Heinos Hit-Album: Der Unversöhnliche

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Ein Rockerkrieg, der keiner ist, ein Imagewechsel, den es nicht gibt - ein PR-Coup, der seinesgleichen sucht: Heino feiert mit Coverversionen von Pophits Charterfolge. Cooler wird er dadurch nicht. Die Chance, zum deutschen Johnny Cash zu werden, verspielt er mit Trotz und Niedertracht.

Heino: Leider ungeil Fotos
DPA

Ja, klar, total toll, wie er das R rrrrrollt, das konnte er immer schon besser als Rammsteins Til Lindemann. Und diese köstliche Version von "Junge"! So ironiefrei, was haben wir gelacht. Und Mensch, wie der Peter Fox mit seinem "Haus am See" als Spießer entlarvt: sen-sa-tio-nell! Heino, wie geil! Gleich kaufen, das Ding. Genau richtig für die nächste Bad-Taste-Party. Oder noch besser: Das leg' ich doch gleich mal morgen Abend in der Kreuzberger Hipster-Kneipe auf, das wird ein Spaß, die Gesichter will ich sehen! Und Karneval ist auch, super.

Ja, so funktioniert das. Heinos Album "Mit freundlichen Grüßen" ist ein inszenierter und kalkulierter Charterfolg: Man lasse sich von der "Bild"-Zeitung vorab einen Skandal herbeischreiben ("Weil er die Ärzte und Rammstein nachmacht: Rocker-Krieg gegen Heino!"), klebe dann noch ganz demonstrativ einen Sticker mit der Aufschrift "Das verbotene Album" aufs Cover - und dann muss eigentlich nur noch das gelangweilte Feuilleton-Volk aufspringen, das noch über jedes Stöckchen springt, wenn es nur lange genug hingehalten wird. So wie wir jetzt also auch.

Man kann schon beeindruckt sein, wie Schlager-Veteran Heino, 74, zusammen mit seinem Hamburger Manager Jan Mewes und der Plattenfirma Starwatch es geschafft haben, in diesem Januar den Pop-Diskurs zu bestimmen. Neues, grandioses Tocotronic-Album? Ja, na gut, schon wieder eins, gähn. Aber Heino, der Songs von Rammstein und den Ärzten covert und seinen Erzfeinden, der deutschen Rockszene, eine lange Nase zeigt, das ist doch mal ein Thema!

Ist es aber nicht. Oder besser gesagt: Es könnte ein sehr schönes und interessantes Thema sein, wenn Heino sich nicht für einen schnöden und ziemlich feigen Racheakt an seinen Hassern und Verächtern entschieden hätte, sondern auf seine musikalischen Nachfahren umarmend und versöhnlich zugegangen wäre. Und zwar im Stile des großen Johnny Cash, der sich einst, im hohen Alter und mit Hilfe des US-Produzenten Rick Rubin, noch einmal für das Werk jüngerer Künstler und anderer Genres öffnete. Aus Interesse. Nicht aus Trotz und Niedertracht. Denn so hässlich wirkt "Mit freundlichen Grüßen", so verbittert klingt Heino, wenn er über sein Album redet.

Er lasse sich das Singen nicht verbieten, lässt er verlauten. Und er sei schließlich "mit Mick Jagger gut befreundet, dem größten Rocker aller Zeiten. Was kümmert es mich, wenn sich hier ein paar kleine Lichter aufregen?", sagte er der "Bild". Tja, aber warum dann überhaupt deren Songs singen, könnte man zurückfragen?

Den von der "Bild" annoncierten Unmut der Gecoverten gab es ohnehin nicht, lediglich der Ärzte-Manager schrieb an Heinos Leute eine wohl wütende Mail, aber sonst regte sich eigentlich niemand auf. Warum auch? Denn vor dem wirksamen Zorn, dem der Anwälte nämlich, schützte sich Heino, indem er alle Lieder brav eins zu eins, Ton für Ton nachspielte- und sang. So vermied er, dass die von ihm Interpretierten Copyright-Rechte geltend machen konnten. Denn so lange Text und Arrangement nicht verändert werden, darf man in Deutschland nachspielen ohne zu fragen.

Hätte er aber gefragt, hätte er vermutlich keinen einzigen Titel bekommen, kein "Willenlos" von Westernhagen, kein "Leuchtturm" von Nena, kein "Sonne" von Rammstein und erst recht kein "Junge" von den Ärzten. Vermutlich. Oder aber es wäre über diese Anfragen ein Dialog zwischen Musikern aus verschiedenen Generationen entstanden. Vielleicht hätten die Popstars festgestellt, dass Heino gar nicht der schwarzbraune Teufel ist, für den sie ihn immer gehalten haben, dass er Humor hat, dass er vielleicht sogar schon früh, wie Alan Posener gewagt in der "Welt" schreibt, "das Arisch-Blonde mit der schwarzen Getto-Sonnenbrille geradezu andywarholesk konterkariert" hat.

