Abgehört - neue Musik Clubsounds für die Mos-Eisley-Cantina

Wussten Sie, dass Rock-Reduzierer Rick Rubin auch "Star Wars"-Fan ist? Auf einem irren Elektro-Album lässt der Produzent Szenestars wie Flying Lotus mit Film-Samples experimentieren. Plus: Noch mehr wichtige Pop-Neuerscheinungen.

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Various Artists: "Star Wars Headspace"
(Hollywood Records/American Recordings/Universal, seit 22. Februar)

Was mag wohl mit dem ganzen Merchandising-Krimskrams passiert sein, der zum Start von "Star Wars: The Force Awakens" in die Supermärkte und Fan-Shops gedrückt wurde? Ich rede jetzt nicht von Actionfiguren, Modellen und Bausätzen, die werden, original und "mint" verpackt, ihren Weg in die Devotionalien-Regale zahlreicher Nerd-Kellergewölbe gefunden haben. Wo sie dann vermutlich auf ewig ungenutzt herumstehen, bis der Besitzer Geld braucht und alles zum Preis eines mittelgroßen Todessterns auf E-Bay verhökert. Oder, sollte es dann doch mal Nachwuchs im Fanboy-Haushalt geben, alles von ignoranten Kids oder der genervten Gattin im Sperrmüll entsorgt wird.

Naja, letztere Variante ist eher unrealistisch, denn "Star Wars" ist ja längst allgemeiner, Generationen und Popkultur durchdringender Kanon, daher werden auch die Kinder, bei denen die "Macht" dank J.J. Abrams gerade erst erweckt wurde, den Spielzeug-Schatz hüten und mehren, während die Ehefrau stolz ihre Pumps mit Lightsaber-Absätzen ausführt. Ich persönlich hätte ja gerne den Tesafilm-Abroller, bei dem man das Klebeband quasi aus dem Schritt von C-3PO abrollt. Unbezahlbar.

Aber was ist mit all dem "Star Wars"-gebrandeten Alltagszeug? Den Millionen Wasserflaschen, den Rasierern und dem Klopapier, den Weintrauben-Plastikbehältern, von denen einen der gesundheitsbewusste Yoda dummdreist angrinste ("Obst essen du musst!")? Die Kylo-Ren-Kaugummis? Der "Coffee-Mate"-Drink mit Chewbacca-Konterfei?

Auch dafür gibt es wahrscheinlich Sammler, die den ganzen Schrott akribisch horten und katalogisieren. Das dauert, dafür braucht man Geduld und die passende musikalische Untermalung. Aber immer nur den John-Williams-Soundtrack hören? Laaangweilig! Zum Glück ist Rick Rubin, langbärtiger, zu totaler Reduktion neigender Rock-Produzent, auch ein "Star Wars"-Fan. Und hat jetzt gleichgesinnte Elektronik-Musiker für ein Album versammelt, das verschroben zu nennen sehr untertrieben wäre. Das Ganze ist weniger camp, als man glaubt, denn nicht nur signalisiert das offizielle "Star Wars"-Logo auf dem Cover den Segen von höchster Disney-Instanz, die Künstler durften sogar aus dem reichhaltigen Fundus lieb gewonnener Sounds und Samples aus den Filmen schöpfen. Frrrrrrwrummmm, macht das Lichtschwert.

Dabei kam herrlicher Blödsinn heraus, wie die hirnsprengend vertrackte Droidenballade "R2 Where R U?" von Jazz-Jedi-Ritter Flying Lotus, Shlomos ebenfalls mit R2-D2s Wimmer- und Fieplauten spielende John-Carpenter-Reminiszenz "Druid Caravan Of Smoke" oder der straighte House-Track "R2 Knows" von Claude VonStroke. Natürlich darf auch eine Hommage an die swingende Cantina-Band von Mos Eisley nicht fehlen, angemessen hibbelig umgesetzt vom amerikanischen Bassmusic-Produzent Baauer. Auch Rick Rubin selbst ist mit einem Track auf "Headspace" vertreten, der sich allerdings in eher bodenständigem EDM verliert. Schöner ist da schon der minimalistische, von Rubin remixte "Jabba Flow" von Shag Kava, dem Pseudonym von Musiker Lin-Manuel Miranda und "Star Wars"-Regisseur Abrams höchstpersönlich.

