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17. September 2010, 14:10 Uhr

Star-Produzent Mark Ronson

"Die Kritiker können zum Teufel gehen, das ist ein Hit!"

Sein Sound machte Amy Winehouse zum Weltstar: Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der britische Star-Produzent Mark Ronson, wie er sich von Duran Duran alte Synthesizer lieh, warum Kritiker ihn hassen - und erzählt von einem peinlichen Fauxpas bei der Hochzeit von Tom Cruise.

SPIEGEL ONLINE: Für Ihr neues Album "Record Collection" haben sie den Mark-Ronson-Retro-Soul-Bläser-Sound, der sie berühmt machte, über Bord geworfen. Sie spielen auch keine Coverversionen mehr. Was ist los?

Ronson: Wenn von einem "Mark-Ronson-Sound" die Rede ist, ist es dringend Zeit, sich etwas anderes zu überlegen. Einerseits war ich damit sehr erfolgreich und könnte bequem so weitermachen. Andererseits werden noch mehr Schlaumeier-Kritiker nölen: Ach ja, der Ronson macht immer dasselbe. Ich entschied mich, etwas Neues auszuprobieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden von der britischen Musikpresse als Blender verhöhnt. Dabei waren Sie als Produzent mit Amy Winehouse und Lily Allen erfolgreich. Ihr eigenes Album "Versions" war auch ein Bestseller. Schert es Sie eigentlich, was Journalisten schreiben?

Ronson: Selbstverständlich, sehr sogar. Sie dürfen nicht vergessen, dass ich vor allem Fan bin. Ein tonangebendes Blatt wie den "New Musical Express" lese ich seit meiner Kindheit. Ich bin also "NME"-Fan - und lese ausgerechnet da diesen unbändigen Hass auf mich. Und es ist wirklich Hass. Das ist nicht schön, glauben Sie mir. Und alle meine Freunde lesen es auch. Ich wünschte mir, ich hätte ein dickeres Fell. Andererseits, wäre ich nicht so erfolgreich, würden sie mich nicht hassen. Aber jeder Musiker, der nicht Radiohead ist, wird in England irgendwann für seinen Erfolg bespuckt.

SPIEGEL ONLINE: Wie schwierig ist es, seinen Sound zu wechseln?

Ronson: Ich wusste lange, dass ich etwas Neues wollte, nur eben nicht, was. So habe ich mein eigenes Album lange vor mir hergeschoben und stattdessen viele andere Künstler produziert: Kaiser Chiefs, Robbie Williams, Daniel Merriweather, Ol' Dirty Bastard, Adele und viele mehr - bis Duran Duran kamen. Die brachten ihre alten analogen Synthesizer aus den siebziger Jahren mit, und als ich die hörte, machte es bei mir Klick. Gut, das ist auch ein Retro-Sound. Ich habe also einen "warmen Soulsound" gegen einen "warmen Elektro-Sound" getauscht. Aber allein der Anblick eines alten Roland Jupiter 4 macht mich glücklich. Ich habe mir dann neun alte Synthesizer von Duran Duran geliehen, ins Studio der Dap Kings schaffen lassen und losgelegt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben an fast allen Songs des Albums mitgeschrieben. Neuerdings singen Sie sogar. Noch ein Versuch, ihren Kritikern zu zeigen, was sie drauf haben?

Ronson: Nein, das ergab sich einfach. Irgendwann war mir klar, dass ich das probieren wollte. Also nahm ich sechs Monate Gesangsunterricht. Ich wollte mich eher selbst herausfordern - als versuchen, es irgendwelchen Kritikern recht zu machen. So wichtig sind die auch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was sagt der perfektionistische Produzent in ihrem Kopf zu ihrem Gesang?

Ronson: Da ist mein Hirn zweigeteilt: Du singst und denkst dann stolz: cool, das war gut. Dann hörst du dir die Aufnahme an und der Produzententeil deines Verstandes sagt: So ein Schrott: Noch mal! Sich selbst zu produzieren, ist ein Alptraum. All der Mist, den ich sonst zu anderen Sängern sage, ging mir durch den Kopf. Sprüche wie: "Wenn du die Augenbrauen hebst, kommst du höher mit der Stimme." So ein Quatsch! Aber dafür, einmal im Leben mit meinem Idol Ghostface Killah gesungen zu haben, hat sich das alles gelohnt.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich unterschätzt?

