Soundkünstler Wolfgang Voigt: "Ich bin nicht die Madonna des Techno"

Zehn Jahre wach: Das erfolgreichste deutsche Techno-Label Kompakt feiert auf der Musikmesse C/O Pop Geburtstag. Chef Wolfgang Voigt spricht im SPIEGEL-ONLINE-Interview über die Fehler der Major-Labels, drogenbedingten Peilungsverlust und Techno als Gurkensalat.

SPIEGEL ONLINE: Herzlichen Glückwunsch Herr Voigt, Ihr Label Kompakt feiert seinen zehnten Geburtstag. Fast genauso lange wird nun schon vom Tod der Musikindustrie gesprochen. Wie fühlt man sich als Gewinner in einer Branche voller Verlierer?

Voigt: So würde ich das nicht sagen, Gewinner und Verlierer. Obwohl natürlich mancher besser mit der ewigen Krise in der Musikindustrie umgeht, oder einfach nur mehr Glück hat. Wir sind natürlich genauso vom Einbruch der Verkaufszahlen betroffen, wie andere auch.

SPIEGEL ONLINE: Und wie arbeiten Sie dagegen an?

Voigt: In dem wir zum Beispiel die Auflagenhöhe von physischen Tonträgern herunterfahren und uns nicht mehr eine so dezidierte Backkatalog-Pflege leisten, also ältere Titel, die trotzdem noch lieferbar sind.

SPIEGEL ONLINE: Ganz so schlecht geht es Ihnen aber noch nicht. In ihrer Kölner Zentrale leisten Sie sich und ihren Mitarbeitern einen Koch, der biologisch einwandfreies Essen zubereitet. Was ist musikalisch für Sie ein gutes Rezept?

Voigt: Ganz einfach: Weniger ist mehr. Aus wenigen, aber sehr guten Zutaten, wird gute Musik und gutes Essen gemacht. Bassdrum, Bassline, Hookline - Pasta, Pesto, Gurkensalat. That's it. Da wir, obwohl im Techno-Geschäft, eine Firma mit geregelten Arbeitszeiten sind, gibt's natürlich auch geregelte Essenszeiten. Das tägliche Essen macht Spaß und fördert die Kommunikation und die Leistung.

SPIEGEL ONLINE: Der Musik-Riese EMI hat angekündigt, bis zu 2000 Stellen zu streichen. Was machen die Major Labels falsch?

Voigt: Na ja, wenn eine Firma in dem Geschäft 2000 Stellen streicht, dann zeigt das vor allem, dass eine solche Größenordnung nicht mehr zeitgemäß ist. Und gewiss haben die großen Firmen den Markt in den letzten zehn Jahren mit immer profilloserem Casting- und Retortenquatsch verseucht, an dem sie zunehmend selbst ersticken. Aber entscheidender finde ich das immer noch allgegenwärtige Schwarzbrennen und illegale Herunterladen von Musik. Das hat den Markt kaputt gemacht und davon sind am Ende alle gleichermaßen betroffen.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die Vorteile eines kleinen Labels wie Kompakt gegenüber einem Major?

Voigt: Ich würde Kompakt eher als, sagen wir, mittleres Label betrachten. Die Vorteile sind klar: größtmögliche Selbstbestimmtheit, optimierte Wertschöpfung, künstlerische Freiheit.

SPIEGEL ONLINE: Dieses Wochenende findet in Köln die Musikmesse C/O Pop statt, die seit 2004 an Stelle der nach Berlin abgewanderten Popkomm veranstaltet wird. Wenn die Popkomm der Major unter den Musikmessen ist, was ist dann die C/O Pop?

Voigt: Es liegt nahe zu sagen, dann ist die C/O Pop die Indie-Messe. Aber das wäre zu einfach. Die C/O Pop ist mehr ein Festival-Messe-Crossover. Sie hat das interessantere Programm. Auch ist sie wesentlich näher an den Machern, insbesondere eben auch an den Kleineren. Sie ist netter und wird meines Erachtens in Ihren Möglichkeiten und ihrem Potential von vielen immer noch unterschätzt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Möglichkeiten sehen Sie?

Voigt: Zum Beispiel schneller und unabhängiger auf interessante experimentelle Musik reagieren zu können, hinter denen keine fette Firma steht. Die C/O Pop ist eben weniger von Lobbyisten abhängig und eine vergleichsweise junge und aufgeschlossene Veranstaltung.

SPIEGEL ONLINE: Techno ist auf der C/O Pop allgegenwärtig. Berlin wird jedes Wochenende von tausenden Rave-Touristen belagert und auch in anderen Großstädten dominiert erneut die elektronische Musik. Warum ist Techno wieder so in Mode?

Voigt: Interessant ist, dass Techno wegen seiner Tendenz, sich stark selbst zu zitieren, immer mal wieder tot gesagt wird. Oder dass die Geschmacksfraktion sich wegen der Anfälligkeit von Techno für drogenbedingten Peilungsverlust oder musikalischen Stumpfsinn regelmäßig abwendet. Sie erfinden dann neue Sub-Trends die anders heißen, de facto aber Techno sind. Nach Techno kommt immer Techno. Für mich war die Musik nie aus der Mode. Gerade Minimal ...

SPIEGEL ONLINE: ... eine auf wenige, repetitiv eingesetzte Klänge reduzierte Techno-Spielart ...

Voigt: ... ist doch in gewisser Hinsicht die beste Tanzmusik der Welt. Eine nonverbale Musiksprache, bei der jeder mitmachen kann. Sowohl in seinen glorreichen Ursprüngen, wie in seinen inflationären Auswüchsen der Gegenwart ist es die Essenz von Techno. Minimal ist die große Kunst des Weglassens, die Ekstase des "Fast nichts". Selbst die einstigen Love-Parade-Raver und Schlumpf-Techno-Typen hören doch heute Minimal.

SPIEGEL ONLINE: Im vergangenen Jahr sind viele Alben erschienen, die wieder instrumentaler klingen, auf denen Stimmen zum Einsatz kommen: Matthew Dear, Chloé oder das Kompakt-Künstlerduo Supermayer. Wohin wird sich Techno entwickeln?

Voigt: Bewegung impliziert Gegenbewegung. Techno braucht immer mal wieder Abstand von sich selbst. Es ist wünschenswert, den anonymen Einheitssound immer wieder durch Autoren-Techno aufzuscheuchen. Wie jede Popkultur braucht auch Techno Identifikationsfiguren und einen gewissen Glam-Faktor. Unser Label Kompakt hat sich ja immer schon als Poplabel unter den Voraussetzungen von Techno verstanden.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich eigentlich das Techno-Publikum über die Jahre verändert?

Voigt: Mir kommt es so vor, als wenn heute für viele Drogen, Sex und Hedonismus noch mehr als früher in den Vordergrund gerückt sind. Außerdem verliert in Zeiten der inflationären MP3-Downloads das einzelne Musikstück zunehmend an Bedeutung.

SPIEGEL ONLINE: Apropos feiern. Sie sind jetzt 47 Jahre alt und haben einmal gesagt: "Mit Techno kann man in Würde altern". Drei Tage wach, geht das denn noch?

Voigt: Techno ist für mich keine Frage des Alters, sondern der Haltung. Ich bin allerdings nicht die Madonna des Techno. Drei Tage wach war noch nie mein Ding. Qualität ist mir wichtiger als Quantität.

Das Interview führte Christoph Cadenbach


C/O Pop: Musikmesse und Festival, bis 17. August in Köln. Kompakt "Total 9"-Party am 15.08. in Expo XXI, Gladbacher Wall 5, Köln

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