Weniger Spaß machen allzu flächige oder statische Tracks von Galantis, Bonobo und Röyksopp oder der scheußliche Pop-Orchester-Funk des Schlussstücks "Star Tripper" von Breakbot. Und auch das mit modischen Gesangspitches und Droiden-Samples aufgemotzte "C-3PO's Plight" ist eher eine uninspirierte Pleite. Wenigstens gibt's danach gleich Erlösung mit den irren Trap-Sounds von GTA auf dem Leia-Sample "Help Me, Obi Wan" und der hübsch ins Techno-Stakkato verzerrten "Imperial March"-Fanfare. Damit wird man als DJ vielleicht eher nicht im Berghain, aber mindestens auf der nächsten Convention-Clubnacht punkten können. Abhotten aber bitte nur im Wookie-Kostüm! (6.5) Andreas Borcholte

"Star Wars Headspace"

Star Wars Headspace auf tape.tv.

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Quilt - "Plaza"
(Mexican Summer/Alive, ab 26. Februar)

Gute Neo-Psychedelia-Alben werden nur in der Bay Area und in L.A. gemacht? Pfffff. Um das demonstrativ zu widerlegen, fuhr ich vor zwei Jahren einmal die ganze Westküste hoch, im Cabrio, und ließ sehr laut das hervorragende zweite Album der Band Quilt laufen, "Held In Splendor", auf dem sich magische Songs wie "Arctic Shark" oder "Mary Mountain" befanden. Gut, meine Drive-by-Beschallung hat die Kalifornier jetzt nicht weiter beeindruckt. Aber Quilt, die aus New York mit Umweg über Boston stammen, haben sich zumindest in meinem Herzen einen Platz erspielt, auch wenn ihre Musik so gar nichts mit den hier vordringlich verhandelten Versuchen von Pop-Innovationen zu tun hat, sondern mit Anklängen an Kinks, Byrds, Jefferson Airplane und Strawberry Alarm Clock kompetent in die Sixties verweist. Immerhin die gute alte Zeit, in der bekanntlich alles so neu und aufregend war.

Auf "Plaza" erfindet sich die Band um Anna Fox Rochinski (toller Name!) und Shane Butler, beide Gesang und Gitarre, zum Glück nicht neu. Vielleicht sitzt alles ein bisschen besser, will sogar moderner, popgerechter klingen, als es muss, wie in "Hissing My Plea" oder "Roller". Ansonsten dominiert die aus altem und neuem Material zusammengesetzten Stücke jedoch jener süße, mehrstimmige Harmoniegesang und die bedröhnt jinglejanglenden Melodien, die schon die ersten beiden Alben so verführerisch machten.

Prototypischer Quilt-Song ist "Passersby": Ein mäandernder Fluss aus mal süßen, mal schrägen Gitarrenakkorden, Flöten und in die Ewigkeit trommelnden Drums, der von nichts weiter handelt als vom großen, befriedigenden Luxus, Leuten auf der Straße beim Vorbeigehen zuzusehen. Musik, die "Wanderlust" auslöst, nennen das die Amerikaner, weil sie kein eigenes Wort für Fernweh haben. (7.5) Andreas Borcholte

Essaie Pas - "Demain est une autre nuit"
(DFA/Pias/Cooperative, seit 22. Februar)

Dada-dada-bubu-bubu-bummmm! Da waren sie wieder, die synthetischen Drums aus Jan Hammers "Miami Vice"-Thema, auch schon über 30 Jahre alt. Wie ein Echo aus unschuldigeren Zeiten klöppeln sie plötzlich mitten hinein in den sphärischen Sequenzersound von "Dépassée par le fantasme", dem zweiten Track auf dem neuen Album des Duos Essaie pas aus Montreal. "Versuch's nicht", heißt der Bandname übersetzt, und vielleicht ist das selbstironisch gemeint, denn mit dem gerade total schicken Synthie-Pop und frühen Elektro der Achtzigerjahre wurde zuletzt ja schon viel zu viel angestellt, von Techno-Künstlern sowieso, aber auch von Pop-Acts wie Chromatics, Kavinsky oder Lonelady.

