Abgehört - neue Musik Wenn Pennywise zum Popstar wird

Im Spiegelkabinett der Aufmerksamkeits-Industrie - das neue, ungenießbare Album von St. Vincent. Außerdem: Becks Comeback, King Krules Ausfluss-Poesie - und ein deutsches Problem-Panorama von Zugezogen Maskulin.

Von und


St. Vincent - "Masseduction"
(Caroline/Universal, seit 13. Oktober)

Achtung, ausgeleierte Pop-Phrase: It's better to burn out than to fade away, das mag sich in den vergangenen drei Jahren vielleicht auch Annie Clark gedacht haben, als sie für ihr letztes Album einen Grammy gewann, plötzlich als New Yorker Intelligenzija-It-Girl gefeiert wurde, als Erbin von David Byrne und David Bowie galt - und dann auch noch ständig von Paparazzi belagert wurde, weil sie erst mit Kristen Stewart, dann mit Cara Delevingne Affären hatte. Uff, ja. Luft holen. Was für ein Kick - und was für eine Zumutung zugleich. Und deshalb versteht man, wenn Clark jetzt, ganz am Ende ihres fünften Albums erschöpft singt: "Sometimes I sit in the smoking section/ Hopin' one rogue spark will land in my direction/ And when you stomp me out, I scream and I'll shout/ 'Let it happen, let it happen, let it happen'", lasst mich einfach verbrennen.

"Masseduction" ist ein widerspenstiges, ein doppelköpfiges Album. Es ist eine dieser Platten, die gefeiert werden und in jeder Jahresbestenliste Platz beanspruchen - aber wahrscheinlich kaum gehört werden. Denn Annie Clark, die ihr Künstlerpseudonym St. Vincent aus einem Song von Nick Cave entnahm, hat die inneren wie äußeren Ambivalenzen ihres neuen Star-Status auf kongeniale Weise vertont. Zusammen mit dem New Yorker Hip-Produzenten Jack Antonoff, dem Boyfriend von Lena Dunham, der auch schon Lorde und Taylor Swift zu Charts-Monstern machte, schuf sie Songs, die mit süßlichen Refrains ("Slow Disco", "Savior") locken und bombastisch-bunte Soundkulissen aufbauen ("Sugarboy", "Young Lover", "Pills").

Doch wenn man diesen Vergnügungspark voll unschuldiger Lust auf Fun und Entertainment betritt, springt Clark als Horrorclown Pennywise verkleidet auf die Bühne und rammt dir eine Zuckerstange in den gierigen Schlund, bis du würgen musst. Das cotton candy, mit dem sie kokett nach dir wirft, ätzt sich bei Berührung in die Haut. Aber weglaufen? Dafür ist die Sucht zu groß: Wir wollen ja die geheimsten Nöte und Qualen der Künstlerin ergründen, wir wollen ihren Schmerz, ihre Emotionen - und unsere eigenen darin baden, wir wollen etwas von ihrer Kinkyness, ihren kruden Kostümen und ihrer kaltschnäuzigen Coolness abhaben. Und eine Ahnung von der Verletzlichkeit dahinter erschnüffeln.

Andreas Borcholtes Playlist KW 42
SPIEGEL ONLINE

01 Beck: Colors

02 The Re-Flex: The Politics Of Dancing

03 The Fixx: One Thing Leads To Another

04 Scritti Politti: Boom! There She Was

05 Prefab Sprout: The King Of Rock'n'Roll

06 Morrissey: Spent The Day In Bed

07 King Krule: Dum Surfer

08 The Style Council: The Whole Point Of No Return

09 St. Vincent: New York

10 Julien Baker: Turn Out The Lights

Kriegen wir auch, dürfen wir auch. Aber allein in den ersten fünf Songs so überdreht und over the top, dass die aus dem Startsong "Hang on Me" erinnerte Zeile eine sadistische Ironie entfaltet: "I know you hate my hysterics/ I promise this time it's different." Pah! oder, wie es einer Kritik hieß: Es ist, als hätte Clark das Autorenfilmdrama ihres "Apocalypse Song" vom "Marry Me"-Album in den Actionalbtraum "Armageddon" verwandelt.

"Happy Birthday Johnny", das eine bekannte Figur aus früheren Songs wieder einführt, lenkt dann auch dieses disparate, unbequeme Album in ruhigere Bahnen. "New York", eine Piano-Ballade über den Verlust einer Liebe im Ryan-Adams-Modus, ist das Herzstück und der vielleicht wahrhaftigste Song, der sich hier findet. Das "China Girl" auf St- Vincents "Let's Dance"-Album, wenn man bei den Bowie-Parallelen bleibt.

"I can't turn off what turns me on": Ich kann die Finger nicht davon lassen, was mich anmacht, ist ein Schlüsselsatz aus dem mit komprimierten Gitarren pulsierenden Titelsong, der vor 20 Jahren auch gut zu Garbage gepasst hätte (oder auch Roxette). Annie Clark dreht all das, alle Referenzen und Spiegelungen, Elend und Euphorie der Pop-und Aufmerksamkeitsindustrie in einen postmodernen Zeichen- und Klangstrudel, der Lady Gaga alle Ehre macht, aber viel klüger ist. Und genau deshalb auch kühler.

