Soul-Star Joss Stone "Dann stürze ich eben ab!"

Joss Stone ist ein Marketing-Desaster - und vielleicht gerade deshalb ein Erfolg. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE sprach die 19-Jährige über ihre Emanzipation von Eltern und Management und erklärt, dass sie sich verdammt nochmal die Haare färbt, wann es ihr passt.


SPIEGEL ONLINE: Frau Stone, gerade ist Ihr neues Album erschienen. Wie geht es Ihnen?

Stone: Ich bin nervös, denn ich stehe an einem Scheideweg. Mit diesem Album wird sich entscheiden, ob ich gut genug bin oder nicht. Ich bin also in so etwas wie einer Testphase.

SPIEGEL ONLINE: Testphase? Sie haben bereits zwei CDs veröffentlicht, die sehr erfolgreich waren. Sie sind keine zwanzig Jahre alt und wurden bereits mit Soulgrößen wie Aretha Franklin verglichen. Wem müssen Sie denn noch etwas beweisen?

Soul-Star Stone: "Lieber lass ich mich von meinem Label rausschmeißen"
Virgin / EMI

Soul-Star Stone: "Lieber lass ich mich von meinem Label rausschmeißen"

Stone: Ich wollte endlich mal ein Album machen, das mir gefällt. Endlich etwas, was ich allein kreiert habe, sich nach Kunst anhört und von dem ich sagen kann: Ja, das mag ich. Das erste Album war okay, aber das zweite, "Mind, Body & Soul", mochte ich überhaupt nicht, das war nicht ich. Die Songs waren so weit von mir weg wie die Erde vom Mond. Trotzdem wurden sie rauf und runter gespielt, auch in jedem Radiosender. Aber ich habe es gehasst. Ich wollte nie ein Teil dieser stromlinienförmigen Radioformate sein, die sich weltweit gleich anhören. Heute habe ich den Mumm zu sagen, was mich nervt. Deswegen wird es ein zweites "Mind, Body & Soul" nicht mehr geben. Die Musik ist mein Leben, aber jetzt lasse ich mich nicht mehr fremdbestimmen. Lieber lass ich mich von meinem Label rausschmeißen.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Ihre Eltern dazu gesagt?

Stone: Mein Vater fragte mich, ob ich verrückt geworden bin. Ich soll die Klappe halten und tun, was man von mir verlangt. Schließlich würde es um eine Menge Geld gehen. Er hat nicht kapiert, um was es mir geht, dass es um mich geht und nicht um die verdammte Musik. Mein Vater hat überall herumerzählt, dass ich verrückt sei. Meine Eltern, meine Schwester, mein Management – niemand hat mich verstanden. Ich hatte niemanden, dem ich trauen konnte, nur mich selbst. Meine Mutter liebt mich, aber auch sie versteht nicht, worum es mir geht.

SPIEGEL ONLINE: Ist das der Grund, warum Sie Ihre Mutter als Managerin entlassen haben?

Stone: Ja. Sie wollte, dass es der Künstlerin Joss Stone gut geht. Darüber hat sie aber ihre Tochter vergessen. Ich wollte keine Managerin mehr, ich wollte meine Mutter wieder haben, die für ihr Kind da ist. Sie hat das nicht verstanden, bis heute nicht. Sie hat Angst, dass ich abstürze. Gut, dann stürze ich eben ab. Ich weiß, dass es nicht leicht ist für meine Mutter, aber es ist eben meine verdammte Entscheidung. Sie muss endlich lernen, damit umzugehen, dass ihr kleines Baby Girl erwachsen wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich die Haare gefärbt, von Blond auf Pink. Ein Zeichen Ihrer Veränderung?

Stone: Ja. Ich bin auf der Suche nach mir selbst. Ich werde im April 20 und habe keine Lust mehr auf diese Kleine-Mädchen-Nummer. Schon als ich vierzehn war, wollte ich selbst bestimmen, wo es langgeht. Aber wer hört schon auf eine 14-Jährige? Bisher musste ich mich sehr zurückhalten, aber mit dem neuen Album wird für mich alles anders. Und mit den Haaren habe ich angefangen. Das ist meine kleine persönliche Rebellion. Was glauben Sie, was die Leute bei meiner Plattenfirma dazu gesagt haben?

SPIEGEL ONLINE: Sie werden nicht begeistert gewesen sein.

Stone: Das ist untertrieben. Sie waren entsetzt! Plötzlich wussten sie nicht mehr, wie sie mich vermarkten sollen. Die wurden richtig sauer und meinten, niemand würde meine Platte kaufen, weil man mich nicht mehr erkennt. Was ist denn wirklich wichtig? Meine Haarfarbe? Singe ich mit den Haaren? Ich werde nicht nur als Sängerin entmündigt, auch die Käufer werden für blöd erklärt. Wenn die Leute meine Platte nur gekauft haben, weil ich blond war, dann sind das Fans, auf die ich verzichten kann.

SPIEGEL ONLINE: Aber dann verdienen Sie unter Umständen weniger Geld.

Stone: Das ist mir vollkommen schnuppe. Ich habe jetzt gelernt, einfach keine Kompromisse mehr zu machen. Ich habe genug Geld, um einen Produzenten und eine Band zu bezahlen und auf Tour zu gehen. Mehr brauche ich nicht. Ich bin nicht der Typ Mädchen, der gern mit einem Louis-Vuitton-Täschchen durch die Gegend läuft.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Musik ist Soul, ein Genre, das traditionell viel mit Glauben zu tun hat. Glauben Sie an Gott?

Stone: Sind Sie verrückt? Ich bin weder katholisch noch religiös. Ich glaube an etwas, an eine Kraft, an Schicksal. Aber nicht daran, dass da oben ein alter Mann mit Bart sitzt und täglich auf uns runterschaut. Wenn die Religion so weitermacht, wird sie noch zur Geißel der Menschheit. Was im Namen der Religion zurzeit passiert, in Amerika, im Irak, in Asien oder bei uns in England, das kann ein Mensch mit gesundem Menschenverstand nicht verstehen. Warum tun wir uns das an? Warum tun wir anderen das an? So viel Unglück kann kein Gott, keine Religion wollen. Und Stichwort Soul: Das hat ebenso viel mit Pot-Rauchen zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Rauchen Sie etwa Marihuana?

Stone: Natürlich, Herzchen! Ich komme aus Devon, da ist das normal. Ich sag Ihnen was: Jeder Künstler, der sagt, er nimmt keine Drogen, ist ein verdammter Lügner. Jeder nimmt Drogen!

SPIEGEL ONLINE: Wie steht es mit der Liebe?

Stone: Die Jungs mögen mich nicht. Ich glaube, ich bin denen zu selbstbewusst. Aber das ist ja überhaupt das ganze Übel in der Popmusik. Oft habe ich den Eindruck, die heutige Popmusik hat Angst vor Frauen, die selbstbewusst auftreten und sich nicht nur auf Hintern und Titten reduzieren lassen wollen. Aber viel zu viele Frauen machen diesen ganzen Mist freiwillig mit, weil sie glauben, dass sie sonst keine Chance in diesem Haifischbecken haben. Ich kann es ja verstehen, ich habe das ja lange Zeit selbst mitgemacht. Um noch Mal auf Ihre erste Frage zurückzukommen: Ja, ich fühle mich gut. Ich bin glücklich. Und bitte: Sagen Sie das auch meiner Mutter.

Das Interview führte Stéfan P. Dressel


Das Album "Introducing Joss Stone" ist bei Virgin/EMI erschienen.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.