Soulstar Raphael Saadiq Verehrer, Verführer, Veredler

Moderner Soul klingt meist nach tumben Beats und derben Sprüchen. Mit dem Gentleman-Sänger Raphael Saadiq wird R&B wieder erwachsen. Das neue Album des Amerikaners verbindet Retro-Charme und kritische Texte. Es könnte die Rettung eines verödenden Genres sein.

Von Jonathan Fischer


"Nostalgie!", ruft einem das Cover des neuen Raphael-Saadiq-Albums "The Way I See It" zu. Da posiert der Sänger in engsitzendem Anzug und altmodischer Hornbrille wie einst in den sechziger Jahren Motown-Held David Ruffin, wirkt selbst der Rotbraun-Stich der Aufnahme wie die Beschwörung einer lange zurückliegenden goldenen Ära des Soul.

Damals, als jede neue Single der Four Tops oder Temptations noch Romanzen stiften, gebrochene Herzen kitten und das Leben hin zum Wahren, Guten und Schönen verändern konnte: "Es hat ja jahrzehntelang kaum noch Musik dieses Kalibers gegeben", sagt Raphael Saadiq. "Das Soulpublikum wurde vom Rhythm'n'Blues links liegen gelassen, es gab keine neuen Kleider für sie: Sie mussten also nackt herumlaufen."

Der Mann, der 2004 sein letztes Soloalbum "Ray Ray" veröffentlichte, wirkt alles andere als mangelhaft angezogen: V-Pullunder, Anzughose, italienische Designerschuhe. Beim Interviewtermin in der Suite eines Münchner Edelhotels gibt sich Saadiq nobel-zurückhaltend, spricht mit leiser Stimme und wirkt überhaupt, als habe er gerade einen Knigge für adelige Umgangsformen studiert.

Der Musiker ist also das Gegenmodell des auf MTV lange dominierenden R&B-Machos. Mit der Fleischbeschau, wie sie in den Genre-typischen Videos zelebriert wird, wollte dieser zugeknöpfte Gentleman sowieso nie etwas zu schaffen haben.


Schon in seinen früheren Pop-Inkarnationen hatte Charlie Ray Wiggins - so der Geburtsname des 43-jährigen, aus Oakland stammenden Soulsängers und Multiinstrumentalisten - stets einen Beat hinter den aktuellen Moden agiert. Er träumte in Schwarzweiß-Ästhetik und suchte eine Verbindung zwischen der Welt der afroamerikanischen Kirche, wo er im Gottesdienst Gitarre gespielt hatte, dem Doo-Wop seiner Eltern und dem harten Groove des zeitgenössischen Black Radio.

Könner hinter den Kulissen

Nach dem High-School-Abschluss durfte der junge Musiker Prince und Sheila E. auf ihrer Parade Tour begleiten - die Initialzündung für die Gründung der eigenen Band Tony! Toni! Toné! Von 1988 bis 1996 diente Saadiq der kalifornischen Rhythm'n'Blues-Kappelle als Frontmann.

Später profilierte er sich als Songwriter und Produzent für D'Angelo, Erykah Badu, Mary J. Blige und John Legend, rief das kurzlebige Projekt Lucy Pearl ins Leben und fiel dabei immer wieder durch den Brückenschlag zwischen HipHop-Beats und klassischer Soul-Ästhetik auf.

Doch wie verdienstvoll das auch sein mochte: Saadiq blieb ein musicians' musician. Nach anfänglichen Hits wie "It Feels Good" und "It Never Rains In Southern California" hinkten seine Verkäufe stets den Lobeshymnen der Kritik hinterher. Vielleicht weil seine Soloalben "Instant Vintage" und "Ray Ray" sich für keinen Stil so richtig entscheiden konnten.

Blick zurück nach vorn

Auf seinem neuen Album wagt sich Saadiq nun weiter in die Vergangenheit vor als je zuvor. Passend zum 50-jährigen Jubiläum von Motown und dem durch die Präsidentschaft Barack Obamas gesteigerten öffentlichen Interesse für die traditionelle Soulkultur, misst sich der Musiker an den ästhetischen Vorgaben von gestern.

Tamburins tragen den Rhythmus, die Gitarren erinnern an die frühen Hits der Temptations, und Saadiq singt mit der romantischen Hingabe eines Smokey Robinson. Ein sanftes und fließendes Falsett, das aus jeder Silbe Verletzlichkeit atmet, und sich Frauen in der respektvollen Pose des Verehrers nähert. Eine fast verschüttete Facette afroamerikanischer Kultur.

Hatte doch zuletzt R&B-Sänger Chris Brown durch die brutale Misshandlung seiner Freundin, der Popprinzessin Rihanna, Schlagzeilen gemacht. Popsuperstar R. Kelly ließ den Kollegen Ronald Isley in seinen Videos als Frauen prügelnden Pimp auftreten. Und der Rhythm'n'Blues hing nicht nur musikalisch am Tropf des HipHop, sondern übernahm auch dessen frauenverachtende Posen.

Nun tritt Saadiq zusammen mit seelen- und stilverwandten Kollegen wie Anthony Hamilton oder Anthony David als Galionsfigur eines neuen Männerbildes in der schwarzen Popmusik auf die Bühne. "Ich habe immer die Empfindsamkeit von Soulsängern wie Jackie Wilson oder Al Green bewundert. Ihre Bereitschaft, sich für die Liebe verwundbar zu machen", sagt der Sänger.

Sound der Sehnsucht

Tatsächlich reproduziert "The Way I See It" - bis auf ein Gastspiel von Rapper Jay-Z - ganz und gar die Sensibilität der Soulklassik. Der Song "Never Give You Up" - erinnert - samt Stevie-Wonder-Mundharmonika- an die klassischen Sehnsuchtsnummern Marvin Gayes.

"Love That Girl" und das Joss-Stone-Duett "Just One Kiss" predigen die romantische Verführung im Fingerschnipp-Rhythmus. Und auch die Sozialkritik spart Saadiq nicht aus: So vollbringt er auf "Big Easy" das Kunststück, zu Tanzmusik in Dur eine Moll-Geschichte zu erzählen - und um seine Geliebte zu trauern, die er nach dem Hurrikan Katrina verloren hat.

Wen wundert es, dass "The Way I See It" Saadiq seinen größten Charterfolg seit 20 Jahren beschert? Schließlich hat er selbst das Erfolgsrezept von einst genau studiert. Und einfach wiedererschaffen, was man nicht verbessern kann.

Die Arbeit an Joss Stones Album, erzählt Saadiq, habe ihn angeregt, mehr in dieser Art und Weise zu schreiben. "Danach machte ich Urlaub auf den Bahamas, fuhr mit meiner Freundin zum Surfen nach Costa Rica und besuchte auch noch Neapel. Und was habe ich jedes Mal, an der Surfbude oder in der italienischen Bar gehört? Die alten Motown-Songs. Das hat mir zu denken gegeben ..."

Bleibt zu hoffen, dass Saadiqs Album die Türen auch für andere Gleichgesinnte öffnet - und die Industrie einen Markt jenseits der Chris Browns und Marios erkennt. Und dass Soul - vielleicht auch ohne Retro - endlich wieder erwachsen werden darf.

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