Soul-Star Sharon Jones Die Raureife

Schmutzig, kantig, anrüchig: Sharon Jones und ihre Band spielen erdigen Lo-Fi-Soul statt schillernden Hochglanz-R&B. Ihr altmodisches Rezept macht sie zum Darling von Soul-Queen Amy Winehouse - und zur Pophoffnung von morgen.

Von Jonathan Fischer


"Zu klein. Zu fett. Zu schwarz. Zu alt." So bringt Sharon Jones ihre Leidensgeschichte als Soulsängerin auf den Punkt. Niemand bezweifelte, dass die Frau eine großartige Stimme hatte. Aber ein Plattenvertrag im zeitgenössischen Rhythm'n'Blues-Business? Oder gar die Chance auf einen MTV-Auftritt? "Vergiss es!" faucht die füllige 51-Jährige mit resoluter, von Nikotin - oder den Niederlagen des Lebens - aufgerauter Stimme. "Die schicken eine wie mich doch zurück in den Gospelchor."

Souldiva Jones: Mit geballter Erdigkeit gegen das Emotionssurrogat der R&B-Charts
Daptone

Souldiva Jones: Mit geballter Erdigkeit gegen das Emotionssurrogat der R&B-Charts

Und so blieb die aus Augusta, Georgia, stammende Soul-Mama jahrzehntelang in New Yorker Kellerbars stecken. Nahm einen Job als Gefängniswärterin auf Rykers Island an. Und spielte an den Wochenenden mit ihrer Band, den Dap-Kings, für Hochzeitsgesellschaften und Studentenverbindungen.

Das war einmal: Denn seit diesem Jahr haben die grellen Scheinwerfer der Popwelt Jones entdeckt. Die "New York Times" widmete ihr ein ausführliches Portrait, Musikmagazine wie der "Rolling Stone" schwärmen von ihrer "hypnotischen Energie", und selbst MTV konnte nicht umhin, die "Soulschwester Nummer Eins" einzuladen. Was war passiert?

Nun, Sharon Jones war die Alte geblieben. Aber ihre Backing Band schaffte es, plötzlich als Geheimwaffe des Rhythm'n'Blues gehandelt zu werden. So wurden die nach frühem James Brown und Stax Records tönenden Dap-Kings von allen möglichen Popprominenten, etwa Produzent Mark Ronson und HipHop-König Kanye West ausgeliehen. Sogar im neuen Bob Dylan-Video sind die Dap-Kings mit dabei.

Die Band besitzt eine Intensität, die dem zeitgenössischen R&B verloren ging, und nun gilt der Sound von vorgestern als Hoffnung von morgen. Eine entscheidende Rolle spielte dabei die britische Soulsensation Amy Winehouse. Sie engagierte die New Yorker Funk-Adepten nicht nur als Tourbegleitung, sondern ließ sie auch die Hälfte ihres neuen Albums einspielen: "Back To Black". Ironie, dass alle Beteiligten bleiche Hautfarbe haben?

Für Sharon Jones jedenfalls schmeckte es bitter: Ihre Band kam ohne sie in die Charts. Wenn sie kaum ein gutes Wort über Amy Winehouse verliert, dann aber nicht aus persönlicher Abneigung, sondern weil die ganze Konstellation alte Wunden der Popgeschichte aufreißt: Weiße Interpreten schnappten sich oft den ganz großen Kuchen – während den afroamerikanischen Originalen nur die Krumen blieben. Siehe Muddy Waters, Chuck Berry oder Bo Diddley.

Eine Aretha Franklin für die Zuspätgeborenen

So ganz stimmt diese Gleichung natürlich nicht: Denn auch Sharon Jones erinnert in ihrer Phrasierung oft an die großen James-Brown-Chanteusen Lyn Collins, Vicki Anderson und Marva Whitney, und steht somit in einer Tradition des Kopierens und Hinzufügens. Zumal sie lange ausschließlich vor einem weißen, Publikum spielte, das ungefähr halb so alt ist wie sie, und sie als Abziehbild des Old School Soul goutiert. Eine Aretha Franklin für die Zuspätgeborenen.

Aus dieser Rolle will Jones nun mit ihrem neuen Album "100 Days and 100 Nights" ausbrechen, mit geballter Erdigkeit dem Emotionssurrogat der Rhythm'n'Blues-Charts trotzen. Und gerade so den Zeitgeist treffen: 1996 war sie bei einer Session auf Gabriel Roth gestoßen. Der Bassist der Dap-Kings und Mitbegründer des Plattenlabels Desco/Daptone Records hatte mit seiner Truppe jahrelang die Technik und den Stil seiner Helden James Brown, Otis Redding oder Booker T & The MGs studiert.

