Soul-Sänger Robin Thicke Pathos statt Pigmente

Sein Idol heißt Marvin Gaye, und streckenweise klingt er auch wie die Motown-Legende: Robin Thicke ist der neue It-Boy des Soul. Dass er weiß ist, wundert viele. Aber was spielt das für eine Rolle, wenn seine Musik unter die Haut geht?

Von Jonathan Fischer


Nicht ganz einfach, Robin Thicke die Frage nach der Bedeutung seiner Hautfarbe zu ersparen. Immerhin hat er sich als weißer Sänger mit "Lost Without U" dieses Frühjahr monatelang an die Spitze der Billboard R&B/HipHop-Charts gesetzt, eine Leistung die in den vergangenen 20 Jahren (George Michael war 1988 die letzte Ausnahme) ausschließlich schwarzen Sängern und Rappern vorbehalten war. Nein, nicht einmal Justin Timberlake hat das vor ihm geschafft – auch wenn dessen Falsettgesang dem weißen Kollegen wohl manche Tür geöffnet hat.

Sänger Thicke: "Die Wunde muss frisch sein"

Sänger Thicke: "Die Wunde muss frisch sein"

Manche Musikmagazine haben Thicke deshalb schon den "Timberlake für die reifere Generation" getauft. Den Kalifornier aber machen solche Vergleiche nur wütend: "Ich kann nicht tanzen wie Justin. Und auch ansonsten haben wir nichts gemein: Ihm geht es um Dance-Pop, mir um Soul. Das lässt sich schon an den Texten ablesen."

Tatsächlich atmet Thickes zweites Album "The Evolution Of Robin Thicke" mehr Soul als das Gros zeitgenössischer R&B-Produktionen – wenn man unter Soul nicht Vokalakrobatik versteht, sondern den Mut, zu sich und seinen Schwächen zu stehen.

Auf Songs wie "Would That Make You Love Me" oder "Complicated" hört man einen romantischen, verletzlichen Liebhaber. Eine zurückgenommene Eleganz und gedämpfte, kontrollierte Ekstase, die eher an die schwarze Musik der siebziger Jahre erinnert denn an das zeitgenössische Macho-Gejammer über HipHop-Beats. "Liebe ist heute eben nicht mehr cool", glaubt Thicke. "Viele R&B-Songs betonen eher die Unterschiede zwischen Mann und Frau als das was sie zusammenbringt."

Sänger wie Marvin Gaye, Stevie Wonder oder Al Green hätten in den sechziger und siebziger Jahren noch um die Frau gebuhlt und geworben. Und ihr dabei die eigene Verletzlichkeit eingestanden. Heute sind Erotik und Gefühle Bling und Machotum gewichen, und Thicke fehlt die "Offenheit des alten Soul".


Die Evolution des Robin Thicke: Gab er sich beim letzten Interview vor fünf Jahren noch unrasiert mit langen Haaren als eine Art kalifornische Hippie-Spätgeburt namens "Thicke" (ohne Robin) aus, verkörpert der 30-Jährige nun eher den unprätentiösen jungen Mann von nebenan. Seine Mähne hat er geschnitten, die Dandy-haften Anzüge sind legeren Sportklamotten gewichen. Er spricht in wohlgesetzten Sätzen, differenziert seine Aussagen immer wieder.

"Schmerz in Licht verwandeln"

Und auch was Thicke singt, ist eher dem Erwachsenenleben als adoleszenten Phantasien geschuldet: Es geht um Drogensucht ("Cocaine"), einen Banküberfall, dessen Augenzeuge er wurde ("Shooter") – und immer wieder: die unglückliche, nicht erwiderte Liebe. "Ich bin sehr emotional in meinem Songwriting", erzählt Thicke. "Wenn die Tränen fließen ist das ein gutes Zeichen." Seine besten Songs schreibe er in 15, 20 Minuten. Diejenigen, die länger brauchten, hätten es hingegen noch nie auf Platte geschafft. "Weil die Wunde dann nicht mehr frisch ist."

