Soulsänger Aloe Blacc Nach dem Crash ist vor dem Hit

Wenn Erotik und Sozialkritik zueinander finden: Mit "I Need A Dollar" hat Aloe Blacc die Radios erobert. Die Wurzeln des Ex-Wirtschaftsberaters liegen im HipHop, aber mit altmodischem Songwriting und viel Glut in der Stimme schenkt er einem alten Genre eine neue Zukunft: dem "Message-Soul".

Dan Monick

Von Jonathan Fischer


"Ich habe heute schon drei Songs geschrieben", erklärt Aloe Blacc. "Einer davon ist ein Rocksong, der zweite ist eine Popnummer und der dritte Soul". Der mit seiner Schiebermütze wie ein Wiedergänger des Siebziger-Jahre-Soulhelden Donny Hathaway wirkende Songwriter lächelt zufrieden - das Tagespensum ist geschafft.

Nun ja, fast. Denn während der junge Afroamerikaner aus Los Angeles in einer Münchner Hotelbar ein Interview gibt, wimmelt seine Tourmanagerin Gästelistenwünsche für das abendliche Konzert im Club Puerto Giesing ab. Es ist - wie so viele Auftritte von Aloe Blaccs Europatournee - ausverkauft.

Kein Wunder: Aloe Blaccs "I Need A Dollar" läuft in den Radios rauf und runter und ist auf dem besten Weg vom Geheimtipp zum Soulhit des Jahres. Wer könnte sich schon diesem erdigen Funk-Rhythmus entziehen? Und nicht darüber ins Schwärmen geraten, dass hier - vier Jahrzehnte nach Marvin Gayes "What's Going On"- noch einmal Erotik und Sozialkritik zueinanderfinden?

Begleitet vom Kollektiv Truth & Soul aus Brooklyn kanalisiert Blacc auf seinem Album "Good Things" den Groove der schwarzen Popmusik der sechziger und frühen siebziger Jahre. Er überzeugt durch altmodisches Songwriting statt mit den inzwischen im R&B gebräuchlichen Tracks, sein Gesang verströmt Soul-Glut und Überzeugungskraft. Und natürlich kommt das alles stilecht im schmutzigen Analog-Sound daher.

Dennoch darf man Aloe Blacc nicht in einen Topf mit Kirchenchor-sozialisierten Soul-Veteranen wie Sharon Jones, Lee Fields oder Bettye LaVette werfen. Vielmehr gehört der 31-Jährige zur Generation HipHop. Er kennt sich besser auf dem Börsenterrain als in Bluesclubs aus, verdiente lange Zeit sein Geld als Wirtschaftsberater. Seine Musikleidenschaft war für ihn nur ein Hobby. Erst als er nach dem Crash des Finanzmarkts seinen Job verlor, wagte er, daraus einen Beruf zu machen.

Vom HipHopper zum Geschichtenerzähler

Da hatte Aloe Blacc bereits als Rapper des Duos Emanon mehrere Alben aufgenommen. "HipHop schulte mich auch in anderen Formen von Musik", sagt er: "Die Samples kamen schließlich aus Latin, Rock, Soul und Jazz." Eine ungewöhnliche stilistische Offenheit prägte auch Blaccs 2006 erschienenes Solo-Debütalbum "Shine Through": Der Sänger, Rapper und Produzent versuchte sich da zwischen HipHop-Beats auch an Country-Blues und Salsa.

Die Mischung spiegelt die polyglotte Familiengeschichte des Musikers: Seine Großeltern stammen aus der Karibik, seine Eltern emigrierten von Panama nach Kalifornien, wo Aloe Blacc in einem überwiegend weißen Vorort von Los Angeles aufwuchs. Daheim lief Salsa. In der Grundschule spielte er in einem klassischen Orchester Trompete - und hörte gleichzeitig mit seinen Freunden HipHop.

Sein jüngstes Soulalbum erscheint da nur äußerlich wie ein Bruch: "Ich bin geistig immer noch im HipHop zu Hause", sagt Blacc. "In meinen Raps reihte ich eine Menge Assoziationen aneinander. Aber dann erwachte in mir der Ehrgeiz, Geschichten zu erzählen, jemanden mit meinen Songs emotional zu berühren. Als Soulsänger kann ich das eher erreichen". So verlagert er auf "Good Things" das Gewicht vom Persönlichen zum Politischen, singt nicht nur von der Liebe, sondern auch von Arbeits- und Obdachlosigkeit, dem Missbrauch von Macht und Reichtum in der kapitalistischen Gesellschaft.

Offensichtlich feiert der Message Soul der siebziger Jahre ein Comeback. Auch Erykah Badu, Anthony Hamilton oder Raphael Saadiq reihen sich hier ein, John Legend spielte gar auf seinem letzten Album "Wake Up" unter Regie von Questlove und seiner HipHop-Band The Roots ausschließlich Coverversionen sozialkritischer Soulklassiker wie "Hard Times" (Curtis Mayfield), "Wake Up Everybody" (Harold Melvin) oder "I Can't Write Left-Handed" (Bill Withers) ein.

Aloe Blacc nennt denn auch Bill Withers als sein größtes Vorbild - neben Gil Scott-Heron und Joni Mitchell. Seinen ersten Hit hat er allerdings einem glücklichen Zufall zu verdanken: "Der Fernsehsender HBO suchte nach einem Titelsong für seine Serie 'How To Make It In America'. Mein Label hörte davon, und schickte ihnen einfach den letzten Song zu, den ich aufgenommen hatte: 'I Need A Dollar'. Über die Zusage waren wir alle überrascht."

Immerhin hat sich Blaccs Plattenfirma Stones Throw bisher eher als Bannerträger des HipHop-Untergrunds profiliert, gelten seine Künstler wie Georgia Ann Muldrow, Madlib oder zuletzt der weiße Soulsänger Mayer Hawthorne immer noch als kommerzielle Außenseiter. In Aloe Blacc allerdings könnte Stones Throw seinen talentiertesten Songwriter gefunden haben. Einen Alleskönner, der über Genregrenzen hinaus denkt, den Rhythm & Blues wieder mit lyrischer Bedeutung auflädt und so die Blaupause für den Soul der Zukunft schafft.

"Wenn du jung bist", erklärt Blacc, "identifizierst du dich mit einer Musikrichtung und willst keine Veränderung. Aber für mich werden mit zunehmendem Alter alle Kategorisierungen überflüssig. Mein nächstes Album wird jedenfalls HipHop. Und auch das übernächste habe ich schon eingespielt - mit Bossa Nova".

Soulfans müssen also noch ein bisschen warten, bis Blacc ihnen den Nachfolgehit zu "I Need A Dollar" kredenzt.



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Locutus 12.11.2010
1. Titelzwang
Man hätte erwähnen können, dass der Song in den USA populär wurde als Titelmelodie der HBO-Serie "How To Make It In America". Ich hab ihn dort auch zuerst gehört und dachte, es wäre ein alter Klassiker. War dann sehr überrascht, als ich hörte der Song wäre in den deutschen Charts.
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