Soulsängerin India.Arie "Make-up war meine Medizin"

Die meisten R'n'B-Stars beschwören in ihren Songs Sex, Geld und Macht. India.Arie singt von ihren Haaren. Mit SPIEGEL ONLINE sprach die Sängerin über Schönheitsklischees, schwarze Identität und politische Frisuren.


SPIEGEL ONLINE: Ihre neue Single "I Am Not My Hair" wendet sich gegen die Mode-Obsession des Pop. Was hat das mit Ihrer Frisur zu tun?

India.Arie: Als ich meine Dreadlocks abschnitt und meinen Kopf kahl rasierte, irritierte das viele Leute - gerade so, als ob es mich zu einem anderen Menschen gemacht hätte. Frisuren sind in der schwarzen Kultur von großer Bedeutung. Wir investieren eine Menge Zeit in ihre Gestaltung, eine Menge Geld in ihre Pflege, und selbst wenn du deine Haare naturbelassen trägst, musst du sie kämmen, mit Fetten und Duftölen pflegen. Deswegen verdient die Industrie viel Geld mit Haarpflegeprodukten und suggeriert uns immer neue Trends.

SPIEGEL ONLINE: Was ist so falsch daran, der neuesten Mode zu folgen?

India.Arie: Gar nichts ist falsch daran. Aber Moden und Haartrachten sind nicht umsonst ein Dauerthema im schwarzen Pop: Sie sind Teil des Definitions-Kampfes, wofür schwarze amerikanische Kultur steht. Ich habe da selbst einiges mitgemacht: In der dritten Klasse trug ich Jheri Curls. Danach habe ich mir meine Haare chemisch glätten lassen und musste erleben, wie sie dadurch ausfielen. Dauernd kämpfen wir um das richtige schwarze Erscheinungsbild.

SPIEGEL ONLINE: So wie es die Black-Panther-Frauen Angela Davis und Kathleen Cleaver in den Siebzigern taten, als sie sich riesige Afro-Frisuren zulegten?

India.Arie: Sie haben eine Menge in Kauf genommen, um ihren schwarzen Schwestern zu demonstrieren, dass sie auf sich stolz sein können. Dass sie Respekt verdienen. Wenn etwa ein Rapper in seinem Video schwarze Frauen wie Prostituierte darstellt, dann werden das manche Zuschauer in Deutschland für die Realität des schwarzen Amerikas halten. So geht es im Grunde beim ganzen Frisurenstreit darum, welche Botschaft wir aussenden: Ist es in Ordnung, einfach man selbst zu sein? Muss ich meine Haare glätten? Sind auch krause Haare schön? Eine Diskussion, die wir seit Jahrzehnten immer wieder aufs Neue führen. Hinzu kommen die Fragen, ob helle oder dunkle Haut schöner ist, ob Männer als männlich gelten können, ohne sich um ihre Frauen und Familien zu kümmern. Oder ob wir schwarzen Frauen mit kleinerem Busen und breiteren Hüften uns zu Tode hungern müssen, um europäischen Idealmaßen zu genügen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehr haben Sie unter diesen Normen gelitten?

India.Arie: Ich wuchs ich in einer fast ausschließlich weißen Kleinstadt in Colorado auf. Meine Mitschüler machten mir immer klar, dass ich nicht ihren Vorstellungen von Schönheit entsprach: Deine Nase ist so groß. Warum sieht dein Haar so anders aus? Für ein Kind ist das sehr verletzend. Als Teenager habe ich mich oft nicht getraut, das Haus zu verlassen, weil ich schlimme Akne hatte. Make-up wurde zu meiner Medizin - aber oft genug wirkte es nur wie eine Maske.

SPIEGEL ONLINE: Da haben Sie dann beschlossen, gegen all die weißen Schönheits-Stereotypen anzukämpfen?

India.Arie: Nein, nicht nur die weißen Stereotypen. Als ich 1988 mit meiner Mutter nach Atlanta zog wurde ich von den Schwarzen genauso gehänselt: Hey, Mädel, warum trägst du denn Schlaghosen? Ich habe mich einfach der aktuellen Straßenmode verweigert, diesem Gedanken, dass meine Kleidung, mein Gang oder mein Blick mich cooler machen als jemanden anderen. Meine Mom ist Designerin und näht mir alle meine Kleider. Und ich achte sehr auf deren Ausstrahlung, angefangen bei den Farben: Orange kann eine Menge Energie transportieren, Weiß ein Gefühl der Reinheit vermitteln.