Kein Wunder, dass sich der gutaussehende Sprössling des Schauspielers und Songwriters Alan Thicke und der Sängerin Gloria Loring sich ausgerechnet den tragischsten aller Soulsänger als Vorbild erkoren hat, sein Gesang verblüffend an Marvin Gaye erinnert: "Das ist eine unbewusste Wahl. Er übernimmt einfach immer wieder meine Stimme. Mein Vater war kürzlich beim Zahnarzt. Er wachte aus seiner Narkose auf und hörte einen Song aus den Lautsprechern. 'Da singt mein Sohn im Radio!', rief er. 'Nein', korrigierte ihn sein Zahnarzt, 'das ist Marvin Gaye'."

Robin Thicke könnte ewig über den Zusammenhang von Tragik und Soul reden: Etwa, wie Gayes Musik "Schmerz in Licht verwandelt". Welch schwere Zeiten er selbst seit seinem Debütalbum "A Beautiful World" (2003) durchgemacht hätte. Und wie ihn das als Songwriter befähigt habe, mehr in Verbindung mit anderen Menschen zu treten.

Schließlich drohte Thicke als frühreifes Genie an den Realitäten des Geschäfts zu scheitern. Nächtelang hatte sich der Schüler in die Plattensammlung seines Vaters vergraben - und dabei alles von Rock über Jazz bis Soul und Latin begeistert aufgesaugt.

Erstklassig in der zweiten Reihe

Schon mit 13 Jahren fing der Autodidakt an, eigene Songs zu schreiben, und verschickte Kassetten mit Demos an alle großen Plattenfirmen. Drei Jahre später meldete sich André Harell, der Präsident von Bad Boy Entertainment, bei dem blauäugigen Teenager. Robin Thickes Songwriting sollte bald seine Spuren in den Charts hinterlassen: Christina Aguilera, Mya, Brandy, Marc Anthony, Mary J. Blige und Usher profitierten von seinen Kompositionen.

Als er 2002 dann unter eigenem Namen seine Chance bekam, schien niemand auf einen weißen Soulsänger irgendwo zwischen Jamiroquai und Maxwell gefasst. Das von "Cherry Blue Skies" in "Beautiful World" umgetaufte Album floppte. Und verdammte Thicke weiterhin zu einer Strippenzieher-Existenz hinter den Kulissen, einem ewigen Geheimtipp des R&B.

Bis Interscope den weißen Soulsänger für "The Evolution Of Robin Thicke" mit Pharell Williams und dessen Label Startrak zusammenbrachte: Eigentlich wollte der Star-Produzent nichts an den Songs ändern, fand sie "in sich perfekt". Und verpasste dann doch dem Duett "Wanna Love U Girl" einen typisch synthetischen Neptunes-Beat.

Ansonsten hat sich Thicke, der auch selbst arrangiert und produziert, mit der Gästeliste zurückgehalten. Der an Marvin Gayes "I Want You" erinnernde Opener "Got 2 Be Down" lässt Faith Evans zum Soul-Dialog antreten. Und zweimal darf Südstaaten-Rapper Lil’ Wayne einen Vers in die coole Funk-Melange einbringen.

Jenseits des Schwarzweißdenkens

Doch das war es dann auch mit HipHop: Viel eher kann man Gospel, Jazz, Ambient-Rock und Latin-Einflüsse entdecken. "Everything I Can’t Have" lässt Thicke gar über einem verstaubt klingenden Mambo-Rhythmus croonen. Zudem hat er die Songs zur Hälfte live eingespielt. "Du wirst kein vergleichbar klingendes Rhythm’n'Blues-Album finden", behauptet denn auch der Sänger nicht ohne Stolz.

Und dann muss die Frage doch gestellt werden: Hat sich der weiße Soulmann schon mal, angesichts seiner Auftritte vor überwiegend schwarzem Publikum, unwohl gefühlt? Gefällt ihm die eigene Kategorisierung als "Blue Eyed Soul"? Thicke zögert keinen Augenblick: "Ich möchte die Menschen mit Musik wieder zusammenbringen – nicht die falschen Pigmente, sondern all diese Videotänzer, das viele Geld und der Prunk, fressen unsere Soulkultur auf, die Kultur von Liebe und Hoffnung."


"The Evolution of Robin Thicke" ist bei Interscope/Universal erschienen



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