Star-Produzent Jermaine Dupri "Verzerrung muss sein"

Kaum jemand kennt sein Gesicht, aber seine Songs haben Millionen im Ohr: Jermaine Dupri ist der erfolgreichste Produzent schwarzer Popmusik weltweit. Jetzt legt er seine Autobiografie vor - und feiert sich als jung, reich und gefährlich.

Von Jonathan Fischer


"Young, Rich And Dangerous – The Making Of A Music Mogul" prangt in Goldlettern auf dem Titel der Autobiografie. Jung, Reich und Gefährlich. Für die meisten 35-Jährigen mag eine solche Lebensbilanz wohl verfrüht erscheinen. Nicht aber für Jermaine Dupri. Der jüngste im Trio rappender HipHop-Mogule neben Jay-Z und P Diddy, hat bereits zwei Jahrzehnte im Musikgeschäft hinter sich und genießt als Produzent mythischen Status.

Pop-Produzent Dupri: "Typen wie ich ziehen die Fäden im Hintergrund"
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Pop-Produzent Dupri: "Typen wie ich ziehen die Fäden im Hintergrund"

"Ich habe das Buch als Landkarte für Tausende von Nachwuchstalenten geschrieben, die von einer Karriere im Kontrollraum träumen", erklärt er bei einer Präsentation in der Hueman-Buchhandlung in Harlem. Zwischen den Regalen drängen sich Yuppies im Anzug neben HipHop-Fans in übergroßen Baseball-Sweatern. Sie alle wollen den kleinen Mann mit der polierten Glatze hinten am Signiertisch hören: Jermaine Dupri.

Ungerührt vom Blitzlichtgewitter kritzelt er seinen Namen zwischen zwei Buchdeckel: den selben Federstrich, der hinter den Karrieren von Lil Jon, Usher oder Mariah Carey steckt, der aus Atlanta eines der Zentren der HipHop-Produktion gemacht hat und der dafür verantwortlich ist, dass immer mehr schwarze Jugendliche ihre Zukunft hinter den Kulissen des Musikgeschäfts suchen.

Trendjob Producer

"Heute wollen die Kinder mindestens ebenso gerne Produzenten werden wie Künstler. Weil Typen wie ich die Fäden im Hintergrund ziehen. Wir Kleinen müssen uns jedenfalls nicht mehr hinter dem Vorhang verstecken." Gelächter. Wobei Jermaine Dupri mit klein nicht nur auf seine körperliche Statur anspielt. Sondern auch auf die Tatsache, dass er schon Hits produzierte, als die meisten Gleichaltrigen noch über den Hausaufgaben brüteten.

21 Platin-Alben von Kris Kross bis Usher gehen auf Dupris Konto. Alicia Keys, Outkast, Jay-Z und Janet Jackson haben seinen Produktionskünsten vertraut. Er schrieb und koproduzierte Mariah Careys Grammy-gekröntes Comeback-Album "The Emancipation of Mimi". Er besitzt sein eigenes Label So So Def, fungiert als Präsident von Island Records Urban Music. Und hat in den vergangenen sieben Jahren mehr Hits produziert als jeder andere.


Doch wie wird ein 35-Jähriger das Idol einer jungen Generation afroamerikanischer Unternehmer? Zumal wenn er in einem Scherben-Viertel von Atlanta aufwächst und als Kind einer alleinerziehenden Mutter sich selbst überlassen bleibt? "Für manche Leute bin ich einfach der Junge, der das Glück hatte, von seinem ersten Album mit Kriss Kross gleich acht Millionen Stück zu verkaufen. Aber sie haben mich nicht gesehen wie ich zwei Jahre in einer Kammer im Haus meiner Mutter auf einer Vierspurmaschine daran gearbeitet habe." Insofern ist Dupris Geschichte auch eine Geschichte der Überwindung von Rassismus, Armut und den Vorurteilen gegenüber der Generation HipHop.

