Starpianist Tokarev Donner und Gloria

Der russische Pianist Nikolai Tokarev gehört zu den gefeierten Jungstars der Zunft. Auf der Bühne donnert er virtuos durch ein Kraftmeier-Programm. Sein neues Album glänzt jedoch mit differenzierten Tönen - eine Entdeckung.

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Nikolai Tokarev, 1983 geborener Moskauer Jungvirtuose, erscheint wie der Prototyp des modernen Könners: Sympathisch, konzentriert, offenbar ohne Starzicken spielt er sich durch ein durchaus vielseitiges Repertoire.

Pianist Tokarev: Gläserne Klasse
Uwe Arens / Sony

Pianist Tokarev: Gläserne Klasse

Mit seiner neuen CD "French Album" beweist er auch ein sicheres Händchen fürs Spezielle. Rameau, Debussy, Ravel, Franck heißen die Komponisten, denen er mit leichtem, doch sicherem Zugriff gerecht wird.

Debütiert hatte er mit einer Recital-CD, die Chopin, Liszt, Bach enthielt. Ein solides Basiswerk mit jenem Geschmack, der in seinen Konzertauftritten nicht immer das Programm bestimmt.

So bot Tokarev beim diesjährigen Schleswig-Holstein Musikfestival hauptsächlich Bearbeitungen von eigentlich nicht fürs Klavier vorgesehenen Kompositionen, offenbar eine Leidenschaft von ihm.

Das ist an sich nichts Verwerfliches, nur müssen so beiläufige Stücke wie die "Nussknacker"-Version vom Musiker-Kollegen Mikhail Pletnev oder die bekannte "Nacht auf dem kahlen Berge" (Mussorgsky) nicht unbedingt aufs Podium gebracht werden, um die Fingerfertigkeit des Solisten zu demonstrieren. Musikalisch ist das nämlich eher lau, ein Soundgewitter, das besser im Zugabenteil eines Konzertes aufgehoben ist. Dagegen nahmen sich die von Franz Liszt geschriebenen Liedbearbeitungen nach Franz Schubert geradezu dezent aus.

Was Tokarev wirklich kann, hatte er gleich am Anfang des Abends mit Franz Schuberts "Moments musicaux" op. 94 gezeigt: wunderbar Klavierspiel voller Klarheit und Wärme. Keine blitzenden Kaskaden, eher fahles Feuer – was viel schwieriger zu bewältigen ist, wenn man pianistische Berge erklimmen will.

Wenn schon virtuoses Zähnefletschen, dann, wie gesagt, als Zugabe: Da warf er die Lisztsche "Glöckchen-Etüde" mit leichter Hand hin, gepaart mit der heiklen Prokofjew-Toccata, die ihm ebenfalls überzeugend gelang. Falsche Gewichte und Akzente, aber in so jungen Jahren darf man sich von diversen Teufeln reiten lassen.

Hinreißend uneitel und flüssig spielt Tokarev auf seinem "French Album" eine Variationenreihe aus den "Nouvelles Suites" von Jean-Philippe Rameau (1684-1764), die wie ein duftigerer Bach klingen und elegant das kleine Gavotte-Thema umkreisen. Diesen lockeren Ton trifft Tokarev, auch dank seiner sicheren Technik, hervorragend.

Größere Herausforderungen bietet Maurice Ravels "Gaspard de le Nuit", mit dem seinerzeit auch Kollege Ivo Pogorelich auf Schallplatte entzückte. Gläserne Klasse, feingliedrig und sicher realisiert - wer so etwas kann, muss sich eigentlich vor nichts fürchten.

Nikolai Tokarevs Werdegang kann als bilderbuchmäßig bezeichnet werden: Ausbildung in Moskau, Manchester und Berlin. Ein veritables Wunderkind, das mit sechs Jahren das erste Konzert gab, ab 14 internationale Auftritte, verschiedene Preise, natürlich ein Plattenvertrag bei einer großen Firma.

So viel Virtuosität ist beinahe unheimlich, aber der Nachwuchs-Titan geht offenbar mit seiner Karriere entspannt um. Er lächelt viel, freut sich über den Applaus, hadert nicht mit dem Business und der Öffentlichkeit.

Vielleicht klingt sein "French Album" deshalb so gut, weil es wie ein ehrliches Statement erscheint, zwischen Klangsinnlichkeit, Technik und purer Spielfreude. Noch sind keine "letzten Dinge" in Sicht – wozu auch. Nichts wirkt bei einem Twentysomething seltsamer als simulierte Abgeklärtheit.

Da erträgt man dann lieber den "Kahlen Berg" und den "Nussknacker" als plattgewalzten späten Beethoven – diese Erkenntnis hat Nikolai Tokarev immer noch manchen Kollegen voraus.


CD Nikolai Tokarev (Klavier): "French Album" (Sony BMG).



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