Indem sie das kalte, industrielle Kalkül der medialen Pop-Massenverführung als klirrendes und sinister schillerndes Album-Spiegelkabinett gestaltet, opfert sie ihre Zugänglichkeit. Man starrt fasziniert auf diese Gestik und Ästhetik wie auf die (zum Streicheln oder Misshandeln?) dargebotenen Pobacken der sich verbeugenden Künstlerin auf dem Cover (sie gehören dem Model Carlotta Kohl, nicht Clark). Es geht um Übergriffigkeiten auf "Masseduction", aber zum Berühren ist die Distanz zu groß. (7.5) Andreas Borcholte

Zugezogen Maskulin - "Alle gegen alle"
(Four Music/Sony, ab 20. Oktober)

Man würde Zugezogen Maskulin ja gerne den Gefallen tun und einfach mal über ihre Musik reden. Die wird nämlich mit jedem Album besser und vor allem mutiger. Aber sorry, das muss leider schon wieder mal warten. Denn auch auf ihrem dritten Album "Alle gegen Alle", dem ersten beim Majorlabel Four Music, ist die textliche Ebene dafür zu überwältigend. Und lässt sich im Grunde leicht zusammenfassen: Dem Duo geht ziemlich viel ziemlich heftig auf den Zeiger.

Craft-Beer-Trinker, die Burgerladen-Flut, Clickbait-Journalismus, der Rapper Kollegah, ironische Mode, Typen mit Mönchsfrisuren. Sie alle bekommen allein in der Single "Was für eine Zeit" auf die Mütze. Als Hörer lacht man da gerne mit. Ja ja, diese Hipster mit ihrem Quatsch, witzig! Bis man die Schablone über das eigene Leben legt - und einem das saturierte Kichern im Hals stecken bleibt. Denn die dahinterliegende Kritik geht in der Tat uns alle an. Sie zielt auf diese geschichtsvergessene Hedonismusparty, mit der wir uns in den vergangenen Jahren - ohne Krieg und wirkliche Not - die Zeit vertrieben haben. Die Berliner Rapper inszenieren sich auf "Alle gegen Alle" als das schlechte Gewissen eines ganzen Landes.

Etwa im Titeltrack, der die gegenwärtige Radikalisierungsspirale samt ihrem unvermeidlichen Lagerkampf in einen Partysong verpackt, der auch auf heimattrunkenen Fanmeilen laufen könnte - wenn man beim Text nicht hinhört. Ein Kunstgriff, der die richtigen Fragen aufwirft: Hat Deutschland immer noch nicht kapiert, dass diese Zeiten vorbei sind? Dass die Zutaten von damals längst toxisch geworden sind?

Zugezogen Maskulin beantworten diese Fragen mit einem kategorischen Nein. Und greifen schonungslos jedes noch so kleine Symptom an, das sie für den seltsamen Zustand dieses Landes zwischen Rechtsruck und Exportweltmeister verantwortlich machen von Dagi Bee und Micky Beisenherz bis NSU ("Uwe & Heiko"). Denkfaulheit, der Wunsch nach einfachen Lösungen in einer komplizierten Welt, falsche Prioritäten, unreflektierter Individualismus, der verbreitete Reflex, Fremde für die eigene Misere verantwortlich zu machen: "Dafür ging'n meine Großeltern 89 auf die Straße/ Promenade, weißer Truck, drück aufs Gas/ Flüchtlingsheim, Molly rein - just a prank! War nur Spaß!", heißt es in "Was für eine Zeit" als wortgewandt-ätzende Replik an alle, die "Ein Hoch auf uns" grölen.

Ob das gut durchdacht, ausgewogen und fair ist? Alle Eventualitäten abdeckt und niemandem Unrecht tut? Absolut nicht. Und muss es auch nicht. Denn Testo und Grim104 zeigen auf "Alle gegen Alle" etwas, das deutschsprachigem Pop in den letzten Jahren oft fehlte: Mut zur Kontroverse. Dass die Musik dazu auch noch stimmt? Ein Bonus. Aber darüber reden wir beim nächsten Album. (8.5) Dennis Pohl

King Krule - "The Ooz"
(XL Recordings/Beggars, seit 13. Oktober)

Wie man sich die Musik von King Krule vorstellen muss? Als invertiertes Style Council, aus dem jede Paul-Weller-Sehnigkeit, jede Dringlichkeit und jeder Soul, ob Northern oder Südlondoner, ausgeflossen ist, nachzuhören am traurig beschwingten Ende von "Dum Surfer", zum Beispiel. Ausfluss, gutes Stichwort, denn darum geht es auf "The Ooz", dem zweiten Album des beliebten britischen Pop-Misanthropen Archy Marshall, der vor vier Jahren mit seinem Debüt Furore machte.