Und Heino wiederum hätte vielleicht gelernt, dass Farin Urlaub, Till Lindemann, Peter Fox, Smudo oder Jan Delay nette Menschen sind, musikalisch hochbegabt, bereit, sich mit dem schweren Erbe der deutschen Schlager- und Volksmusik auseinanderzusetzen, so wie Cash damals für viele Alternative-Rocker die Kluft zwischen Rock'n'Roll und dem als reaktionär verhassten Country-Genre verkleinern konnte. Vielleicht wäre sogar ein Album mit interessanten, amüsanten Duetten und Kooperationen dabei herausgekommen.

Den Graben zwischen neuem und althergebrachtem deutschen Liedgut macht Heino jedoch mit seinem Album der verpassten Chancen nur noch tiefer. Denn mag er noch so oft betonen, dass ihm ja alles Ironische fremd sei, so trieft letztlich seine ganze Inszenierung vor Häme und Parodie. Das beginnt beim trotzig hingeworfenen Albumtitel "Mit freundlichen Grüßen" und endet mit der hochnotpeinlichen Staffage als Rocker mit Lederjacke und Totenkopfring, Accessoires, die ihm Ehefrau (und Ex-Managerin) Hannelore laut eigener Aussage gekauft hat. Selbige entblödet sich im Übrigen in der "Bild" auch nicht, mit dem vermeintlich neuen Image ihres Gatten zu kokettieren: "Ich muss aufpassen, dass mein Heino nicht noch von jungen Groupies vernascht wird", sagte sie der "Bild". Aber zum Glück sei er nicht so gierig wie manche Rockstars. Auch beim Sex, so die Siebzigjährige, sei Heino nicht wilder geworden.

Warum auch. Er selbst gab ja bereits zu, dass er gar nicht vor hat, sein Image oder auch nur seine Einstellung zu Popmusik zu ändern: "Ich werde das Feld der Volksmusik nicht verlassen", sagte er der Springer-Zeitung "Hamburger Abendblatt". Auf seiner anstehenden Tournee, so heißt es, werde er kaum etwas von dem Covermaterial spielen, am Ende könnte er ja noch sein Stammklientel vergraulen. Denn natürlich ist das alles ein großer Spaß, vor allem für Heino, ein bewusstes, ein kaltes und verbissenes Bloßstellen: Seht her, wie ich eure Lieder singe, im Grunde macht Ihr doch auch alle nur Schlager!

Das mag sein. Und auch Johnny Cash legte damals die schlagenden Herzen lauter und verzerrter Songs von Nine Inch Nails oder Soundgarden frei. Aber eben als Geste der Versöhnung. Heino, der sich und uns mit über 50 Millionen verkauften Platten nichts mehr beweisen muss, mag sich nun diebisch über seine Spitzenverkaufsränge und zu erwartenden Chartnotierungen freuen. Im Grunde aber hat sich einer der größten deutschen Sänger mit diesem billigen Coup nur sehr klein gemacht.

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insgesamt 210 Beiträge
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1.
Gegengleich 05.02.2013
Daß in der Bild nicht unbedingt immer die Wahrheit steht....nichts Neues. Daß Heino hier marketingmäßig einen Coup gelandet hat.. wird ihm auch dieser Artikel hier nicht nehmen. Größer hat es ihn vielleicht nicht gemacht...aber auch nicht kleiner. Denn wenn er von erbosten Reaktionen redet, denn von denen des Ärzte-Managers (jedenfalls in allen Interviews, die mir zu Ohren kamen.). Und zumindest dies scheint ja nicht gelogen.
2. Sie vergleichen tatsächlich Heino mit Johnny Cash?
politwirrkopf 05.02.2013
Das ist doch hoffentlich nicht Ihr Ernst, oder herrscht in der Spiegel Redaktion so wenig musikalischer Sachverstand?
3. Gute Songs
bommerlunder 05.02.2013
Das sind einfach bessere Songs und interessantere Melodien und Texte als das, was Heino sonst so abliefert. Deshalb gefällt das Album. Sein abfälliges Getue ist nur aufgesetzt. Mit Cover-Songs ehrt man die Urheber immer, sonst würde man es nicht nachsingen. Ich traue Heino da genug Ironie zu, die der Autor vielleicht nicht verstanden hat.
4. Ich mag weder die Musik von Heino
cs-rio 05.02.2013
Noch die von Rammstein und Co. Aber ich bewundere Heino fuer sein Rueckgrat, seine jahrzehntelange Karriere, waehrend der er sich nach jahrelangem Braun-Bashing selber so gnadenlos auf die Schippe genommen hat, dass er am Ende wieder Kult geworden ist. Wo bitte hat es so ein Standing schon mal gegeben. Den muss man nicht moegen, um ihn zu bewundern. Und nun kommt so ein Artikel daher, der unreflektiert in die alte Bashing-Kerbe haut, der Applaus ist ihm ja Sicher, wenn es gegen Heino geht. Schwach!!
5. Heino/Johnny
Peter-Lublewski 05.02.2013
Zitat von politwirrkopfSie vergleichen tatsächlich Heino mit Johnny Cash? Das ist doch hoffentlich nicht Ihr Ernst, oder herrscht in der Spiegel Redaktion so wenig musikalischer Sachverstand?
Ob Ernst oder nicht - ich habe angesichts des Vergleichs jedenfalls laut lachen müssen :-)
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