Soulsänger Al Green Sex-Prophet und Gottesmann

Sexualität und Spiritualität - mit dieser Mischung wurde der Sänger Al Green zur Soul-Legende. Dann kaufte er sich Ende der siebziger Jahre eine Kirche, wurde Reverend und kehrte dem Pop-Business den Rücken. 2003 feierte er ein furioses Comeback und bekehrt seitdem ein weltweites Publikum zu traditionellem Soul.

Von Jonathan Fischer


Soul-Legende Green: "Ich predige Liebe"
Blue Note Records/Clay Patrick McBride

Soul-Legende Green: "Ich predige Liebe"

Manhattan, Frühjahr 2005, in den Büroräumen des Blue-Note-Labels: Al Greens kehliges Lachen ist durch alle Korridore zu hören, als er mit einigen seiner alten Hits aus den siebziger Jahren konfrontiert wird. "Take Me To The River", "Love And Happiness" und "L.O.V.E.". Der Soul-Mann schnalzt mit den Fingern, wirft den Kopf in den Nacken und singt die Refrains so begeistert mit, als habe er sie seit Jahrzehnten nicht mehr gehört. Auf den Albumhüllen von damals posierte er bisweilen noch bauchnabelfrei und mit Goldmedaillons behängt: ein selbstverliebter Sex-Prophet. Heute ähnelt der 59-Jährige mit Brille, Pullunder und Bundfaltenhose eher einem seriösen Geschäftsmann. Bis er deklamiert: "Gott hat uns heute hier zusammengebracht. Weil ich die Liebe predige und du sie in Deutschland weiterverkündest."

Da muss auch seine 22-jährige Tochter Deborah lachen, eines von fünf Kindern der Familie Green. Sie begleitet Vater Al nicht nur zu seinen Interviewterminen, sondern singt auch Background in seiner Band. Auch das ein Zeichen eines gründlich gewandelten Images. Wurde Al Green früher bestenfalls mit den Kindern assoziiert, die angeblich zu seinen lasziv-erotisierenden Songs gezeugt wurden, gibt er sich heute in der Öffentlichkeit als Familienmensch: "Einer meiner Söhne", erzählt er, "geht beim Singen immer vor seiner imaginierten Angebeteten in die Knie. Ich frage dann immer, was das soll. Ob das nicht besser in den Gottesdienst gehört. Aber er lacht nur - und sagt, ihm gefielen meine Konzertausschnitte aus den Siebzigern am besten."

Sänger Green, Produzent Mitchell: Erotische Metaphysik, liebestrunkener Gesang
EMI Music Germany

Sänger Green, Produzent Mitchell: Erotische Metaphysik, liebestrunkener Gesang

Gospel versus Soul-Erotik: Das ist der uralte Konflikt, dem nicht nur Greens Karriere beinahe zum Opfer fiel. Soul-Kollegen wie Sam Cooke oder Marvin Gaye waren vorher an denselben Hürden gestrauchelt. Al aber hat überlebt. Hinter dem lapidaren Titel seines neuen Albums "Everything's OK" scheint in seinem Fall eine hart erkämpfte Einsicht zu stecken: Auch die irdische Leidenschaft hat Gottes Segen. Zumal Al Greens Stimme sich auf der Predigtkanzel und im Studio kaum unterscheidet, er selbst Bibelzitaten noch jede Menge erotische Untertöne zu entlocken pflegt. "Ich habe", erzählt der Reverend, "Leute in der Kirche raunen hören: 'Das ist doch ein weltlicher Song und ich entgegnete: 'Ja, aber Gott hat auch die Schönheit der Frauen geschaffen. Wir dürfen sie genießen - und darüber singen. Kann denn ein Prediger seiner Frau ein größeres Kompliment machen als 'You Are So Beautiful To Me'?"

Und kann es etwas Ehrenvolleres geben, als die Wertschätzung alter Weggefährten? Für "Everything's Ok" hat sich Al Green ein weiteres Mal mit Willie Mitchell zusammengetan - und einen Teil der Originalbesetzung von Hi Records in den legendären Royal Recording Studios zusammengetrommelt. Schon "I Can't Stop", Greens letztes Album, unternahm 2003 den Versuch, die Zeit im Popkarussell zurückzudrehen. Besser gesagt scherte es sich kein bisschen um all die Entwicklungen, die der R'n'B seit Greens Hochzeit in den siebziger Jahren genommen hatte. Das ist auch diesmal kaum anders: Warum auf Radioformate und Videosender Rücksicht nehmen? Nein, alles sollte einfach so klingen wie früher. Vom Studio bis zu den Backgroundsängerinnen, von den Bläsersätzen bis zu den warmen Hammond-Orgel-Klängen wurde kein Aufwand gescheut, die Magie von damals heraufzubeschwören.

Soul-Legende Marvin Gaye: Gospel versus Soul-Erotik
AP

Soul-Legende Marvin Gaye: Gospel versus Soul-Erotik

Ein Vierteljahrhundert ist es her, dass Willie Mitchell für Green Welthits wie "Let's Stay Together", "Call Me" oder "I'm Still In Love With You" produzieren durfte. Liebeslieder, die ihre Aura der kongenialen Partnerschaft des Soulsängers und des Produzenten verdankten. Jahrelang hatte Mitchell an Greens Stil gefeilt und dessen Stimme zu einem samtig-geschmeidigen Instrument einer in Streicher und Mollakkorde verpackten Wollust geformt. Nicht enden wollendes Vorspiel und erotische Metaphysik vermählten sich in diesem liebestrunkenen Gesang.