Wie letztere erinnert auch der unterkühlte, Ich-stehe-alleine-mit-meinem-Keyboard-in-kargen-Betonlandschaften-Gesang von Sängerin Marie Davidson an die ewige Genre-Pionierin Anne Clark, sie singt ihre traurig-lakonischen Abgesänge auf die Moderne allerdings auf Französisch. Dazu programmiert ihr (auch manchmal sprechsingender) Partner Pierre Guerineau pulsierende Science-Fiction-Soundtracks (natürlich: "Blade Runner"), die durchgängig nachtfeucht und dystopisch klingen.

Manchmal klingt das wie eine unwahrscheinliche, aber charmante Negativ-Version der fröhlich-frivolen Frenchpop-Hits von Stéphanie von Monaco oder Alain Delon ("Carcajou 3"), richtig interessant wird's aber, wenn Essaie pas ihren Retro-Sound in Richtung Minimal-Techno und skelettierten Chicago-House driften lassen ("Facing The Music", "Lights Out") und sich damit ihren DFA-Label-Kollegen Factory Floor annähern. Dazu Neo-Noir-Klassiker wie "Subway" oder "La Femme Nikita" ohne Ton laufen lassen und den Trenchcoat-Kragen hochschlagen. Versuchen Sie's ruhig mal. So werden bald noch viele Platten klingen. (7.7) Andreas Borcholte

Santigold: "99 Cents"

Santigold: 99 Cents auf tape.tv.

Sarah Neufeld - "The Ridge"
(Paper Bag Records/Indigo, ab 26. Februar)

Wir bleiben in Montreal und bei einer Band, der neulich gerade ein schönes, weil niederträchtiges Denkmal mit einem Song auf dem leider nicht genügend gewürdigten Album "Weird Little Birthday" der Londoner Band mit dem einfallsreichen Namen Happyness gesetzt wurde: "I'm wearing Win Butler's hair, there's a scalpless singer with a Montreal rock band somewhere", leiert der Sänger da mit hinreißend suizidaler Stimme. Gemeint sind natürlich Arcade Fire und ihr zu exzentrischer Haarmode neigender Frontmann.

Andere feste Mitglieder der vielköpfigen Truppe haben es immer etwas schwer, aus Butlers Schatten herauszutreten, weil der nicht nur komische Haare hat, sondern auch noch ein Hüne ist. Sein Bruder Will veröffentlichte letztes Jahr ein eher ödes Pop-Album, die Violinistin Sarah Neufeld ist schon umtriebiger und bringt jetzt bereits ihre vierte Solo-Platte heraus. Das Gute daran: Auch wenn Arcade-Fire-Kollege Jeremy Gara an den Drums sitzt, findet man bis auf gelegentlich überbetontes Melodrama nicht viele Anknüpfpunkte zum Stammkollektiv.

Stattdessen tupft Neufeld ihren entrückten Enya-Gesang über wirbelnde, stürmische Folkweisen wie "A Long Awaited Scar" und "From Our Animal" oder erzeugt elegisch fiedelnd eine entzückend garstige Sinnlichkeit ("Where The Light Comes In", "They All Came Down") - eine Art kanadische Gotik also, die Bilder einer an umtoster Klippe stehenden Frau im hochgeschlossenen, streng verschnürten Quäkerkleid heraufbeschwört. Die lässt dann mit stolzer Verzweiflung ihr schwarzes Haar im Wind flattern, während hinter ihr im wogenden Präriegras der skalpierte Butler liegt und blutet. Ja, wirklich, so eine brutal schöne Platte ist das! (7.0) Andreas Borcholte

Sarah Neufel - "The Ridge"

The Ridge (Trailer) von Sarah Neufeld auf tape.tv.

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Best-of "Abgehört"

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