Souldiven der Saison Politik, Püppchen!

Mariah Carey, Mary J. Blige, Erykah Badu: Drei Souldiven in den Enddreißigern buhlen mit neuen Alben um die R&B-Krone. Vor allem Badu fasziniert mit raffiniertem Sound und politischer Agenda. Pop-Puppen, nehmt euch in Acht.

Von Jonathan Fischer


Sieht man einmal von Lauryn Hills dutzendmal verschobenem Comeback-Album und der zum Popzombie plastifizierten Janet Jackson ab, wetteifern diesen Frühling drei Thronanwärterinnen um den Titel der R&B-Königin: Mariah Carey, Mary J. Blige und Erykah Badu.



In der Tradition von Billie Holiday, Sarah Vaughan oder Nina Simone verkörpern sie die Kunst, Haltung zu bewahren, kraft ihrer Stimmen das Sprachlose zu Sprache, und das scheinbar Banale zu mystischem Wissen zu erheben. "Respect" – Aretha Franklins Forderung nach Würde angesichts der Übermacht der Verhältnisse – hallt dabei immer noch nach. Doch die Requisiten haben sich im Lauf der Jahre verwandelt, die Rollen vervielfältigt.

Gehörte zur Diva früher noch eine Überhöhung der eigenen, ja, Leidensgeschichte, bewohnt Mariah Carey nur noch vage Identitätshülsen. Altmodische Lebensbeichten? Autobiographische Details? Authentizität? Nein, das gehörte nie zum Repertoire der so kurvenreichen wie stimmgewaltigen Sängerin. Sie hielt ihre Songs immer so allgemein wie möglich. Variierte nur die Stimme, protzte mit ihrem Repertoire an sirenenhaften Klagetönen.

Hatte sie sich mit dem letzten Album "The Emancipation Of Mimi" von der Pop-Balladeuse zum HipHop-tauglichen R&B-Vamp gewandelt, besetzt sie beim Nachfolger alle Rollen gleichzeitig. Das zumindest suggeriert die Produzentenwahl: Mit dabei sind unter anderem Jermaine Dupri als Spezialist für federnde Club-Banger, der norwegische Dance-Produzent Stargate und Hitgaranten wie Will.I.Am, Tricky Stewart oder Kanye West-Kumpan DJ Toomp. Für jeden etwas. Ein Konzept, das bei jüngeren Konkurrentinnen wie Rihanna aufgegangen ist, und mit dem Mariah Carey an ihr 2005er Comeback anschließen dürfte.


Mary J. Blige dagegen bürgt auch auf ihrem neuen Album für authentisches Drama, öffentlich ausgetragene Kämpfe zwischen Selbstzweifeln und Selbstbewusstsein, in Songform gegossene Schmerzen. "Growing Pains" titelt das Werk. Denkt man an die Vorgänger "No More Drama" und "The Breakthrough", die das hart erkämpfte Glück der Sängerin feierten, kehrt Mary J. Blige nun zu ihrer alten Rolle zurück: der Mater dolorosa der Sozialsiedlungen. Schließlich war das Mädchen aus den tristen Wohnblocks von Yonkers, New York, vor 16 Jahren mit Texten über ausbeuterische Beziehungen, Drogen und Alkohol groß geworden.

Nun ist die "Queen of HipHop-Soul" eine reife 37-Jährige. Und kann glaubwürdig von der Hölle berichten, die es bedeutet, den Himmel festhalten zu wollen. In einem von Weichzeichner-Gefühlen und Zuckerguss verklebtem Genre singt sie erfrischend ehrlich über die Widersprüche des modernen Lebens, die niemals endende Suche nach uns selbst.

So gibt sie etwa auf dem Uptempo-Dancer "Work That" ganz die unabhängige, starke Frau: "Follow me, be yourself” – um nur wenig später ganz andere Saiten anklingen zu lassen: "I want you to rescue me". Sehnsuchtsvoll fleht die Gestrauchelte in der Ballade "Feel Like A Woman" ihren Liebhaber an.

Was man einer weniger glaubwürdigen Sängerin kaum abnehmen würde, gehört gerade zu den Stärken Mary J. Bliges: Zweideutigkeiten zuzulassen. Und mit gereifter Stimme die Einsicht zu predigen, dass wir lernen müssen, ohne Klarheit zu leben. Wenn bloß die Musik halb so viel wagen würde: Stattdessen lässt sich Mary J. Blige unter anderem von Tricky, Stargate, Ne-Yo und Brian-Michael Cox radiofreundliche aber farblose Midtempo-Grooves unterschieben, wirkt die Inszenierung stellenweise wie die x-te Wiederaufführung eines bekannten Theaterstücks.


Artikuliert Blige vor allem die Beziehungsnöte schwarzer Frauen, fragt Erykah Badu dabei immer nach der Freiheit des Einzelnen. "Everything around you see/ the Ankhs the wraps the plus degrees/ and yes even the mystery: it’s all me" singt die 36-Jährige auf "Me", dem wohl persönlichsten Track ihres neuen Albums "New Amerykah Part One". Und erzählt so radikal und subjektiv, wie nur sie es vermag: von ihren zwei Kindern und deren Vätern; ihrer Unwilligkeit, Interviews zu geben; ihren Gebeten zu Gott und der Erkenntnis, alle Antworten in sich selbst zu tragen.

Dunkle Seite des amerikanischen Traums

Schon immer war die turbantragende, mit Kerzen und ägyptischem Ankh-Stab auftretende Hohepriesterin einer postmodern-afrikanischen Spiritualität verpflichtet. Das Nachfolgealbum zum 2003er Opus "Worldwide Underground" aber erdet Badu vollkommen in der Gegenwart: Statt mit Science-Fiction-Parabeln und exotischen Afro-Mythen zu spielen, gibt sie die Politkämpferin.

Songs wie "Twinkle" oder "The Cell" erzählen von Armut, Drogensucht, und den Eskapismen der Ghetto-Jugend, beleuchten die vom R&B nur allzu selten aufgesuchten dunklen und schmutzigen Ecken des amerikanischen Traums. Unfassbar auch die von Glockenspielen, Soundeffekten und tiefsten Bässen begleiteten Kinderchöre auf "The Healer". Badu holt sich hier die verlorenen Möglichkeiten des Soul zurück.

Dabei halten sich dank HipHop-Produzenten wie Madlib und den für das Gros des Albums verantwortlichen Sa-Ra Creative Partners experimentelle Beats und organische Jazz-Funk-Grooves die Waage. Kaum überraschend dass Roy Ayers und Curtis Mayfield als Sample auftauchen. Von deren Geist ist auch die wunderbare Junkie-Hymne "That Hump" beseelt. Ein Soul-Klassiker der Zukunft. Und der Beweis, wie sexy die Repolitisierung des Rhythm’n'Blues klingen kann.



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