"Spider-Man" als Musical Die größte Pannenshow des Broadway

Das Mega-Musical "Spider-Man" macht schon jetzt Furore - dabei hat es erst  im März Premiere. Bei den Proben für die Stunts wurden bisher vier Darsteller verletzt, einer überlebte nur mit Glück. Doch die Schöpfer, darunter U2-Sänger Bono, geben nicht auf. Bericht von einer Preview.

Von , New York


Dass dies keine gewöhnliche Show sein wird, zeigt sich schon, bevor sie beginnt. Da tritt Glenn Orsher auf die Bühne, einer der Produzenten, in Jeans und Sweatshirt.

"Vielen Dank fürs Kommen", sagt er. "Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass die Sicherheitsbehörde alle unsere Flugszenen genehmigt hat." Verhaltener Beifall. Trotzdem, warnt Orsher, könnte es noch zu "Zwischenfällen" kommen.

Tosender Applaus.

Es ist eine Mischung aus Nervenkitzel und morbider Neugier, die die Zuschauer ins Foxwoods Theatre am Times Square getrieben hat. Denn "Spider-Man: Turn Off the Dark" macht schon während seiner Probenphase Furore, lange vor der oft vertagten Premiere, die nun Mitte März stattfinden soll.

Nicht nur, weil es mit fast 70 Millionen Dollar Produktionskosten das teuerste Musical aller Zeiten ist. Oder weil es die spektakulärsten Special Effects hat, die es jemals am Broadway gegeben hat. Oder weil Julie Taymor, die Schöpferin des Musical-Welthits "Der König der Löwen", Regie führt und die Songs von den U2-Stars Bono und The Edge stammen.

Sondern vor allem, weil es längst den Ruf der größten Pannenshow in der Geschichte des Broadways hat - eine Pannenshow, die fast zur Pleiteshow geworden wäre.

Die Zuschauer dieser Preview - einer Art Generalprobe mit zahlendem Publikum - wissen, dass ein Spider-Man-Double schwer verletzt wurde, als er von einer zehn Meter hohen Plattform in ein Bühnenloch stürzte. Dass sich zwei Stuntmen Handgelenk und Fuß brachen. Dass eine Hauptdarstellerin ausschied, nachdem sie von einem Kulissenteil am Kopf getroffen worden war. Und dass die Schauspielergewerkschaft im Dezember eine vorübergehende Aussetzung der Previews erzwang, aus Sicherheitsgründen.

Der Applaus klingt erleichtert - oder enttäuscht?

Seit Monaten bieten die Backstage-Dramen bei "Spider-Man" Futter für die Lokalpresse - und sind inzwischen der Hauptanziehungspunkt des Mega-Musicals. Die Previews sind ausverkauft, 1930 Sitzplätze pro Show. Mitte Januar stieß "Spider-Man" sogar den langjährigen Broadway-Spitzenreiter "Wicked" vom Thron, mit 1,6 Millionen Dollar Umsatz in einer Woche - bevor es überhaupt eröffnet hat.

Seit November können die New Yorker an dieser schweren Geburt live teilnehmen. Bei der Preview-Aufführung am Wochenende, die SPIEGEL ONLINE besuchte, drängten sich auch viele Pauschaltouristen in der Theater-Rotunde, um zu sehen, was denn diesmal schief läuft.

Etwa beim Auftaktmoment, als Spider-Man eine enorme Plattform erklimmt, die die Brooklyn Bridge darstellt. Bei der Zugabe-Wiederholung dieser Szene am Ende der Show war Stunt-Double Chris Tierney im Dezember abgestürzt. Er brach sich die Schädeldecke, vier Rippen, das Schulterblatt, den Arm und drei Rückenwirbel und überlebte nur durch Glück.

Dem Preview-Publikum am Wochenende stockt bei der Szene also artig der Atem. Doch diesmal geht alles gut. Der Applaus klingt erleichtert - oder enttäuscht?

