"Spiel nicht mit den Schmuddelkindern" Liedermacher Franz Josef Degenhardt ist tot

Poesie und Politik gingen bei ihm Hand in Hand: In seinen Liedern sezierte Franz Josef Degenhardt spitzzüngig die Bundesrepublik, als Polit-Aktivist verschrieb er sich der Arbeiterklasse. Jetzt ist "der singende Anwalt" im Alter von 79 Jahren in der Nähe von Hamburg verstorben.

Degenhardt 1986 in Ost-Berlin: Radikale Stimme der westdeutschen Liedermacherszene
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Degenhardt 1986 in Ost-Berlin: Radikale Stimme der westdeutschen Liedermacherszene


Hamburg/Quickborn - Er war die wohl radikalste Stimme, die die westdeutsche Liedermacherszene hervorgebracht hat: Bis in die letzten Jahre seines Schaffens genoss Franz Josef Degenhardt Kultstatus. Sein Lied "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern", das er 1965 aufgenommen hatte, ist bis heute ein oft zitiertes Werk unter jungen, politisch ausgerichteten Musikern.

Aufgewachsen in einer erzkatholischen Familie, begann er mit Bänkelsongs, die sich am französischen Chanson orientierten, verfasste später sozialkritische Lieder in der Tradition Brechts, Wedekinds und Tucholskys. 1963 erschien die erste Platte von Degenhardt, danach folgte eine Reihe von Alben, auf denen er sich so spitzzüngig wie poetisch mit der Wirklichkeit der Bundesrepublik Deutschland auseinandersetzte.

Doch der gelernte Rechtsanwalt mischte sich auch immer wieder konkret mit Aufrufen und Aktionen in das politische Geschehen ein. So übernahm er ab 1968 die Verteidigung von verschiedenen Protagonisten der Außerparlamentarischen Opposition. Bald wurde er - halb despektierlich, halb bewundernd - "der singende Anwalt" genannt.

Nachdem er aus der SPD ausgeschlossen worden war, trat Degenhardt 1978 der Deutschen Kommunistischen Partei bei. Immer wieder schrieb er über die Arbeiterklasse - nicht nur in seinen kämpferischen Balladen, sondern auch in Romanen. Am eindrücklichsten gelang ihm das sicher 1973 mit seinem Werk "Zündschnüre", das im Jahr darauf erfolgreich vom WDR verfilmt wurde.

Überzeugter Kommunist war Degenhardt bis zum Schluss, dem Zusammenbruch des Sozialismus zum Trotz. "Ich bleibe meinen Grundsätzen treu", sagte er einmal in einem Interview. Sein Lebensmotto war es, Grundsätze, die sich für ihn als richtig erwiesen hatten, nicht aufzugeben. "In dieser Epoche haben wir die Schlacht verloren. Aber es geht weiter. Ich hoffe da ganz auf unsere Enkel und Urenkel."

Wie die Familie des Liedermachers und Schriftstellers bekanntgab, ist Franz Josef Degenhardt am Montag in Quickborn nahe Hamburg gestorben. Er wurde 79 Jahre alt.

cbu/can/dpa/dapd

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 58 Beiträge
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Mannskerl 14.11.2011
1. Gute Reise dir!
Zitat von sysopPoesie und Politik gingen bei ihm Hand in Hand: In seinen Liedern*sezierte Franz Josef Degenhardt*spitzzüngig*die Bundesrepublik, als Politaktivist verschrieb er sich der Arbeiterklasse. Jetzt ist "der singende Anwalt" im Alter von 79 Jahren in der Nähe von Hamburg verstorben. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,797768,00.html
Man muss seine politische Haltung nicht teilen, um ihm Achtung zu zollen. Gute Reise!
unente, 14.11.2011
2. "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern"
Der Dichter ist tot aber sein Lied ist so aktuell wie nie, wenn man sich die Diskussion um die "Nicht-in-den-Kindergarten-schick-Belohnung" betrachtet.
Fritz Motzki 14.11.2011
3. Ein Idol von mir ist tot :(
Aber eines bleibt: Der alte Sozialdemokrat schwingt weiter große Reden und ändert immer noch nichts!
rocknruelps 14.11.2011
4. Wäre er ein Rechter gewesen...
...hätten die Medien ihn einen Unbelehrbaren und ewig Gestrigen genannt.
jan.dark 14.11.2011
5. Danke, Franz-Josef
Halt für uns Schmuddelkinder im Himmel einen Platz frei.
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