Soulsängerin Fleur Earth Zwischen Groove und Goethe

Soul mit ordentlich Groove und kritischer Agenda: Das kannte man bislang nur aus den USA. Die Afrodeutsche Fleur Earth könnte nun zur deutschen Erykah Badu werden - mit raffinierten Texten und markantem Sound.

Von Uh-Young Kim


Fleur Mouanga lässt sich Zeit. Ihr Bandkollege dreht die Schallplatte um und setzt noch einen Kaffee auf. Alte Soulmusik erfüllt das Wohnzimmerstudio in Köln. Beharrlich kreist das Vinyl, die allgemeine Endzeitstimmung, der Krisen-Loop aus den Nachrichten und die Archivruine in der Südstadt rücken in weite Ferne. Auch das ortsübliche Gejammer um die trockengelegte Popmetropole am Rhein nach dem großen Berlin-Exodus ist wie weggezaubert.



Im Schatten des Doms sind doch noch ein paar Schwärmer hängengeblieben, die unbeeindruckt vom Haupstadthype ihr Ding machen. Das Fleur Earth Experiment - kurz FEX genannt - hat sich vor fünf Jahren auf einer Open-Mic-Session getroffen.

Die Musikszene befand sich bereits im freien Fall in die Absatzmisere, und MySpace-Wunder und YouTube-Stars waren noch nicht als Erlöser der Branche erschienen. So konnte die sechsköpfige Band unbehelligt von maßlosen Trendscouts und hysterischen Bloggern den ersten eigenständigen Neo-Soul-Entwurf auf Deutsch heranreifen lassen. Ihr Debüt-Album heißt "Soul des Cabots" - Straßenköter-Soul.

Verzögert und veredelt

Wie schon bei HipHop und Gangsta Rap kommt nun also der Neo-Soul aus den USA mit der üblichen Verzögerung von zehn Jahren in Deutschland an. Ende der Neunziger haben sich die Rap-Band The Roots und Sängerinnen wie Erykah Badu oder Jill Scott auf handgespielte Musik und sozialkritische Inhalte zurückbesonnen.

Zusammen mit der Slam-Poetry-Szene bildeten sie von Philadelphia aus einen Gegenpol zu Macho-Rap und Glitzer-R&B. Das Kollektiv um Sängerin Fleur Earth kann als lokale Antwort auf dämliche Krawallrapper und Casting-Shows angesehen werden - und ist doch viel mehr.


Denn sobald die 29-jährige Deutschkongolesin zu ihrem kryptischen Sprechsingsang ansetzt, helfen keine Verweise ins gelobte Land der Popkultur oder sonstwohin weiter. Leichtfüßig tänzelt sie über organischen Grooves, die die goldenen Siebziger wiederaufleben lassen. In ihrer Großstadtdichtung verschlüsselt Fleur Earth Erlebnisse und Gefühle auf vielschichtige und doch berührende Weise. Das hat sie sich bestimmt nicht bei Bushido und Beyoncé abgeguckt. Im Interview erweist sie erst einmal ihrem großen Vorbild Respekt: "Goethe ist mein Leitfaden gewesen. Der hat mich sehr inspiriert."

Samples des Widerstands

Wenn der Dichterfürst den Sinn für die Schönheit der Sprache in ihr geweckt hat, dann hat sie von Brecht die dialektischen Seitenhiebe übernommen. Gleich im ersten Stück "Zeitleiden" formuliert die Sängerin ihr Unbehagen über den pausenlosen Leistungszwang im Spätkapitalismus.

Geistesverwandte haben FEX in den Edelweißpiraten gefunden, eine Gruppe von jugendlichen Widerstandskämpfern aus der Zeit des Nationalsozialismus. Das alte Lagerfeuerlied "Verlorene Schar" erklingt hier in einer druckvollen Reggae-Version. Die unangepasste Haltung lässt sich verblüffend nahtlos auf die Band übertragen. Einen weiteren Strang des Albums bilden melancholische Songs über Beziehungen - Träume von einer verflossenen Liebe oder eine gewitzte Absage an plumpe Anmachversuche.

Dabei entfaltet sich eine eigenwillige Songlyrik, von der selbst Fleurs Bandkollegen oft nicht wissen, was sie eigentlich bedeutet. Die Stücke sind das Gegenteil von der Massenware von DSDS und Konsorten. Pop-Dompteur Dieter Bohlen hat ja selbst mittlerweile erklärt, um was es geht: Abliefern mit Wiedererkennungswert, sich Verkaufen wie ein Profi.

Fleur Earth setzt dem pseudomenschelnden Warencharakter des Spektakels ein echtes Leben entgegen. Denn trotz der verschachtelten Bedeutungsebenen ist "Soul des Cabots" nie verkopft, sondern bleibt im Alltag geerdet. Ein sonderbarer Arbeitstag oder eine Begegnung auf der Straße nimmt Fleur zum Ausgangspunkt für ihre wundersamen Wortgebilde.

Distanz zu Dieter

Dabei hätte sie durchaus den Medien-Boulevard mit seiner Gier nach dem Exotischen bedienen können: eine Eigenbrötlerin mit unbändiger Afro-Frisur, die in der DDR geboren wurde, im Kongo aufgewachsen ist, wochentags als Elektroinstallateurin auf dem Bau arbeitet und - Achtung: Nonkonformismus! - der Liebe zum eigenen Geschlecht nicht abgeneigt ist. Doch der allgemeinen Verwertungssause entzieht sie sich bislang.

Während die Popklone aus dem Casting-Zirkus ohne Hemmung jedes Geheimnis lüften - und entsprechend schnell langweilig werden -, wahrt Fleur durch die Kunst der Poesie eine rätselhafte Distanz: "Wenn man sich zu sehr offenbart in dieser Welt, kann das zu Kummer führen. Deshalb verwende ich Bilder, um mich auszudrücken."

Gerade weil sich nicht alles gleich beim ersten Hören erschließt, kehrt man gerne zu den Songs zurück. Fleur Earth stößt dabei einen Prozess an, der so alt ist wie die Dichtung selbst: Erst wenn der Zuhörer sich um einen Sinn bemüht, erwacht das Kunstwerk zum Leben. Dass das so soulful wie bei ihr klingt, ist im Land der Dichter und Denker allerdings völlig neu.


Fleur Earth Experiment: "Soul des Cabots" (Melting Pot Music/Groove Attack)

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