"Stairway to Heaven" Die Melodie, die Led Zeppelin 40 Millionen Dollar kosten könnte

Nur geklaut? Led Zeppelin sollen die Melodie von "Stairway to Heaven" plagiiert haben. Die Vorwürfe gibt es schon seit Jahren, jetzt steht die Band in Los Angeles vor Gericht. Ein komplizierter Fall - hier der Überblick.

PR

Von


Worum geht es?

Es geht um ein trauriges kleines Arpeggio von etwa 15 Sekunden, begleitet von einem chromatischen Bass, gleichzeitig gespielt auf einer sechssaitigen Gitarre. Nichts Umwerfendes, einfach eine jener Melodien, von denen man denkt, es habe sie schon immer gegeben - mindestens seit der Renaissance, aus der ähnliche Figuren in a-Moll überliefert sind.

Die Schöpfungshöhe (das Kriterium, das urheberrechtlich geschützte Werke von nicht geschützten unterscheidet) dieser speziellen Melodie dürfte deshalb gering sein. Sie gilt als etwas, das Gitarristen eben so beim Rumzupfen einfällt. So wie Johnny Rivers, dessen Song "Summer Rain" (1968) damit beginnt. Oder Randy Wolfe alias Randy California von Spirit, der aus dieser Melodie im gleichen Jahr ein verträumtes Instrumental namens "Taurus" machte.

Oder eben Jimmy Page von Led Zeppelin, der sie 1971 als Grundlage für "Stairway To Heaven" nutzte. Es geht außerdem um 40 Millionen Dollar.

Warum so viel Geld?

Weil "Stairway To Heaven" mehr ist als eine überdurchschnittlich erfolgreiche Ballade. Es ist die Rockballade schlechthin, die keine anderen Rockballaden neben sich duldet und als musikalische Essenz von Led Zeppelin gilt. Erschienen ist der Song 1971 auf "Led Zeppelin IV" und hat seither geschätzte 550 Millionen Dollar eingespielt.

So wie das "funkigste" Stück von Prince ("Kiss") komplett ohne "funkigen" Bass auskommt, gibt es auf der erfolgreichsten Ballade der Rockgeschichte - keinen Refrain.

Ein Erfolgsgeheimnis von "Stairway To Heaven" besteht möglicherweise darin, dass sich das umstrittene Intro (mit rund zwei Minuten ebenso lang wie "Taurus") in Tempo und Intensität immer weiter variiert und steigert, vom verträumten Folk mit Mellotron bis zu nacktem Proto-Metal mit Falsett. Weshalb es nicht Sekunden oder Minuten dauert, bis man sich daran sattgehört hat - sondern Jahre bis Jahrzehnte.

REUTERS

Wer klagt?

Johnny Rivers, heute 73, klagt nicht. Auch klagen nicht die Nachfahren des Journalisten Lewis Spence, dessen Buch "Magic Arts In Celtic Britain" den Sänger Robert Plant zu seinen leicht kitschigen, arg verrätselten und angeblich satanischen Lyrics inspirierte. Es klagt nicht einmal Randy California, der 1997 bei einem Badeunfall vor Hawaii ertrunken ist.

Zu Lebenszeiten fehlte es ihm schlicht an Geld für eine Klage gegen Page und Plant, deren "Stairway to Heaven" er als "Abklatsch" seines Songs "Taurus" bezeichnete. In seinem Namen klagen nun Mark Andes, Gründungsmitglied von Spirit, und seine Erbengemeinschaft gegen Verletzung des Urheberrechts. Konkret geht es darum, Randy California bei der anstehenden Wiederveröffentlichung von "Led Zeppelin IV" als Co-Autor zu nennen: "Das wäre nett", so Andes.

Noch konkreter geht es um eine Beteiligung an künftigen Einnahmen aus dem Dauerbrenner. Die beziffert Anwalt Francis Malofiy, der sich selbst als satanischer Rockstar der Rechts inszeniert, auf 40 Millionen Dollar - zugunsten eines Musikprojekts für Kinder aus sozial schwachen Familien. Laut Malofiy geht es nicht nur um Urheberrecht, sondern um eine "Fälschung der Geschichte des Rock'n'Roll".

