Zum Ende der gedruckten "Spex" Kein Mitleid mit der Mehrheit

Möge sie in Unfrieden ruhen: Ein Nachruf auf die Debatten prägende Popzeitschrift "Spex", deren letzte gedruckte Ausgabe jetzt erschienen ist. Sie wurde 38 Jahre alt.

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Weil in den letzten Wochen so viel von Selbstverständnis und Glaubwürdigkeit von Journalismus die Rede war: Soeben habe ich in der letzten gedruckten Ausgabe der Popzeitschrift "Spex" das Gespräch mit der Hamburger Band Die Goldenen Zitronen und dem Poptheoretiker Diedrich Diederichsen gelesen.

Einmal mehr fiel mir dabei auf: Das, was die "Spex" ausgemacht hat, hat mit Journalismus wenig zu tun. Jedenfalls, sofern man unter Journalismus eine vermittelnde Tätigkeit versteht. In dem Gespräch erklärt die "Spex" weder, dass Die Goldenen Zitronen eine Hamburger Band ist, noch, dass Diedrich Diederichsen ein Poptheoretiker und ehemaliger "Spex"-Herausgeber ist. Kein Infokasten, keine Bildunterschrift, kein Vorspann, der den Ahnungslosen Anhaltspunkte gibt.

Im Gespräch selbst tauschen sich der Theoretiker und die Band charmant-selbstreferenziell darüber aus, wie eine politische Band im vierten Jahrzehnt ihres Bestehens so klarkommt. "Eigentlich geht es konstant um Ideologeme, über die man sich schon vor 30 Jahren lustig gemacht hat oder von denen man angewidert war", so der Stoßseufzer von Diederichsen in der zweiten Textspalte. Wer nicht im linken deutschen Popdiskurs des späten 20. und frühen 21. Jahrhundert firm ist, hat die Lektüre da wahrscheinlich bereits abgebrochen.

Eingeweihte schreiben für ihresgleichen

Der Zeitschrift, von der die Rede ist, war das schon immer egal. Die Leserinnen und Leser mögen sie gekauft haben, weil sie sich für neue, aufregende Musik interessieren. Erklären und vermitteln wollte die "Spex" nie, und ihre Leserinnen und Leser wollten das auch nicht haben - und wenn, dann nur insgeheim. Der Mehrheit mag es so vorgekommen sein, als schrieben hier Eingeweihte bloß für ihresgleichen.

Treffender ist die Formulierung, die "Spex"-Mitgründerin Clara Drechsler in der jetzt erschienenen letzten gedruckten Ausgabe wählt. Man habe eben "nicht als Außenstehende" über Popkultur schreiben wollen. Das war in den Achtzigern in der Tat das, womit sich die "Spex"-Redaktion von dem traktathaften, belehrend-objektivierenden Stil des Siebzigerjahre-Rockjournalismus absetzte.

Wer für die "Spex" schrieb, war Teil des Popkosmos, Teil einer aufgeregten, detailreichen Auseinandersetzung, die neue Bands, neue Sounds, neue Beats, neue Styles umgab. Wer das Magazin las, saß mit an den Tresen, an denen mit Haircut 100, Red Crayola, Throbbing Gristle, Pet Shop Boys, Public Enemy oder Blumfeld die Welt erklärt wurde. Madonna, Kim Wilde und Sade schafften es auch auf das Cover. Die "Spex" war kein Punk-Fanzine, das alles ablehnte, was nach Mainstream klingt. Aber man musste die Zeitschrift schon studieren, um zu erfahren, warum "Purple Rain" von Prince narzisstischer Mist ist, "Raspberry Beret" aber irre gut. Solches Geheimwissen gab es nur in der "Spex".

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Kein Mitleid für die Mehrheit: Dieser Gestus hat die "Spex" geprägt. Und er hat die Zeitschrift bedeutender gemacht, als sie es laut Auflagenzahlen und Verbreitungsgrad je gewesen ist. Woran es gelegen hat, dass die "Spex" in den letzten 15 Jahren ihre Meinungsführerschaft eingebüßt hat? Ach, vielleicht hat sie das ja gar nicht. Vielleicht ist diese Meinungsführerschaft ökonomisch nur weniger überlebensfähig heute.

In den mittleren Neunzigern, als ich für das Magazin schrieb, flogen wir auf Kosten der Plattenfirmen zu Interviews nach London oder Seattle. Das Business lief noch und ein Artikel in der "Spex" hatte offensichtlich Relevanz bei der Tonträger-Kundschaft. Heute erreicht die schrumpfende Musikbranche, von deren Anzeigen die "Spex" aller Unbestechlichkeit zum Trotz auch lebt, ihre Zielgruppen passgenauer in den sozialen Netzwerken.

Glaubt man der letzten Printredaktion des eingestellten Magazins, ist das mit der Meinungsführerschaft ohnehin in Gänze passé. Die "sogenannte Gatekeeperfunktion von Pop-Journalist_innen" habe sich "weitgehend erledigt", schrieb Chefredakteur Daniel Gerhardt zum Ende der Zeitschrift. Soll heißen: Weil die Kids den Shit heute per Algorithmus und Spotify-Playlist auf ihre Endgeräte geliefert bekommen, braucht es das Vorsortieren, Auswählen, Vergleichen, Empfehlen nicht mehr? Ich glaube, das ist ein Missverständnis.

