Exklusives Konzert-Video: Michael Kiwanuka betört Berlin

Von Jürgen Ziemer

Er klingt alt, und zwar im besten Sinne. Michael Kiwanuka huldigt dem Soul der frühen Siebziger: spirituell, warm und tröstlich. Am Montagabend lief hier ein Livestream seines Konzerts im Berliner Postbahnhof. Wer das verpasst hat - SPIEGEL ONLINE und tape.tv präsentieren nun einen Mitschnitt.

Soul-Newcomer Kiwanuka: Wertkonservativ im besten Sinne Fotos
AP

Michael Kiwanuka - "Tape live"

Mehr Videos von Michael Kiwanuka gibt es hier auf tape.tv!

Der Mann wirkt beneidenswert entspannt und dabei gleichzeitig hellwach. "I just don't know", bekennt Michael Kiwanuka im Roten Salon der Berliner Volksbühne, und nur seine akustische Gitarre und ein einsamer Bassist begleiten ihn dabei. Wieder und wieder, wie die Wellen eines müden Ozeans, rollt das sanft, aber nachdrücklich gesungene Mantra durch den Raum: "I just don't know, ho, ho; I just don't know, ho, ho, ho". So lange, bis das Publikum mit einstimmt und der Saal vor sich hin brummt: "Ich hab' keine Ahnung, ich hab' einfach keine Ahnung".

Das Stück stammt von dem Soulsänger Bill Withers, aber Michael Kiwanuka hat es zu seinem eigenen gemacht: "Bill Withers mag ich sehr, und ich habe eine Menge von ihm gelernt", erklärt der 25-jährige Londoner am nächsten Morgen. "Er ist ein Soulsänger, aber mehr noch ein Singer/Songwriter, der viel Empathie besitzt und eine gute Selbstwahrnehmung."

So sieht sich auch Michael Kiwanuka: "Ich bin einfach einer von diesen Typen, die mit der akustischen Gitarre in der Hand herumhängen und Songs schreiben." Die Bescheidenheit passt gut zu den freundlichen schläfrigen Augen. Doch wir haben es hier mit einer echten Entdeckung zu tun. Überzeugen können Sie sich selbst davon: SPIEGEL ONLINE zeigt eine Aufzeichnung des Konzerts von Michael Kiwanuka im ausverkauften Berliner Postbahnhof.

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Soul-Newcomer Kiwanuka: Wertkonservativ im besten Sinne
Zwei EPs mit hinreißender Musik zwischen Soul, Jazz und Folk hat der Sohn ugandischer Einwanderer im vergangenen Jahr veröffentlicht - "Tell Me A Tale" und "I'm Getting Ready". Die britischen Kritiker waren begeistert, der Sender BBC kürte Michael Kiwanuka sogar zum wichtigsten Newcomer für 2012. Das Debütalbum "Home Again" erobert nun auch in Deutschland mit Leichtigkeit die Herzen der Kritiker und vor allem des Publikums. Weil die warme Stimme dieses Mannes etwas Besonderes ist. Hier gibt es nicht die bisweilen bizarre Gesangsakrobatik des modernen R&B. "Home Again" bietet stattdessen "Soul" im ursprünglichsten Sinn - tief empfunden, sehr spirituell und so warm und tröstlich wie ein Abendessen mit den allerbesten Freunden.

Als sei es 1972

Aufgewachsen ist Kiwanuka in Muswell Hill, einem Londoner Stadtteil, dem die Band The Kinks bereits 1971 das Album "Muswell Hillbillies" widmete: "Ray Davies und sein Bruder waren auf der gleichen Schule wie ich - natürlich viele Jahre früher. Ich mag die Kinks, sie haben tolle Songs geschrieben. Muswell Hill hat tatsächlich etwas von einem Dorf, es ist ein bisschen verschlafen, aber mir hat es eine angenehme Jugend beschert."

Michael Kiwanuka - "Auf den Dächern" bei tape.tv

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HipHop, Reggae, Punk oder gar Dubstep - all die rebellischen Stile, die man gerne mit London assoziiert - ließen den jungen Kiwanuka eher kalt: "Ich habe überwiegend Radio gehört - The Strokes, Kings of Leon, das ganz normale Zeug. Durch die Eltern meiner Freunde entdeckte ich schließlich Künstler wie Jimi Hendrix, die Beatles, Terry Callier und Marvin Gaye. Für mich war das aufregende neue Musik."