War es Diebstahl?

Led Zeppelin sind bereits mehrfach vorbestraft, die schwarze Bluesmusik der Vorväter war für diese Gruppe immer ein Selbstbedienungsladen und ihre Dreistigkeit so groß, der Hehlerware nicht einmal ein neues Etikett aufzukleben. Die Liste ist lang.

"Dazed And Confused" basiert auf einem Song namens "Dazed And Confuses" von Jake Holmes, "How Many More Times" auf "How Many More Times" von Howlin' Wolf, "Nobody's Fault But Mine" auf "Nobody's Fault But Mine" von Blind Willie Johnson, "Whole Lotta Love" auf "You Need Love" von Willie Dixon und "Babe, I'm Gonna Leave You" auf dem gleichnamigen Titel der Folksängerin Anne Bredon.

In den meisten dieser Fälle haben Led Zeppelin längst mit den jeweiligen Klägern einen Vergleich geschlossen oder sich bereit erklärt, die Geschädigten offiziell als Urheber zu nennen. Sie sind Riesen, die nachweislich nicht nur auf den Schultern anderer Riesen, sondern auch auf denen von Zwergen stehen. Oder, wie Anwalt Malofiy sagt, die "beste Coverband der Welt".

Worüber genau wird gestritten?

Konkret geht es inzwischen weniger um die offensichtliche Ähnlichkeit von "Stairway To Heaven" mit "Taurus" - sondern mehr um die Frage, ob Page und Plant den Song gekannt haben können.

In seiner schriftlichen Einlassung macht Plant geltend, "Taurus" 2015 erstmals gehört zu haben und niemals "gleichzeitig mit Spirit" auf der Bühne gestanden zu haben - um wenige Zeilen darauf einzuräumen, 1968 und 1969 in Denver, Atlanta und Seattle auf den gleichen Festivals gespielt zu haben wie Spirit: "Open-Air-Festivals mit ungefähr 20 bis 40 Gruppen oder Interpreten, die im Verlauf von zwei oder drei Tagen auftreten sollten".

1970 will er auf einem Konzert von Spirit gewesen sein, aber nicht zugehört und sich an der Bar mit Freunden unterhalten haben. Worauf die Anklage als Zeugen einen greisenhaften Fotografen präsentierte, der Plant damals in der ersten Reihe tanzend gesehen haben will. Auf diesem Niveau wird das jetzt weitergehen.

Wer wird gewinnen?

Der Ausgang des Falles ist völlig unklar, allein die Eröffnung des Prozesses ist schon ein Erfolg. Die Tatsache, dass Jimmy Page und Robert Plant gemeinsam und persönlich in Los Angeles vor Gericht erscheinen, zeigt, wie ernst sie die Klage nehmen.

Immerhin hat der Richter zugunsten von Led Zeppelin entschieden, die spektakuläre Drogengeschichte der Band nicht zum Gegenstand der Verhandlung zu machen. Auch die Auswahl der Jury soll sehr sorgsam getroffen worden sein - zumal es nicht leicht ist, Menschen zu finden, die "Stairway To Heaven" noch nie gehört haben.

Für eine Niederlage von Led Zeppelin gibt es überdies Präzedenzfälle. Erst 2015 mussten Robin Thicke und Pharell Williams 7,4 Millionen Dollar an die Kinder von Marvin Gaye zahlen, dessen "Got To Give It Up" sie für ihren Hit "Blurred Lines" gefleddert hatten.

Was tun, wenn sie verurteilt werden?

Für Fans von Led Zeppelin gibt es zwei Möglichkeiten. Einerseits können sie sich immer auf das interessante psychologische Phänomen der Kryptomnesie zurückziehen - also die Wiederkehr einer verschütteten Erinnerung, die sich dem Betroffenen dann als neue und eigene Idee präsentiert. Andererseits schadet es weder Led Zeppelin noch der eigenen musikalischen Bildung, weiter und tiefer im kulturellen Humus zu buddeln, in den diese Gruppe ihre Wurzeln geschlagen hat. Da ruhen Schätze.



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.