Seinen Namen verdankt der Junge der Motown-Begeisterung seiner Eltern: Sie nennen ihren 1972 geborenen Sohn nach Jermaine Jackson von den Jackson Five – kaum ahnend, dass er einmal dessen Schwester Janet heiraten würde. Als Jermaine elf Jahre alt ist, trennen sich sein Vater, ein Konzert-Roadie, und seine Mutter, die fortan als Krankenpflegerin den Lebensunterhalt verdient. Jermaine übt daheim Tanzschritte und Raps; tourt, gerade mal elf, mit dem HipHop-Festival "New York Fresh Fest" drei Monate durch Amerika und wird zu einem der ersten Kinder-Rapper überhaupt.

Erfolg, ein Kinderspiel

Anschließend kauft er sich einen Drumcomputer für 200 Dollar. Seine selbstgemachten Mix-Kassetten vertreibt er in der Nachbarschaft. Mit derselben Begeisterung, mit der seine Klassenkameraden Comic-Hefte verschlingen, studiert Dupri die Tricks der zeitgenössischen HipHop-Produzenten wie Marley Marl, Hurby Azor, Teddy Riley.

Dann geht es Schlag auf Schlag: Als 15-Jähriger produziert er für drei Teenage-Rapperinnen namens Silk Tymes Leather eine erste Platte, ein Jahr später entdeckt er zwei Kinder, die vor dem örtlichen Einkaufszentrum ihre kleine Rap- und Tanz-Show hinlegen: Dupri nimmt sie als Kriss Kross unter Vertrag, arbeitet zwei Jahre an ihrem Album. Als 1992 "Totally Krossed Out" alle Verkaufsrekorde bricht, unterschreibt er einen Zehn-Millionen Koproduktions-Vertrag bei Columbia Records.

Als Underdog beginnt Dupri seine Karriere und als Underdog fühlt er sich noch heute: "Die großen Plattenfirmen haben Typen, die wie ich aus den Südstaaten kommen, nie ernst genommen. Also musste ich ein wenig großspurig daherkommen, um mich durchzusetzen."

In "Young, Rich And Dangerous" erzählt Dupri immer wieder die eine Geschichte: Wie aus dem kleinen Jermaine, der von Lebensmittelmarken lebte, sich selbst das Trommelspielen beibrachte und seinen Klavierlehrer frustrierte, weil er jede Art von musikalischer Erziehung ablehnte, zu einem der innovativsten Produzenten der amerikanischen Popmusik aufsteigen sollte. Eine typische HipHop-Erfolgsstory.

Pornos statt Betriebsanleitung

Interessanter als seine 100.000-Dollar-Orgien in Strip-Clubs, das Haifisch-Aquarium im Studio und die Aufzählung seiner Lamborghinis, Hummer-Jeeps und Bentley Limousinen aber ist die Art und Weise, in der Dupri seine Songs produziert. So gesteht der Hitfabrikant etwa, sich zum Unverständnis seines Personals oft stundenlang aus dem Studio zu verabschieden. Dann versenkt er sich in Computerballerspiele, würfelt um Geld und schaut Pornos, während sich in seinem Hinterkopf eine musikalische Idee, ein Arrangement, ein Rhythmus entwickelt – was wiederum die nervöse Spannung seiner Beats erklärt.

Offensichtlich hat die Unkenntnis von Tonleitern und Notenschrift der Originalität von Jermaine Dupri kaum geschadet. Ganz im Gegenteil: Der Produzent weigert sich, seine elektronischen Musikgeräte nach Anleitung zu bedienen. Stattdessen spielt er herum. Manipuliert die Klänge nach Gefühl – bis er die Idee in seinem Kopf tatsächlich hört.

"Ich sample immer mono über einen knisternden Kopfhöreranschluss. Das klingt zwar unsauber, aber ich brauche das", erklärt Dupri im Anschluss an seine Signierstunde: "Ein bisschen Verzerrung muss sein. Wie bei diesem Buch, das ich geschrieben habe. Wenn das Englisch zu perfekt klingt, nehmen mir die Kids meine Geschichte nicht ab."


Jermaine Dupri: "Young, Rich And Dangerous", Atria Books, New York 2007

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