Das komplette Album "Home Again" klingt, als hätte es seit 1972 keinerlei musikalische Erneuerung oder Veränderung gegeben. Man hört auch, dass Kiwanuka an der Royal Academy of Music Jazzgitarre studiert hat, obwohl er bereits nach zwei Jahren abbrach: "Ich mag den Klang von Jazzakkorden, das Gefühl und die Freiheit dieser Musik, trotzdem wollte ich kein Jazzmusiker werden. Ich möchte populäre Musik machen, mit der die Menschen etwas anfangen können. Jazz ist mir allerdings sehr wichtig und hat einen großen Einfluss auf meine Musik."

"Alle meine Songs sind spirituell"

Das hört man besonders schön bei Kiwanukas bekanntestem Song "Tell Me A Tale", dessen Video im Berliner Mauerpark gedreht wurde: Eine Querflöte umspielt den dezenten Groove der Akustikgitarre, ein Satz Bläser setzt raffinierte Akzente, die das Schlagzeug mit eleganten Synkopen umspielt. Doch es ist der beseelte Gesang, der diesen Retro-Sound zum Erlebnis macht. Kaum zu glauben, dass Michael Kiwanuka bis vor kurzem als Studiomusiker den Rapper Chipmunk an der Gitarre begleitet hat, oder den R&B-Sänger Daniel Merriweather. Dass er in Deutschland bei einigen Konzerten von Adele im Vorprogramm gespielt hat, passt da deutlich besser.

Paul Butler, der Kopf der bei Musik-Connaisseuren beliebten Band The Bees, hat nun nach den beiden EPs auch das Debütalbum von Michael Kiwanuka produziert. "Viele meiner Songs skizziere ich zu Hause in meinem Wohnzimmer auf der akustischen Gitarre. Danach gehe ich zu Paul Butler und wir bauen gemeinsam die Arrangements", sagt Kiwanuka.

Mit dem an Roberta Flack erinnernden Song "Always Waiting" ist den beiden ein Meisterwerk gelungen. Eine von Gospel durchdrungene Meditation über die Liebe, das Leben und den Tod. "Alle meine Songs sind spirituell - wie jeder Song über die Liebe, denn es ist nicht der Körper, der liebt. Meine Songs handeln aber auch von Frieden und der Zufriedenheit in einem selbst. Wenn du von irgendwo nach Hause kommst, dich entspannst und ganz bei dir bist: Dieses Gefühl würde ich in einem spirituellen Sinn gerne erreichen", erklärt Kiwanuka.

Michael Kiwanuka steht mit diesem Wunsch sicher nicht alleine. Seine Musik ist das, was man wertkonservativ nennt, er erfindet mit ihr kein Genre neu, das kann man langweilig finden. Oder sie als Erinnerung an eine Zeit nehmen, in der Experiment und Songwriting nah beieinander waren. Als Jazz keine formatierte Hintergrundmusik war, sondern Weltbilder transportierte und wo sich im Soul Black Power und die Liebe zu Gott problemlos ergänzten. Es gibt diese Welt der frühen Siebziger schon lange nicht mehr. Doch es ist schön, sich ab und zu daran zu erinnern. Ein Album wie "Home Again" ist dafür der perfekte Soundtrack.

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1. Mann! Ihr SPON-Vöjel!
MaxGrabowski 23.04.2012
Könntet Ihr dit nich ma 48 Stunden früher posten? Nu hab ick den veritas vino intus und schwing mir nich mehr in die Karre! S-Bahn stinkt! Und die Pappe is doch wichtiger! War der nich och bei den Schlaghosen-60ies-Soul in dem Artikel vor zwee Jahren mit vonne Partie? Seltene Grooves aus Afrika: Auf der Suche nach dem Schlaghosen-Sound - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,710479,00.html) Kenne auf jeden Fall aus der Zeit "Tell me a Tale" Na kann och ne andere Quelle von damals sein. Pirate-Style! Logo! So hätte ick mir heute für jute Mucke persönlich monetär bedanken können. Lecko mio! Wenn man sowat mal früher wüsste....!
2.
uschikoslowsky 24.04.2012
"Michael Kiwanuka betört Berlin" - ja natürlich betört er Berlin. Was sonst sollte er machen, wenn SPIEGEL ONLINE das Konzert streamt... Auf ganzer Linie versagen? Dann wäre doch das ganze hochgejazze drumherum fürn A*sch gewesen, lieber SPON, gelle?!
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