Sharon Jones kam da genau richtig. Schließlich gehört es zu den Erfolgsrezepten des Retro-Soul, eine betagte schwarze Vokalistin mit jungen, weißen Musikern zu paaren: So singt Nicole Willis mit ihrer finnischen Band The Soul Investigators, Spanky Wilson mit dem britischen Quantic Soul Orchestra, hat Marva Whitney für ihr Comeback Album gar eine japanische Band engagiert.

Schwarz und alt: die Auszeichnung schlechthin

Jahrelang tingelte Jones wie diese durch Mod-Clubs und Szene-Diskotheken, stieg sie dank Deejays wie Norman Jay und Gilles Peterson, entsprechender Radiosendungen und Internet-Foren zu einem globalen Phänomen auf: "Ich kann in jeder Stadt auf dem Globus einen Club füllen. Und doch gehe ich in New York durch die Straßen und werde von keinem erkannt". Das liegt wohl daran, dass ihre Alben vor allem im Dunstkreis der Retro-Funk-Fetischisten ihre Fans fanden. Dort wo man gerne mal den Satz hört, dass die alten Rezepte die besten seien. Ein Oldtimer-Fanclub, der nur die Haifischflossen-Designs von anno dazumal gelten lässt.

Bezeichnend dafür ist die Geschichte der New Yorker Plattenfirma Desco/Daptone – stellvertretend für Myriaden von Kleinstlabels, die von München bis Osaka die Wunderwerke lokaler Garagen-Bands auf Vinyl-Singles pressen: "Anfang der Neunziger", gesteht Labelgründer Gabriel Roth, "ließ sich die Idee, dass neue Bands Funk im alten Stil spielen, schwer verkaufen." Also tarnte man sich: Desco veröffentlichte das erste Album der Dap-Kings unter dem Pseudonym "Mike Jackson & The Soul Providers" – und behauptete, es handele sich um den Soundtrack eines obskuren Kung-Fu-Films aus den Siebzigern. "Niemand hätte das Album beachtet, wenn es neu gewesen wäre. So aber hörten wir, dass die Musik ‚verdammt funky’ sei". Schwarz und alt: In der Old-School-Funk-Szene die Auszeichnung schlechthin.

Solche Mogelpackungen haben die Dap-Kings heute nicht mehr nötig. Sie bilden zusammen mit den Bamboos, Alice Russell, den Münchner Last Poets oder den Sweet Vandals die Speerspitze einer zunehmend selbstbewussten Szene. "Raw Soul" nennt sie sich. Oder "Deep Funk".

Soul wie er sein sollte - "schmutzig, kantig, anrüchig"

Im Gegensatz zum sauber geleckten Rhythm'n'Blues muss es hier scheppern und krachen, mit brünstigen Hammondorgeln, fetten Bläsern und WahWah-Gitarren, am liebsten in Lo-Fi und auf Vinyl. Den Einwurf, dass man sein Glück in altbackenen Formeln suche, lässt Dap-Kings-Gründer Roth nicht gelten: "Retro ist ein Trend. Aber Old School ist eine Einstellung. Es geht darum den Soul so zu machen, wie sein sollte: schmutzig, kantig, anrüchig!"

Dennoch muss Sharon Jones in jedem Interview die gleiche Frage beantworten: Warum ihre Band schwarz klingt, ihre Fans aber überwiegend weiß sind. Dann verweist sie auf die weißen Musiker, die hinter Wilson Pickett, Aretha Franklin oder Sam & Dave standen. Und wird versöhnlich, was Amy Winehouse betrifft: "Dank der nun berühmten Dap-Kings habe ich kürzlich im Apollo Theater in Harlem gespielt. Vorher hatten meine schwarzen Brüder und Schwestern keine Chance, mich kennenzulernen." Das Haus kochte, die Sängerin wurde gleich wieder gebucht.

Jetzt wartet Jones darauf, dass ihre Platten als Bootleg-CDs auf den Bürgersteigen von Harlem ausliegen: Erst dann ist sie wirklich angekommen – in der schwarzen Popwelt.


Sharon Jones & The Dap Kings: "100 Days, 100 Nights", Daptone Records

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