Schon vor all den Blessuren hatte "Spider-Man" eine quälende Entstehungsgeschichte - analog zur mythischen Saga des Superhelden. Alles begann mit einer fixen Idee. Produzent Tony Adams, der die Bühnenrechte an "Spider-Man" vom US-Comicverlag Marvel erworben hatte, begeisterte Bono und The Edge für das Projekt. Die heuerten 2002 die Star-Regisseurin Julie Taymor an. Deren kreative Originalität schien das perfekte Rezept für den Superhelden im Spinnenkostüm, der seit jenem Jahr die Kinos erobert.

Zwei Dutzend computergesteuerte Flugszenen

Adams starb 2005 an einem Schlaganfall. Führungslos rackerte das Team weiter, schrieb Musik, baute Sets, hielt Auditions und "Flug-Workshops" ab. Das Budget wuchs, das Konto leerte sich. Bereits gecastete Schauspieler wie Alan Cumming ("X-Men 2") und Evan Rachel Wood ("True Blood") sprangen wieder ab.

Voriges Jahr war "Spider-Man" pleite. Bono bat Michael Cohl um Hilfe, damals Chef des Event- und Konzertkonzerns Live Nation, der alle U2-Tourneen produziert.

Cohns Connections retteten "Spider-Man" vor dem Heldentod, doch die Mühsal ging weiter. Die technischen Probleme waren so überwältigend, die Flugszenen so kompliziert, dass die öffentlichen Previews mehrfach verschoben werden mussten.

Taymor, die Co-Autorin des Librettos, ist als Perfektionistin und Kontroll-Freak berüchtigt. Sie bestand darauf, dass Spider-Man und seine Widersacher über den Köpfen der Zuschauer durch den rund 30 Meter hohen Saal jagen. Dazu ließ sie Drahtseile spannen und die Darsteller mit Geschirren daran befestigen. 30 Motoren treiben die rund zwei Dutzend computergesteuerten "Flüge" an.

Hinzu kommt die aufwendigste - sprich: teuerste - Bühnenmechanik der Broadway-Geschichte. Da entfalten sich New Yorks Skyscraper als überdimensionale Origami-Kulissen, flankiert von Riesen-Comics, digitalen LED-Projektionen und Hebe- und Senkplattformen, die ganze Häuser bewegen können.

Taymor machte Unmögliches möglich - koste es, was es wolle. "Ich liebe es, wenn die Leute sagen: Was für eine schreckliche Idee", sagte sie dem TV-Sender CBS. "Nichts Kreatives lässt sich ohne Gefahr und Risiko erreichen."

"Ein dampfender Haufen Mist"

Doch manchen waren die Gefahren zu viel. Außer Tierney und zwei weiteren Stuntmen wurde auch Natalie Mendoza verletzt, die als Spider-Man-Rivalin Arachne den Großteil ihrer Szenen in der Luft verbringt. Nach einer Gehirnerschütterung, die sie hinter der Bühne erlitten hatte, gab sie Ende Dezember auf.

"Völlig unzumutbar", schimpfte Broadway-Veteranin Alice Ripley ("Les Misérables"): "Muss erst jemand sterben?" Adam Pascal ("Rent") forderte, Taymor "wegen Körperverletzung" anzuklagen: "Spider-Man" sei "ein dampfender Haufen Mist".

Das für Sicherheit am Arbeitsplatz zuständige Amt gab "Spider-Man" erst frei, als einige Stunts entschärft und die Sicherheitsmaßnahmen verschärft wurden.

Das Drama ist längst Tagesgespräch. TV-Komödianten machen sich ihren Jux. Selbst die "New York Times" verfolgt das Schicksal von "Spider-Man" mittlerweile atemlos und hat ihm bereits einen Kommentar gewidmet ("Oh, Spider-Man!"): Dies sei kein Theater mehr, sondern "Zirkus".

"Ich weiß nicht, wie es euch geht", brüllte eine erboste Zuschauerin, als kürzlich eine Vorstellung wegen technischer Pannen mehrfach unterbrochen werden musste, "aber ich fühle mich wie ein Versuchskaninchen!"