Doch so überzeugend sich Green durch heißeste Liebesschwüre schnurrte und gurrte - mit der Rolle des weltlichen Superstars konnte er sich niemals anfreunden. Seine innere Aufgewühltheit beschränkte sich nicht auf den Gesang: Hin- und hergerissen zwischen Sex, Glamour und tiefer Religiosität drohte er die Balance zu verlieren. Und der Sänger, so Green in seiner Autobiographie "Take Me To The River", erhielt von Gott ein "Zeichen zur Umkehr": 1973, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, überschüttete ihn eine eifersüchtige Freundin unter der Dusche mit kochendem Grießbrei und fügte ihm schwerste Verbrennungen zu - um sich anschließend selbst zu erschießen.

Soulstar Sam Cooke: Kampf mit der irdischen Leidenschaft
AP

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Der "Ladies Man" aus Memphis zog daraufhin einen Schlussstrich unter das Show-Business. War eine frühere Generation von Soulsängern noch stolz darauf gewesen, ihren Songs einen "Geschmack von Gott" verliehen zu haben, wollte Green partout "das Irdische nicht mehr mit dem Himmlischen" vermischen. Mit den Tantiemen solcher Hits wie "Call Me" oder "Love And Happiness" kaufte sich der Sänger 1978 eine eigene Kirche samt Reverend-Titel. Diese Bekehrung sollte den Ruin von Mitchells ehemaligem Label bedeuten. Die örtlichen Bankiers zogen sich zurück, in den Royal Recording Studios übernahmen Produktionen lokaler Rap-Bands und Blues-Matadoren das Tagesgeschäft. Und Al Green? Der fuhr seine teuren Sportwagen nur noch zu Bibelstunden und Gottesdiensten.

Wer ihn singen hören wollte, der musste zu seiner achteckigen Full Gospel Tabernacle Church nahe des Elvis-Presley-Boulevards pilgern und konnte sich sonntags auf einen Gospel-Marathon von gut fünf Stunden gefasst machen. Früher waren die Mädchen auf seinen Konzerten umgekippt. Jetzt fielen die Gemeindemitglieder reihenweise in Ohnmacht, sobald der Reverend ihnen die Hand auflegte und von seiner Liebe sang.

Aktuelles Green-Album "Everything's Ok": Empathie statt Vokalakrobatik

Aktuelles Green-Album "Everything's Ok": Empathie statt Vokalakrobatik

Mit "Everything's Ok" will Green Sexualität und Spiritualität jetzt wieder versöhnen und lässt sich über die Distanz von zwölf - meist gemeinsam mit Mitchell komponierten - Songs nochmals auf das ganz große Gefühlsdrama des Southern Soul ein. Wo bis vor kurzem noch in Gospel-Dur jubilierende Predigten erstrahlten, kriecht jetzt der Blues durch die Ritzen. Etwa auf der Ballade "Perfect To Me". Al Green wirft den Vulkan in seinem Innersten an und behandelt jedes Wort wie eine launische Geliebte: Ergriffen flüstert, seufzt und gurrt er noch die banalsten Zeilen, presst er alle seelische Anspannung in ein sehnsüchtiges Winseln, um sich endlich in einem gedehnten Falsettschrei Luft zu verschaffen.

Den suggestiven Rest besorgt Mitchells warme, streicher- und bläserselige Produktion: eine Wiederauflage des klassischen Hi-Sounds ohne Ecken und Kanten. Deshalb strotzt "Everything's Ok" immer noch vor Qualitäten, die der zeitgenössische Rhythm'n'Blues so schmerzlich vermissen lässt: Molldramatik statt Striptease zum Mitklatschen, Empathie statt Vokalakrobatik, erlittenes Leben statt Kunsthandwerk.

Al Green hat wohl gewusst, warum er so lange zögerte, sich wieder in die Mördergrube namens Soul zu stürzen. Wer so singt wie er, gibt immer auch der Versuchung seine Stimme. Doch kann Zärtlichkeit wirklich Sünde sein? Braucht angesichts der Beliebigkeit des Hip-Hop-Machismo der Soul nicht mehr Seelenfänger vom Schlage Greens? Soulsänger, die Sanftheit und Verwundbarkeit als Adelsprädikate hochhalten?

Reverend Green: Mit dem Sportwagen zur Bibelstunde
EMI Music Germany

Reverend Green: Mit dem Sportwagen zur Bibelstunde

Wenn Al Green einst sein weibliches Publikum in hautengen Strass-Overalls halb um den Verstand gesungen hat, dann dürfte ihm das heute auch im gesitteten Predigeranzug mit Krawatte gelingen. Immer noch vermag er wie kein zweiter auf dem dünnen Grat von Erfüllung und Entsagungsqual zu balancieren. Und Willie Mitchell behält auch drei Jahrzehnte nach "Let's Stay Together" recht: "Al kann alles mit seiner Stimme machen, er ist der Beste, den ich je gehört habe".


Al Green: "Everything's Ok" ist bei Blue Note/EMI erschienen.



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