SPIEGEL ONLINE: Esoterische Farbenlehre statt HipHop-Mode?

India.Arie: Meine Botschaft ist doch sehr bodenständig: Es ist in Ordnung, ein Individuum zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Müssen Sie, ein Popstar, der Millionen Alben verkauft, sich noch für ihr Anderssein verteidigen?

India.Arie: Der Kampf hört nie auf. Ich habe nichts gegen nette kleine Arschwackel-Songs. Ich gehe selbst manchmal in einen Club und tanze auf Trina oder Britney Spears. Aber mir geht es um ein Gleichgewicht: Deswegen musste diese ganze Neo-Soul-Bewegung sein. Man brauchte Frauen wie Erykah Badu, die sich selbst respektieren. Als sie die Bühne betrat, riefen die Leute: Oh, wie gewagt! Nur weil sie keinen Mann becircte. Was bitte ist schwarze Weiblichkeit? Intellekt oder Körper?

SPIEGEL ONLINE: Wenn man das Gros der Musikvideos betrachtet, wohl Körper.

India.Arie: Was nur halb so schlimm wäre, wenn die Leute nicht so verdrehte Ideen darüber hätten: etwa eine Cornrow-Frisur mit Gangster-Stil zu assoziieren! Afrikaner tragen diese Haartracht seit Tausenden von Jahren. Sind sie deswegen Gangster?

SPIEGEL ONLINE: Politische Botschaften machen sich an Frisuren fest?

India.Arie: Cornrows sind gangsta, Afros sind revolutionär: Da steckt natürlich ein Körnchen Wahrheit drin. Aber ich möchte mich nicht über meine Haare definieren, sondern über die Art und Weise, wie ich handle. Dreadlocks, Glatze oder Perücke: Ich bin derselbe Mensch. Selbst mit Cornrows. Selbst Oprah Winfrey, eine der größten Menschenfreunde der letzten hundert Jahre, trägt ihre Haare so.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch einmal als Model an einer Modekampagne für die Firma GAP mitgewirkt. Wie viel Geld investieren Sie in Ihr Aussehen?

India.Arie: Auf einer meiner Afrikareisen entdeckte ich, wie gut mir lange Zöpfchen gefallen. Diesen Wunsch ließ ich mich einiges kosten. Es ging mir nur um die Freude, nicht um mein Image. Als ich 20 war und nach einer abgebrochenen Juweliersausbildung mit der Musik anfing, hatte ich beschlossen, nicht mehr auf die Leute zu hören. Egal, was sie über meine muskulösen Oberarme oder Beine sagen: So bin ich eben, und ich mag es. Seitdem habe ich nie mehr gefastet oder an Brust-Implantate gedacht.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen von Balance, aber in Ihren neuen Songs wie "Wings Of Forgiveness" oder "There's Hope" klingen Sie durchgehend positiv und optimistisch. Sparen Sie als Musikerin Ihre dunkleren Seiten aus?

India.Arie: Ich kann mich nicht erinnern, jemals etwas geschrieben zu haben wie: 'Du gehst mir auf die Nerven' oder 'Kannst du meine Rechnung zahlen'? - ganz einfach weil ich nicht so denke. Meine Mutter trinkt nicht und flucht nicht. Sie sagt immer: Wenn ich mal 60 bin, kann ich das ja noch locker nachholen. Das hat auf mich abgefärbt. Außerdem sorge ich für mich: Ich lese, meditiere, führe Tagebuch, und ich sage nein. Ein großes Nein zu all den Sachen, die mich kränken. Das habe ich auf die harte Tour gelernt.

SPIEGEL ONLINE: Etwa von ihrer Großmutter, der sie gerade einen Song gewidmet haben?

India.Arie: Meine Großmutter ist Drogenberaterin und politische Aktivistin. Wann immer ich als Teenager wegen meiner selbstbemalten Schlaghosen gehänselt wurde, ermahnte sie mich: Sei du selbst, auch wenn dich das manchmal einsam macht. Daran halte ich mich selbst als Popstar. Sollte Motown meine Musik nicht mögen, würde ich trotzdem keine Note daran ändern.

Das Interview führte Jonathan Fischer



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