Ronson: Wahrscheinlich. Ich habe zum Beispiel "Back To Black" mit Amy Winehouse geschrieben oder "Littlest Things" mit Lily Allen, aber trotzdem werde ich null respektiert. Vor einiger Zeit war ich auf einer Veranstaltung, wo die "Vodafone Music Awards" verliehen wurden. Ich bekam einen Preis, war auf der Bühne mit Dizzie Rascal und Paul Weller und hielt meine kleine Dankesrede; aber mit einem Ohr hörte ich diese kleine Gruppe von Kids, die da mitten im Saal standen und laut buhten. Ja, und ich war verletzt. Ich arbeite hart und viel, aber irgendwie wurde ich zum Ziel aller Verachtung für viele Musikfans. Ich bin doch keine Scheibe, in die jedermann seine Dartpfeile stechen kann.

Dieses Lied auf der Hochzeit von Tom Cruise - "Was für ein Fauxpas!"

SPIEGEL ONLINE: Als Sie mit Amy Winehouse und Lily Allen zuerst als Produzent arbeiteten, waren die so unbekannt wie Sie. Wie gehen Sie mit etablierten Größen wie Duran Duran um, deren Poster Sie früher im Kinderzimmer hängen hatten?

Ronson: Natürlich arbeitet es sich entspannter mit Künstlern, die am Anfang stehen. Du kannst frei experimentieren weil keinerlei Erwartungen an die Resultate geknüpft sind. Das ist sehr gut für die Kreativität. Amy sagte damals, als wir uns das erste Mal im Studio trafen, dass sie "Sixties-Jukebox-Soul-Pop-Hits" lieben würde - und das haben wir dann probiert. Und als ich mit Lily Allen loslegte, riet ich ihr, mit diesem tollen Londoner Cockney-Akzent zu singen. Bei Duran Duran benötigte ich einige Tage, bis ich nicht mehr dachte: Wow, du bist mit Duran Duran im Studio. Was nun? Ich habe sie einige Tage wie ein Schoßhund mit aufgerissenen Augen angestarrt. Aber nachdem ich das überwunden hatte, wurde es toll. Es war, als hätte ich ein Preisausschreiben gewonnen: Der größte Duran-Duran-Fan des Planeten hilft Duran Duran ein wenig dabei, wieder wie Duran Duran zu ihrer besten Zeit zu klingen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre neue Single "Bang Bang Bang" hat keine Melodie und ist trotzdem ein Hit. Erstaunt?

Ronson: Sagen wir mal so, es ist kein konventioneller Popsong. Hier in England spielt es auch keiner der großen Radiosender. Dafür bin ich damit in Deutschland, Australien und vielen anderen Ländern weit oben in den Charts.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Sie Musiktheorie studiert haben?

Ronson: Ich habe bereits als Kind ausführlichen Musikunterricht gehabt. Später studierte ich tatsächlich Musiktheorie, brach dann aber ab, weil ich zu viele andere Sachen zu tun hatte. Ich habe aber vor, dieses Studium nachzuholen. In der Biografie von Quincy Jones las ich neulich, wie er in jungen Jahren bereits mit Duke Ellington auf Tournee war, dann einen Riesenhit als Produzent von "It's My Party" hatte und sich dann trotzdem zwei Jahre zurückzog, um noch mal Musik bei einer Strawinsky-Schülerin zu studieren. Das hat mich sehr beeindruckt, weil es belegt, wie viel Leidenschaft er für seine Arbeit mitbrachte. Weil Quincy Jones immer besser werden wollte. Das kann ich nachvollziehen. Ich will mich mit über Vierzig nicht mehr ständig neu erfinden müssen. Ich bekomme zum Beispiel regelmäßig Angebote, Soundtracks zu machen. Das kann ich nicht, das traue ich mir nicht zu. Orchester-Arrangements schreiben? Wie soll das gehen?

