Soul-Sängerin Nneka Jenseits von Afrika

"In Afrika brennt ein Feuer", sagt die aus Nigeria stammende Sängerin Nneka und will mit ihrer Musik auf Missstände in ihrer Heimat aufmerksam machen. Aufsehen erregt ihre eigenwillige Mischung aus HipHop, Dub und Soul allemal: Der Stil der Wahl-Hamburgerin lässt sich in keine Schublade pressen.

Von Anna Starke


Warri ist alles andere als ein Paradies. Die Stadt im rohstoffreichen Nigeria versumpft in Gewalt und Korruption. Hier, tausende Kilometer entfernt, ist Nnekas Heimat. Vor sieben Jahren verließ sie ihre Geburtsstadt im Niger-Delta in Afrika. Bis heute fühlt sie sich dort mehr zu Hause als in ihrer zweiten Heimat Hamburg - und spricht auch heute noch lieber in ihrer Muttersprache Englisch. Mit 18 siedelte die Tochter eines Nigerianers und einer Deutschen in die Hansestadt um, und es ist kaum verwunderlich, dass es auch in ihren Liedern nicht um Alltägliches geht. Sie singt von Seelen, die sich an das Böse, die Lust, die Leidenschaft und das Geld verkaufen; von unschuldigen Menschen, die hungern und sterben, und von der Unterdrückung durch zivilisierte, bewaffnete Räuber, die Nneka "moderne Sklaventreiber" nennt.

Wer die zierliche Sängerin zum ersten Mal sieht, traut ihr die musikalische Schlagkraft, die sie auf ihren Platten beweist, zunächst gar nicht zu. Einzig ihr selbstbewusstes, nonchalantes Auftreten und ihr stets skeptischer Blick lassen erahnen, was für eine eigenwillige Künstlerin sich hinter den ernsten, dunklen Augen verbirgt. Von ihrem Erfolg in Deutschland ist Nneka selbst überrascht. "Ich wusste zwar, dass ich singen kann", aber Musikerin zu werden, das sei nie ihr Traum gewesen, sagt die 26-Jährige und schaut misstrauisch unter ihren Afro-Locken hervor.

Ihre musikalische Karriere begann vor ein paar Jahren in einer Hamburger Wohngemeinschaft. Die Jungs rappten, Nneka machte als einziges Mädchen mit. "Nur so konnte ich den Schmerz, das Heimweh und die Einsamkeit hier in Deutschland mildern und den Kulturschock überwinden", erzählt sie. Musik sei lediglich ein Mittel zum Zweck gewesen, eine Lebenshilfe. In alles andere sei sie einfach so hineingestolpert - und plötzlich habe sie im Studio ihr erstes Album eingesungen. "Die Musik hat mich gefunden, und nicht umgekehrt."

"Ich mache, was ich will"

"No Longer at Ease", Nnekas neue Platte, ist rauer und erbitterter geworden als ihr von der Pop-Kritik gefeiertes Debüt "Victim of Truth", das 2005 erschien, das klingt allein schon in den Songtiteln an. Das Album beginnt mit "Death" und endet mit "Deadly Combination". "Selbst meine Freunde haben den Stücken angehört, dass irgendwas nicht stimmt", sagt Nneka. In den letzten Zügen ihres Studiums der Anthropologie und Archäologie musste sie sich parallel durch die Aufnahmen im Studio kämpfen. Die Musik, einst lebensrettende Maßnahme, kam ihr plötzlich wie eine tödliche Seuche vor, die Doppelbelastung drohte zu viel zu werden. Im Zuge der Produktion der neuen Songs habe sie sich dann doch noch selbst geheilt, erzählt sie.

Nnekas Musik, ein eigenwilliges Hybrid aus Dub, Soul, HipHop, Reggae und Afrobeat, wirkt beim ungenauen Hinhören so harmlos wie die Sängerin selbst. Trotz ihres zurückhaltenden Auftretens fehlt es Nneka nicht an Stolz auf ihre Arbeit: "Für meine Musik gibt es keine Schublade", sagt sie, "ich mache, was ich will." Vorbilder habe sie keine, und ihre Inspiration finde sie "im Leben" - fernab des musikalischen Mainstreams. Sich mit anderen Musikern zu vergleichen, sagt sie, komme nicht in Frage, das würde sie deprimieren, ihr nicht erlauben zu wachsen.

Pop-Botschafterin statt sexy Sternchen

Die politisch aufgeladenen Texte schaffen einen scharfen Kontrast zur sanften Stimme, in der sie vorgetragen werden. Nneka singt von ausgerotteten Traditionen, unterschlagener Nächstenliebe, verlorenen Bodenschätzen und zerstörtem Stolz. Die Ausbeutung Nigerias durch internationale Ölkonzerne macht sie wütend: "Sie legen in meiner Heimat Ölleitungen durch die Straßen, während die Menschen, die dort leben, nicht einmal Elektrizität haben." Mit ihrer Musik will sie wachrütteln und Missstände aufzeigen - Nneka sieht sich eher in der Rolle einer Botschafterin für eine bessere Welt als in der eines sexy Pop-Sternchens.

Ob für sie eine Weltkarriere herausspringt ist ihr gleich, behauptet sie. Wichtig sei ihr einzig und allein, dass die westliche Welt Afrika in Ruhe lässt, damit der Schwarze Kontinent endlich aus eigenen Kräften heraus wachsen kann. "Es ist wie mit einem Kind. Wenn man ihm Krücken gibt, lernt es nie laufen", argumentiert sie. "In Afrika brennt ein Feuer, das wir selbst heraufbeschworen haben. Es liegt an uns, das Feuer zu löschen."

Ob es da nicht nahe liegt, dass sie selbst wieder dorthin zieht? "Meine Koffer sind immer gepackt," lächelt Nneka. Inzwischen unterhält sie zwei Wohnungen - eine in Nigeria, eine in Hamburg. "Aber zuerst brauche ich eine Menge Geld, das ich mit zurück nach Afrika nehmen kann". Dann will sie mit rappenden Jugendlichen aus den Slums des Niger-Deltas Platten produzieren. Dass sie das schafft, scheint nicht unmöglich: Sie schreibt schon jetzt ihre Texte und ihre Musik selbst, dreht ihre eigenen Videos, produziert und illustriert ihre Alben auf eigene Faust. Wo sie all das hinführen soll? Keine Ahnung, sagt sie und lächelt, "I just go with the flow."


Nneka: "No Longer At Ease" (Yo Mama/Sony BMG)



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