Soul-Sänger Donnie "Ich sehe jeden Tag Gewalt"

Klingt so die Hoffnung der Soul-Musik? Der Sänger Donnie mischt Pop mit Politik, Kunst mit Kritik. Im Interview beklagt er Rassismus in den eigenen Reihen und wehrt sich gegen das Klischee des schwarzen Gangster-Clowns.


SPIEGEL ONLINE: Obwohl Sie zu den gefeiertsten Newcomern des amerikanischen Rhythm'n'Blues gehören, haben Sie Ihr neues Album auf einem britischen Indie-Label veröffentlicht.

Soul-Sänger Donnie: "Weder Clown noch Gangster"

Soul-Sänger Donnie: "Weder Clown noch Gangster"

Donnie: Bei meiner letzten Plattenfirma Motown rührte niemand einen Finger für mich. Kein einziges Video, keine Radiopromotion, nichts. Und die anderen Majors würden es wahrscheinlich auch nicht besser machen...

SPIEGEL ONLINE: Weil diese Plattenriesen nicht wissen, wie sie Ihren ausgesprochen politischen R&B verkaufen können?

Donnie: Nein, sie nehmen Künstler wie mich nur unter Vertrag, um den Markt unter Kontrolle zu behalten. Um zu verhindern, dass sich etwas verändert – und sie am Ende nicht mehr ihren immergleichen Müll, diese Karikaturen von Afroamerikanern, reproduzieren können.

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben, dass ein bisschen mehr Ernst dem R&B-Geschäft nicht schaden könnte?

Donnie: Es geht doch darum, zumindest eine Wahl zu haben: Heute sehe ich kaum noch ein Angebot ernsthafter, erwachsener Rhythm’n'Blues-Songs, wie sie einst Curtis Mayfield, Donny Hathaway oder Marvin Gaye schrieben.

SPIEGEL ONLINE: Kann das daran liegen, dass sich Amerika seit den siebziger Jahren verändert hat?

Donnie: Ich lebe hier in einem Land der Illusionen und Selbsttäuschungen. Die Plattenfirmen und Entertainment-Konzerne haben nichts, was die Leute wirklich zufrieden stellt – aber sie halten mit viel Geld den Hype am köcheln.


SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Song "Robot" appellieren Sie an die Konsumenten, sich zu "deprogrammieren" und ihre Freiheit wiederzuentdecken.

Donnie: Wir sind alle durch den Geburtskanal unserer Mütter in diese Welt gekommen. Dann wurden die Jungens in Blau gekleidet, die Mädchen in Rosa. Der Anfang einer lebenslangen Programmierung, mit der am Ende nur die Industrie und die Psychiater viel Geld verdienen. Aber dann gibt es noch eine gesamtgesellschaftliche Hypnose: Während der Nachwehen der Bürgerrechtsbewegung in den siebziger Jahren kreierten weiße wie schwarze Amerikaner aus einem Gefühl der Freiheit und Solidarität heraus fabelhafte neue Musik. Doch in den achtziger Jahren ging diese Kultur an einem neuen Rassismus zu Grunde: Wie in den Fünfzigern drehte sich alles wieder um blonde Haare, helle Haut und den kräftigsten Ellenbogen. Eine neue Generation wurde von der Emanzipationsgeschichte ihrer Eltern abgeschnitten: Welcher Jugendliche kennt heute noch Curtis Mayfield?

SPIEGEL ONLINE: In dessen Geist Sie heute den Message Soul wieder neu beleben.

Donnie: Ich bin erstaunt, wie viele Leute mir zuhören: Gerade stehe ich auf Platz 30 der Rhythm’n'Blues-Charts.

SPIEGEL ONLINE: Und das ohne Major-Werbebudget oder die Nachhilfe irgendwelcher Superstar-Produzenten.

Donnie: Nicht, dass mir Timbaland nicht gefallen würde. Aber auch mein Produzent Steve Harvey hat Funk-Veteranen von Earth Wind & Fire und Rufus zusammen mit dem Rapper Phonte von Little Brother ins Studio geholt und daraus einen ganz und gar gegenwärtigen Sound geschaffen. Wobei für mich die Texte noch viel mehr zählen. Es sind Worte, die die Menschen packen. Im Guten wie im Schlechten. Deswegen sterben hier im Ghetto von Atlanta so viele Menschen, morden Afroamerikaner ihresgleichen, weil sie den Gangsterrappern zuhören und in einer Phantasiewelt leben. Nicht dass früher keine Gewalt besungen wurde: Bessie Smith etwa schwärmt in "Gimme A Pigfoot" vom Gangsterleben. Nur damals wurde solche Musik noch nicht mit Videos und Starschnitt-Postern an die Kinder verfüttert.

SPIEGEL ONLINE: Sie widmen auf Ihrer neuen CD jeden Song einem politischen Thema. Von den im Stich gelassenen "Katrina"-Opfern bis zum staatlichen "Krieg gegen Drogen". Haben Sie nicht das Gefühl, Ihre Zuhörer zu überfordern?

Donnie: Ich bin nicht als Dienstleister unterwegs – es geht darum, dass mir selber gefällt, was ich singe. Sonst könnte ich das niemals glaubwürdig rüberbringen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt dabei Ihr Aufwachsen in der schwarzen Kirche?

Donnie: Kirche, hin oder her – ich bin Amerikaner: Und da sehe ich jeden einzelnen Tag Gewalt, Mord und Totschlag. Im Fernsehen, in der Zeitung, auf der Straße. Als Künstler muss ich meine Umwelt reflektieren: Deswegen habe ich je einen Song über die "Atlanta Child Murders" und "China Doll", die Geschichte eines missbrauchten Mädchens, geschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Jedenfalls hätte Marvin Gaye ohne Gospel-Hintergrund wohl kaum seinen sozialkritischen Klassiker "What’s Going On" geschrieben.

Donnie: Das stimmt. Meine Mutter ist Pfarrerin. Gleichzeitig steht sie mit beiden Beinen auf der Erde: Sie brachte mir als Kind bei, dass es gute und schlechte Musik gibt, ganz egal, ob da in einem Song Jesus vorkommt oder nicht. In meinen Songs lege ich Wert auf dieses erhebende Gefühl, diesen Drive, den ich aus der Kirche kenne.

SPIEGEL ONLINE: Wie vor Ihnen Marvin Gaye oder Donnie Hathaway bringen Sie den Kampf mit Ihren inneren Dämonen in Ihre Musik ein.

Donnie: Eine gewisse seelische Verwundung ist wohl Voraussetzung für gute, komplexe Soulmusik. Aber man muss nicht an ihr sterben wie Donnie Hathaway oder Marvin Gaye.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden immer mit Stevie Wonder verglichen, liegt da nicht eine Zusammenarbeit auf der Hand?

Donnie: Wir haben schon miteinander gesprochen, aber nicht über musikalische Projekte. Ich habe auch kein Bedürfnis, mich mit fremden Namen zu schmücken. Was ich allerdings mit Stevie teile: einen Sinn für unsere Geschichte. Viele Weiße halten uns Afroamerikaner immer noch für eine Truppe Freaks, die herzergreifend singen und prima unterhalten können. Doch wir sind weder als Clowns noch Gangster noch Seelendompteure geboren. Wir werden dazu gemacht, weil die weiße Mehrheit auch 40 Jahre nach der Bürgerrechtsbewegung die Medien dominiert, und uns unsere Rollen vorgibt. Vergessen Sie nicht: Soulmusik wird immer noch von Menschen gemacht, die wie Abschaum behandelt werden. Auch 2007!

Das Interview führte Jonathan Fischer



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