Soulsängerinnen Au-pair-Mädchen auf Schunkelkurs

Die eine war ein Wunderkind des Neunziger-R&B, die andere gilt als politische Künstlerin. Doch mit den neuen Alben von Brandy und India.Arie zeigt sich schwarzer Pop von seiner nervigen, prätentiösen Seite. Warum kann Soul nicht mal einfach nur Spaß machen?

Von Daniel Haas


Die Geschwister HipHop und R&B sind ehrgeizig, wenn es um Absatzzahlen und Publikumsgunst geht. Und weil im afroamerikanischen Pop die Mainstream-Tugend Verkäuflichkeit eng an die Innovationskraft der Künstler gekoppelt ist, sind die Erfolgreichsten oft tatsächlich die besten. Kanye West, Jay-Z, Timbaland oder Justin Timberlake haben Rap und Soul beflügelt - und damit Millionen Alben verkauft.



Diese Fortschrittszwänge schlagen mal im R&B, mal im HipHop kreativer zu Buche. Mal liegen die Soulcrooner vorne, mit vertrackten Beats und gewagten Texten. Mal überraschen die Rapper mit raffinierten Sounds und neuen Geschichten.

Wohin die afroamerikanische Popkarawane gerade zieht, ist ein bisschen unklar. Im Soul dominiert jedenfalls die Handarbeit, das Traditionelle, das machten zuletzt die Alben von Raphael Saadiq und Beyoncé deutlich.

Der Sänger nahm das Retro-Album "The Way I See It" auf (in Deutschland ab 17. April), das sich nur beim genauen Hinhören als zeitgenössische Produktion entlarven ließ. Beyoncés aktuelle Platte besticht mit dem gitarrendominierten Hit "If I Were a Boy", der viel vom klassischen Popsongwriting und gar nichts von den mäandernden Grooves des Neo Soul hat.

Dünnes Stimmchen, fetter Beat

Wenn also das Bewährte das Neue ist, was ist dann das betont Neue, Innovative? Bei Brandy, dem ewigen Teenager der R&B-Szene, klingt die Aktualität nach Gestern, nach Sehnsucht nach den Neunzigern, als R&B cool war, eine Veranstaltung zwischen Aeorobic und Disco, Futurismus und Abtanzmucke.


Damals bastelten Produzenten wie Antonio Reid und Babyface zünftige Beats, die dann die dünnen Stimmchen hübscher Girls auf Trab hielten. Gesanglich war das meistens uninteressant, aber es hatte - mit dem richtigen Subwoofer in Gang gebracht - ordentlich Bumms.

Brandy, 30, hatte 1998 mit "The Boy Is Mine" einen Welthit, schon damals produzierte Rodney Darkchild, der auch bei der neuen CD "Human" die meisten Tracks verantwortet. Darkchild, auch unter dem Namen Jerkins bekannt, ist eine Art Frank Farian des schwarzen Pop, seine Songs haben diesen Fitness-Studio-Appeal und erinnern einen immer daran, dass in den flexiblen Verhältnissen auch Amüsement sportlich zu nehmen ist.

Für "Human" hat er einige schlimme Nummern zusammen geschustert. Die Formel lautet: Schunkel-Beats, vorzugsweise mit Handclaps, banale Streicher- oder Piano-Hooks, darüber dann die Stimme von Brandy, die immer noch säuseln muss, als sei sie 17 - ein ewiges Au-pair-Mädchen des R&B. Stimmig ist nur die Schmonzette "Human", und die hat Beyoncé-Produzent Toby Gad gemixt. Beyoncé ist wie gesagt stilprägend - auch als Gegenfigur, von der man sich abgrenzt.

Politisch? Romantisch!

Wie India.Arie, 33, zum Beispiel. Die Sängerin ist eine betont natürliche Künstlerin, anders als der Destiny's-Child-Star zeigt sie sich mit Sari und Turban, dazu hat sie meistens eine Gitarre umgeschnallt: die Insignien der Authentizität, die im Pop natürlich auch nur eine Strategie unter anderen ist.


Aries neues Album hat den vollmundigen Titel "Testimony, Volume 2: Love & Politics". Im Booklet wird auch gleich programmatisch ein Politikbegriff entworfen, in den so ziemlich alles reingehört: die privaten Beziehungen ebenso wie Entwicklungshilfe für Afrika oder soziale Katastrophen in den USA.

Die Songs selber aber sind dann doch nur wieder Balladen mit hohem Herzschmerz-Anteil. Die politische Agenda findet sich, wenn überhaupt, auf Songs wie "Pearls", der von einer Frau in Somalia handelt, die sich beklagt: "Mein Leben schmerzt wie ein nicht eingetragenes Paar Schuhe." Wer sich so das Leiden von Opfern eines Bürgerkriegs zusammenreimt, sollte noch mal seine Metaphern überprüfen.

Spätestens jetzt muss der Mahnruf erklingen: Es ist doch nur Pop! India.Arie ist höchstens eine Proseminaristin des politischen Soul, keine Dozentin wie Erykah Badu. Das stimmt schon. Aber nervig ist es doch, wenn Künstler diese Attitüde der Kritik und des Engagements vor sich hertragen.

Erholen kann man sich von diesen Song gewordenen Nettigkeiten am Ende dann bei wieder beim HipHop. Da wird - die Alben von Jim Jones ("Pray IV Reign") und Ghostface Killah ("GhostDeini the Great") beweisen es, weiter eifrig Champagner geschlürft, Geld gezählt und im Maybach gecruised.

Der Bruder von R&B mag ein Rüpel sein, aber zurzeit man kann mit ihm einfach mehr Spaß haben.


India.Arie: "Testimony, Vol. 2: Love & Politics (Motown/Universal)

Brandy: "Human" (Columbia/Sony BMG)

Raphael Saadiq: "The Way I See It" (Columbia/Sony BMG)

Beyoncé: "I Am ... Sasha Fierce" (Sony BMG)

Jim Jones: "Pray IV Reign" (Sony)

Ghostface Killah: "Ghostdeini the Great" (DefJam/Universal)



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