Pop als "intellektueller Selbstentwurf"

Kids waren nie die "Spex"-Stammleser, und letztere kannten sich im Popkosmos schon ziemlich gut aus. Wer "Spex" kaufte, wollte nicht Empfehlungen oder eine Auswahl, sondern Teilhabe an einem Popdiskurs, den es eben nur mit der "Spex" gab, die Kulturwissenschaftlerin Nadja Geer nennt es: Pop als "intellektuellen Selbstentwurf". Umgeben von den richtigen Platten und Büchern der unansehnlichen Gegenwart trotzen.

Das popkulturelle Nischendasein werde "nun von einer digitalen Architektur der Filterblasen organisiert", schreibt Tom Holert in der Abschiedsausgabe. "Dissens und Distinktion, einmal entscheidende Treibmittel pop- und jugendkultureller Wissensproduktion und Erfahrungsweisen" seien "weitgehend bedeutungslos geworden", so der frühere "Spex"-Redakteur. Was dann doch, für meinen Geschmack, ein wenig viel Kulturpessimismus ist.

Zum einen ist es eine schlechte Angewohnheit aller Generationen nach '68, der Jugend vorzuhalten, sie sei weniger dissident als man selbst. Zum anderen: Vielleicht ist die Dissidenz auch einfach schon vor Jahren weitergewandert. Weg von den (meist männlichen) Platten-Nerds hin zu Zeitschriften wie der "Missy", die 2018 ihr zehnjähriges Bestehen gefeiert hat. Nicht ohne Grund sind mehrere der Autorinnen der Spex-Abschiedsausgabe Teil des queerfeministischen Missy-Universums - eine Zeitschrift, die wesentlich davon lebt, dass sie von einer Community von Dissidentinnen gemacht und getragen wird. Wie einst die "Spex", sie ruhe in Unfrieden.

P.S. Im Internet soll es weitergehen mit der Spex, doch wie genau, das verrät die Redaktion unter Leitung von Dennis Pohl noch nicht. Ab dem 1. Februar wolle man unter www.spex.de weitermachen, weil, so Pohl, es "weiterhin eine Stimme braucht, die abseitigen, marginalisierten, diskriminierten und aufrührerischen Positionen in Pop und Gesellschaft zu Gehör verhilft". Da kann man nur alles Gute wünschen.

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insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
Papazaca 28.12.2018
1. Musik als intellektuelle Selbstgeiselung? Musik soll Spass machen!
Dazu sollte man idealerweise tanzen können. Traurig sein. Voller Lebensfreude sein. Alles mögliche! Klar gibt es auch Musik wie von John Cage, über 4 Minuten Stille, NIX. Musik kann also alles mögliche sein. Aber mir gefällt es nicht, wenn sie in ellenlangen Diskursen zerquatscht wird. Ein Forist hat das richtig ausgedrückt: SPEX war für ihn zu LANGWEILiG. Und das ist das ungefähr schlimmste, was man über jemanden sagen kann. Übrigens, bei allem, was man über unsere Helene sagen kann, langweilig ist sie nicht. In den Kommentaren hat sie einen regelrechten Kulturkrieg entfacht. Über SPEX haben nur relativ wenige Hardcore-Fans je nach Befindlichkeit hier im SPON Interesse, Mitleid und Allgemeines mitgeteilt. Auch der Abgang: Leider nur lauwarm.
Crash de Monaque 28.12.2018
2. Libera me
Immer sind es die Adepten, die sich ihre Meister kreieren. Wo es keine Adepten mehr gibt, gibt es auch keine Meister mehr. Das ist das eine. Das andere ist Online. Dort gibt es keine Priester, da die Eucharistie online nicht vollzogen werden kann. So sehr wir den Screen zu lecken auch gewillt sind. Nun sind wir endlich frei. Und du hast keinen Körper mehr.
blurps11 28.12.2018
3.
Wann genau soll die Spex denn angeblich irgendeine Meinungsführerschaft gehabt oder Debatten geprägt haben ? Im Artikel selbst wird doch treffend beschrieben, dass da ein kleiner Kreis eine Vereinspostille für sich selbst gemacht hat und vom Rest der Welt gar nicht verstanden werden wollte. Das hat logischerweise auch die Strahlkraft des Blattes in diesen Rest hinein sehr beschränkt.
Crash de Monaque 28.12.2018
4. Eleison
Zitat von blurps11Wann genau soll die Spex denn angeblich irgendeine Meinungsführerschaft gehabt oder Debatten geprägt haben ? Im Artikel selbst wird doch treffend beschrieben, dass da ein kleiner Kreis eine Vereinspostille für sich selbst gemacht hat und vom Rest der Welt gar nicht verstanden werden wollte. Das hat logischerweise auch die Strahlkraft des Blattes in diesen Rest hinein sehr beschränkt.
Die Spex hat vergessen, sich rechtzeitig mit der Vogue zu vermählen. Sie wollte so sehr den Glamour, aber sie war nicht bereit, sich ihm zu opfern. Letztlich war sie zu pietistisch. Barock hätte sie sein müssen. Aus- und abschweifend. Hemmunglos hedonistisch und kostbar. So war sie lediglich randvoll mit unterdrückter Vanitas. Sie war geizig. Kyrie eleison.
kraut&ruebe 28.12.2018
5. Selbstgefälligkeit
"...warum "Purple Rain" von Prince narzisstischer Mist ist, "Raspberry Beret" aber irre gut. Solches Geheimwissen gab es nur in der "Spex"." Beide Stücke sind gut, das sog. Geheimwissen war nur der Narzissmus der Spex und ihrer Leser. Ich kenne ein paar Leute aus der Musikbranche, Spex haben nur die Erfolglosen gelesen, die anderen den Rolling Stone.
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