SPIEGEL ONLINE: Sie haben angeblich "It's My Party" mit Amy Winehouse neu eingespielt. Schafft die das noch?

Ronson: Stimmt, vor nicht allzu langer Zeit haben wir diesen Song für ein Quincy Jones Tribut Album aufgenommen. Sie klingt phantastisch. (öffnet einen Laptop und spielt das tatsächlich vital klingende Stück) Sehen sie: Eine Coverversion, mit ganz vielen Bläsern. Klingt gut oder? Die Kritiker können zum Teufel gehen, das ist ein Hit! Ich habe wirklich nachgedacht ob ich mit Amy noch mal so einen Song aufnehmen will. Aber mal ehrlich: kann man sich Amy Winehouse mit wummernden Elektrobeats vorstellen? Ich zumindest nicht.

SPIEGEL ONLINE: Rufen Sie Amy Winehouse manchmal an, wenn es ihr dreckig geht, und reden ihr ins Gewissen?

Ronson: Amy ist eine Freundin. Jedem Freund stehe ich bei, wenn er in Not ist, egal ob er ein Highschool-Kumpel oder ein berühmter Musiker ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben als Teenager mehrere Praktika beim "Rolling Stone" absolviert. Was haben Sie da gelernt?

Ronson: Mein Stiefvater war auch in der Musikindustrie, also lagen diese ganzen Fachmagazine immer bei uns zu Hause rum und haben mich beeindruckt. Drei Sommer lang jobbte ich beim "Rolling Stone". Das war die vor-digitale Ära und ich habe vor allem gelernt, wie ein Magazin entsteht und sogar Layouts geklebt. Geschrieben habe ich später viel für HipHop- und Metal-Fanzines wie "Ego Trip" oder "Metal Madness". Ich liebte Hair-Metal und die Beastie Boys.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie als DJ über Musik gelernt?

Ronson: Ich lernte, wie man Menschen packt, interessiert und Emotionen weckt. Ich glaube schon, dass es einen speziellen Rhythmus gibt, der meine Platten prägt und der lässt sich eindeutig auf meine Zeit als HipHop-DJ zurückverfolgen.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie als DJ Ihr Publikum erziehen?

Ronson: Selbstverständlich. Wer das nicht will, endet als Radio-Jukebox. Du hoffst darauf, Impulse zu geben, beim Entdecken neuer Musik zu helfen. Aber du darfst auch kein kompletter Egozentriker sein, dann spielst du die Tanzfläche leer und das ist das Schlimmste! Ich bewege mich als DJ zwischen Extremen: Ich will Bekanntes und Obskures mixen. Das ist die Kunst.

SPIEGEL ONLINE: Mussten Sie als Celebrity-DJ viele Wünsche erfüllen?

Ronson: Nein, man vertraute mir immer. Gut, bei Hochzeiten bittet jedes Paar um ein Lied, "ihr Lied". Aber das ist ok.

SPIEGEL ONLINE: Haben sie tatsächlich bei der Hochzeit von Tom Cruise "You've Lost That Lovin' Feelin'" gespielt?

Ronson: Leider ja, ich sah es als Hommage, weil es ja der "Top Gun"-Filmsong ist, und während es dann lief, dämmerte mir, wie unfassbar unpassend es ist. Der größte Tag ihres Lebens, die wichtigste Nacht ihres Lebens, und ich spiele: "You've Lost That Lovin' Feelin'". Was für ein Fauxpas!

SPIEGEL ONLINE: Ist es ein Problem, dass Sie aus einer wohlhabenden Familie kommen? Wie groß ist der Neid in der Branche?

Ronson: Es dauerte, bis das überhaupt ein Thema wurde. Probleme habe ich damit kaum gehabt. Es gibt dieses tolle Zitat aus Eric B. & Rakims "I Know You've Got Soul: "It ain't where you from, it's where you're at." Darum geht's!

Das Interview führte Christoph Dallach

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