Abgehört im Radio

Abgehört gibt es auch im Radio! Jeden Mittwoch um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Ein Star will Marshall aber partout nicht sein, daher ließ er das Cover von "The Ooz" zu einem Kandidaten für die Artwork-Abtörner des Jahres gestalten - und nimmt sein neugieriges Publikum auf einen ausgedehnten (fast 70 Minuten) langen Trip durch die siffigen Gassen seines Gemüts. In den Songs, die zumeist träge dahinstolpern oder schlendern, manchmal einer Saxofon-Pfütze ausweichen, sich an Orgel-Geländern entlanghangeln, einem Straßengitarristen ein paar Pence zuwerfen oder dem klackernden Beat von Absätzen auf Asphalt nachsinnen, gehe es um "Earwax and snot and bodily fluids and skin and stuff that just comes out of you on a day to day basis", sagt Marshall, der Glamourverweigerer, ein Punkrocker der leisen Töne.

Natürlich ist das alles ganz wunderbar und, wie sagt man so schön trendy? Immersiv! Marshall, der sich in "Lonely Blue" heulend, meckernd und Laute dehnend zum Tom Waits fürs 21. Jahrhundert stilisiert, driftet durch eine fremder werdende Welt. Es ist nass, es ist dunkel und ungemütlich, die ganze Welt wirkt feindselig und falsch. "I wish I was equal", sagt dieser krude King in "The Locomotive" mit verächtlichem Tonfall. Denn "equal" zu sein, würde heißen, so betäubt und verblödet wie die anderen zu sein. No way. This kid is not alright. Und es hat ein Album aufgenommen, das den ganzen Rotz der Existenz genüsslich in der Nase hochzieht, um dann über Runterschlucken oder Ausspucken nachzudenken. (8.7) Andreas Borcholte

Beck - "Colors"
(Capitol/Universal, seit 13. Oktober)

Manchmal gibt es sie noch, diese Songs, zu denen man spontan beglückt durchs Zimmer hüpfen möchte. Das eröffnende Titelstück von Becks neuem Album ist einer dieser Instant-Hits, er steht, wenn man sich auf die jüngste Zeit beschränkt, in einer Reihe mit "Happy, "Get Lucky" und "Uptown Funk". "See the colors, feel the colors, tell me do you feel alive", singt Beck Hansen darin zu anpeitschender Panflöte und Funkbeats - eine optimistische Powerpop-Hymne, die das triste Jahr gut vertragen kann.

Man gönnt es dem 47-jährigen Musiker, Sänger und Produzenten, dass er ganz offenbar seine Lebensfreude wiederentdeckt hat. Die dunklen Jahre mit langwieriger Rückenverletzung und Angst vor dem Karriereende hatte er 2014 in seinem herbstlich-vergrübelten Meisterwerk "Morning Phase" bewältigt, jetzt kehrt er mit seinem unbeschwertesten und chartswilligsten Album zurück. "Seventh Heaven" greift, mit Handclaps, perlenden Gitarren- und Synthie-Sounds sowie Beach-Boys-Vokalistik im Refrain, die Bouncyness von "Colors" auf, "No Distraction" ist wenig später ein weiterer Smasher, ein clever nach vorne arrangiertes Amalgam von "Every Little Thing She Does Is Magic" von Police und Prefab Sprouts "The King of Rock'n'Roll". Der positivistische Vibe der Achtziger, der sich allgegenwärtig im modernen Pop manifestiert, er hat auch den ewigen Postmodernisten Beck und seinen Produzenten Greg Kurstin (Sia, Adele) erfasst.

Die "Politics of Dancing", wie ein bekannter Song aus der Ära heißt, sind Beck jedoch egal. Die Texte drehen sich um persönliche Befreiungen ("Dear Life"), privates Liebesglück ("Fix Me") oder einfach Party like it's 1995 again. Der sympathische "Loser" von einst wird zum Gewinner in der breitbeinig bratenden Green-Day-Hommage "I'm So Free", "Up All Night" hat ungefähr so viel lyrische und musikalische Identität wie ein generischer Ed-Sheeran-Song.

Alles kein Problem: Dass Beck wie kein anderer Musiker der letzten 25 Jahre das Zeug dazu hat, genau diese Art Hits aus dem Ärmel zu schütteln, das wusste man schon lange - nun haut er sie halt raus. Weil er's kann. Und weil er auf die beginnenden alten Tage doch noch mal mit Charts-Erfolgen abkassieren will. Fair enough, könnte klappen.

Man vermisst bei aller Pop-Brillanz jedoch die Intellektualität Becks, die ihn stets zu dem machten, was der "NME" kürzlich den "leftfield disco king" nannte: immer etwas zu vertrackt für den Mainstream. Das zeigt sich am bestürzendsten in "Wow", das sich dumpf der gängigen Trap-Stilistik des Rap-Genres bedient, statt sie smart und aufregend zu dekonstruieren, wie er es einst auf "Odelay" tat. "Fix Me" erinnert nicht nur im Titel an einen notorischen Coldplay-Schmachter, Beck sülzt ihn leider auch genauso seicht hin wie die Blockbuster-Briten. Dancing with tears in my eyes. (6.5) Andreas Borcholte

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
Japhyryder 18.10.2017
1. Abgehört
Hab mir mal die Clips angehört. SAGENHAFT! (aber belanglos).
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