im Titel "Rehab" zum Ausdruck kommt, tabu. Die Soulstimme von Winehouse, ihre Doo-Wop-Arrangements hätten zwar perfekt in Gordys Night-Club-taugliche Girlstar-Riege gepasst. Ihre Fluch-gespickten Erzählungen aus dem urbanen Leben eines unangepassten Mädchens aber definitiv nicht: Soul à la Motown, das hieß keine Drogen, Kraftausdrücke, schlampigen Bühnenoutfits oder lasziven Posen. Stattdessen errichteten die Supremes, die Marvelettes, Gladys Knight oder Martha Reeves eine perfekte Fassade der Anständigkeit.

Amy Winehouse hat manchmal den Blues, verwandelt ihn aber sofort in rotzfreche Soul-Songs.
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Amy Winehouse hat manchmal den Blues, verwandelt ihn aber sofort in rotzfreche Soul-Songs.

Unvorstellbar für Amy Winehouse. "They tried to make me go to rehab": In ihrem aktuellen Hit erzählt die 23-jährige Londonerin die Geschichte ihres ehemaligen Managements, das sie zum Entzug schicken wollte. Doch was damals für Diana Ross gegolten haben mag, lässt sich Amy Winehouse nicht gefallen: "I said no, no, no!".

Winehouse weiß selbst, was gut für sie ist, entlässt ihr Management und schreibt einen Song darüber. "There’s nothing you can teach me, that I can’t learn from Mr. Hathaway”, singt sie und lässt sich lieber von ihren Vorbildern Donny Hathaway oder Ray Charles belehren. Ihre Therapie ist der Soul. Und der Erfolg gibt ihr Recht: Ihr gerade in Deutschland veröffentlichtes Album "Back To Black" verkaufte sich bisher 700.000 mal und landete auf Platz eins der englischen Charts. Die Brit-Awards krönten die Soul-Göre sogar zur besten Künstlerin des Jahres.

"Ich habe kein Problem mit Alkohol", erzählt sie beim Pressetermin im Londoner Büro ihrer Plattenfirma. "Mein Problem war, dass ich unglücklich war und mich gelangweilt habe. Ich habe angefangen, zu trinken, und das hat mich noch unglücklicher gemacht. Erst durch die Arbeit an meinem zweiten Album bin ich aus diesem Teufelskreis wieder rausgekommen". Durchzechte Nächte und harter Alkohol gehören aber immer noch zu ihren Lieblingshobbies: "Ich bin eine junge Frau und arbeite hart. Wenn ich frei habe, will ich Spaß haben – das ist doch normal!"


Für die britische Klatschpresse war der Alkoholkonsum der 23-Jährigen ein gefundenes Fressen. Vergleiche mit ihrem skandalumwitterten Kollegen Pete Doherty ließen nicht lange auf sich warten. "Ich bin ich und Pete Doherty ist Pete Doherty", entgegnet Ms. Winehouse und entkräftet gleichzeitig Gerüchte über eine geplante Zusammenarbeit. "Aber wenn er fragt, würde ich wahrscheinlich nicht nein sagen." Der Hang zum Rausch verbindet Winehouse eher mit der tragischen Geschichte unglücklicher Soul- und Jazzdiven von Billie Holiday bis Phyllis Hyman. Der wahre Berührungspunkt zwischen Doherty und Winehouse mag vielmehr ein gewisses Quäntchen Punk sein.

Punk meets Soul

Den vertritt Amy Winehouse schon als Teenager. Sie besucht die Sylvia Young Theatre School, in der spätere Girlband-Mitglieder wie die Appleton Schwestern (später All Saints) oder Emma Bunton (Spice Girls) ihre ersten Tanzschritte einstudieren. Nicht nur wegen ihres Nasenpiercings macht sie sich dort schnell unbeliebt und wird schließlich vor die Tür gesetzt. Begründung: mangelnde Anpassungsfähigkeit. Für diese kann man ihr nur dankbar sein. Wer braucht schon ein weiteres profilloses Popsternchen, das sich möglichst konsensfähige Songs vorschreiben lässt?

"You know I’m no Good"- Amy Winehouse ist ein Bad Girl. Während ihr Debüt "Frank" noch Vergleiche mit hübschen Popjazz-Melodien à la Norah Jones zulässt, hat sie in ihrem zweiten Album auch die passende musikalische Verpackung zu ihren Texten gefunden, in denen sie gerne eindeutig Stellung bezieht – "You all look the same in your Fuck Me Pumps".

Stampfend startet der Beat von "Rehab", dazu ungestüme Bläserarrangements und dann die Stimme einer Frau, die eigentlich auf das doppelte Alter und dreifache Körpervolumen einer Amy Winehouse schließen lässt. Sie singt den Blues wie eine schwarze, drei mal geschiedene Kettenraucherin aus dem Mississippi-Delta, lässt die Cocktailgläser wackeln, mit denen sich zuvor bei den immer gleichen R&B-Hits von der Stange zugeprostet wurde.

Eskapismus, bei dem man mitmuss

Mit ihrer Musik bringt Amy Winehouse in ihre Heimatstadt zurück, was schon vor vierzig Jahren im Londoner Westend und in Soho von der Mod-Kultur gefeiert wurde: Soul als Ausdruck von Subversion und Eskapismus. Dabei protestiert Amy Winehouse auf eigene Art: Sie nähert sich Motown an, ohne zu kopieren oder sich Prinzipien zu unterwerfen. Glamourösen Bühnenoutfits, wie die Supremes sie trugen, zieht sie Tattoos, schwarz geschminkte Augen und eine auftoupierte Haartolle vor. Und hat damit auch schon neben "Modfather" Paul Weller gut ausgesehen, als sie beim BBC Electric Proms Festival gemeinsam den Motown Klassiker "I Heard it through the Grapevine" anstimmten.

"Für mich ist Soul die ehrlichste Musik der Welt", sagt Winehouse. "Fast jeder findet sich darin wieder, weil es um Dinge geht, die der Alltag schreibt." Dabei braucht sie keine Geschichten über eine Ghetto-Kindheit oder Familientragödien, um ihren Songs die nötige Dramatik zu verleihen. Obwohl ihre Eltern – der Vater Taxifahrer und die Mutter Apothekerin – geschieden sind, hat sie zu beiden ein gutes Verhältnis. Ihr Erzählstoff ist ein anderer: "Die meisten Songs schreibe ich, wenn ich verliebt bin oder wenn ich mich grade entliebt habe und versuche, mein Leben neu zu ordnen. Wenn ich in solchen Situationen keine Songs schreiben könnte, würde ich verrückt werden."

Als nächstes möchte sie Nordamerika, das Land ihrer Vorbilder, erobern. Fragt sich nur ob der amerikanische Markt für ihren schnörkellosen Bekenntnis-Soul reif ist. Eine Nation, in dem schon die Entblößung von Janet Jacksons Brustwarze einen Skandal verursachte, könnte Angst bekommen vor der Chuzpe dieser trinkfesten und fluchbewanderten jungen Britin. Und sich anstelle von Songs wie "Me And Mr. Jones (Fuckery)" doch lieber die netten alten Motown-Girlies zurückwünschen.



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