Schon haben die ersten Theaterkritiker mit der Gepflogenheit gebrochen, Shows in der Preview-Phase noch nicht zu rezensieren. Schließlich werde "Spider-Man" bis zur Premiere "von potentiell mehr als 200.000 Zuschauern gesehen" werden, schrieb der Theaterblog "Broadway World". Warum also länger warten?

Die Kritiken sind durchwachsen. "Pläsierlich", urteilte Jesse Oxford ("New York Observer") spitz - die Musik sei "überraschend fade", die Handlung "überdreht, konfus und oft unverständlich". MTV liebte die Bühnenbilder, die Kostüme und die Flugszenen, hasste aber "die Story, die Schauspieler und die Musik".

Das Publikum der Preview am Wochenende lässt sich davon nicht irritieren - selbst wenn der längliche zweite Akt verwirrt und Spider-Man-Darsteller Reeve Carney an den U2-Rockarien gelegentlich scheitert. Vielleicht auch, weil Bono angeblich persönlich mit im Saal sitzt.

Die Leute bejubeln die Flugakrobatik, die Kulissenwechsel, den furiosen Zweikampf zwischen Spider-Man und dem Green Goblin hoch oben im Auditorium, die Schlussszene, der dramatische Höhepunkt, der erst vorige Woche eingefügt wurde.

Zum Schluss gibt es stehende Ovationen - und Erleichterung. Keine Panne, kein Zwischenfall, keiner verletzt. Die Seele jedoch bleibt kalt, wie bei einem überlauten Blockbuster-Film - die Special Effects überwältigen alle Gefühle.

Dieser Gefahr ist sich auch Bono bewusst. Wenn die Begeisterung nur visuell sei, allein von den Stunts herrühre und "nicht vom Herzen" komme, orakelte er kürzlich im "New York Magazine", "dann sind wir alle gescheitert".



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
alyeska 01.02.2011
1. Größer, teurer, spektakulärer, gefährlicher ...
Zitat von sysopDas Mega-Musical "Spider-Man" macht schon jetzt Furore - dabei hat es erst* im März Premiere. Bei den Proben für die Stunts wurden bisher vier Darsteller verletzt, einer überlebte nur mit Glück. Doch die Schöpfer, darunter U2-Sänger Bono, geben nicht auf. Bericht von einer Preview. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,740703,00.html
Muss das wirklich sein? Kann man stattdessen nicht in die Tiefe gehen und versuchen die Seele der Menschen zu berühren? Zugegeben, dass ist bei weitem schwieriger als nur das Auge zu penetrieren, aber langfristig gesehen ein sehr viel größerer Erfolg.
frank_lloyd_right 01.02.2011
2. ich bin sehr dankbar, dass die nicht aufgeben -
das "spider man" musical als abgesang auf die amerikanische variante unserer kultur brauchen wir unbedingt ! ich fand auch, dass "planet of the apes II" erst als musical die psychologische komponente des plots so recht zur geltung bringen konnte. "godzilla vs. king kong" hingegen kam auf der buehne eher flach daher.
MashMashMusic 01.02.2011
3. Hm ...
Zitat von alyeskaMuss das wirklich sein? Kann man stattdessen nicht in die Tiefe gehen und versuchen die Seele der Menschen zu berühren? Zugegeben, dass ist bei weitem schwieriger als nur das Auge zu penetrieren, aber langfristig gesehen ein sehr viel größerer Erfolg.
... es handelt sich um einer "Spider-Man"-Musical. Was genau erwarten Sie da? Ich wäre bei den Kinofilmen deutlich überrascht gewesen, würde es sich da nicht - auch - um ein Mordsspektakel handeln. Man kann natürlich aus "Titanic" auch ein stilles Kammerspiel machen, mit Tänzern, die das Wasser symbolisieren. Ich bezweifele allerdings, dass das jemand sehen will.
loncaros 01.02.2011
4.
Was passiert eigentlich mit denen, die sich verletzten? Hire and fire? =)
Roana, 02.02.2011
5. Nur die Besten
Zitat von loncarosWas passiert eigentlich mit denen, die sich verletzten? Hire and fire? =)
Klar - die sind halt einfach nicht gut genug... Das ist eben der American Way of Life: Nur die Besten kommen nach vorne...
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