Stars und Sucht Tödliches Spiel mit dem Rausch

Ihr früher Tod schockiert die Musikwelt. Doch die britische Soulsängerin Amy Winehouse ist nicht die Erste, die der Sucht zum Opfer fällt - und wird kaum die Letzte sein: Musik, Kunst und Drogen sind seit langem unzertrennlich.

Von , New York

Sängerin Amy Winehouse mit Weinglas: Öffentlich ausgelebte Selbstzerstörung
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Sängerin Amy Winehouse mit Weinglas: Öffentlich ausgelebte Selbstzerstörung


Es ist ein Mythos, so alt wie die Kunst. Wahres Genie, besagt der, sei oft Resultat eines erhöhten Sinneszustands, herbeigeführt durch Alkohol oder andere Rauschmittel. "Der Zusammenhang zwischen Drogen und Genius", befand die "New York Times", "ist Gegenstand ewigen Interesses." Und das war im Jahr 1918, als die Substanz du jour noch Opium hieß.

Soulsirene Amy Winehouse, Modeschöpfer Alexander McQueen, Schauspieler Heath Ledger: Genies ihres Metiers, gefällt von Sucht und Überdosis. Sie sind nicht die Ersten und werden nicht die Letzten sein, doch stets stellt sich die Frage: Warum sie, warum so jung, warum so? Der Rausch befeuerte ihr Können, gab ihnen "street credibility", täuschte sie zugleich über die Fallen ihres VIP-Daseins hinweg - nur um es ihnen dann zu rauben.

"They tried to make me go to rehab", sang Winehouse in ihrem Hit "Rehab", "but I said 'no, no, no'." Entzug, nein danke: Dieser zu ihrem Tod nun meistzitierte Songtext war ein stiller Hilferuf. "Ich schreibe nur über Sachen, die mir passiert sind", sagte Winehouse dem Musikmagazin "Blender" einmal - und fügte prophetisch hinzu: "Zum Glück bin ich ziemlich selbstzerstörerisch." Auch dieses Zitat flackert seit Samstag über zahllose Facebook-Profile.

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Amy Winehouse: Ein Leben zwischen Bühne und Drogen
Aus Ekstase wird Exzess

Auf jedes prominente Drogenopfer kommen Abertausende Namenlose, die ähnlich verenden, ohne dass ihnen jemand nachweint. Aber es sind die Abstürze der Stars, die uns faszinieren, abstoßen, empören - als Lehrstücke und Spiegelbilder unserer selbst.

Ihr Werdegang ist stets gleich: Die Ekstase wird zum Exzess, der Exzess zum Spektakel, das Spektakel zum Schwanengesang. Drogen helfen ihnen erst, innere Pein zu tarnen und in äußere Brillanz zu verwandeln. Und dann helfen sie ihnen, ihr eigenes Grab zu schaufeln.

Die Liste ist lang und zieht sich durch alle Sparten kreativen Könnens: Marilyn Monroe, Judy Garland, Elvis Presley, Truman Capote, Rainer Werner Fassbinder, John Belushi, Michael Hutchence ("INXS"), Ike Turner, River Phoenix. Eine ganze Reihe von ihnen - darunter Kurt Cobain, Janis Joplin, Brian Jones und Jimi Hendrix - haben die zweifelhafte Ehre, dem "27 Club" anzugehören: Sie alle starben mit 27 Jahren, wie jetzt auch Amy Winehouse.

Drogen könnten das Bewusstsein erweitern, wahlweise betäuben, behaupten ihre Konsumenten. Auf Dauer aber killen sie Geist und Körper - und vorher noch eben jeden Funken Kreativität. "I'm so high that I might die", rappte Eminem in "Drug Ballad" (2000). Seine Karriere kollabierte, das Comeback kam erst jetzt, als er clean wurde. Titel seines letzten Albums: "Recovery" - der Begriff, mit dem Süchtige ihre Genesung beschreiben.

Sturz vom Hotelbalkon im Drogenrausch

Dahinter steckt mehr als das Klischee von "Sex, Drugs & Rock'n'Roll". Schon Jazz und Blues lebten von jener fatalen Mischung aus Tragik und Rausch, von der Seelenpein, aus der Musik entsteht. "Die Anerkennung dieser Qualen, die sich im Blues findet, und deren Ausdruck schafft auch, so schräg das klingen mag, eine Art Freude", schrieb US-Schriftsteller James Baldwin 1964 über die Jazzsängerin Billie Holiday, die fünf Jahre zuvor unter unwürdigsten Umständen in einer New Yorker Klinik verstummt war, mit nur 44.

Alles nichts Neues. Pianist Dick Twardzik und Jazz-Poet Warren Tartaglia erlagen einer Überdosis Heroin. Saxofonist Charlie Parker war heroinsüchtig und starb am Alkoholismus. Trompeter Chet Baker stürzte im Drogenrausch vom Hotelbalkon. Andere kamen davon: Louis Armstrong paffte angeblich drei dicke Joints am Tag, als gesündere Alternative zur Trunksucht, lebte trotzdem aber ein langes Leben und starb mit 71 an einem Herzschlag.

"Drugs & Drums", betitelte "Time" bereits 1960 einen Bericht über die Drogen-Gepflogenheiten von Jazzmusikern: 54 Prozent rauchten einer Umfrage zufolge Marihuana, 53 Prozent hatten schon mal Heroin gespritzt. Wohlgemerkt: Das war zwei Jahre, bevor die "Rolling Stones" überhaupt ihren ersten Gig hatten. Ebenfalls 1960 befragte "Playboy" einschlägige Szene-Promis: "Ist Sucht ein spezielles Problem des Jazzmusikers?" Nur einer verneinte - der feine Bandleader Duke Ellington: "Ich glaube nicht, dass Drogenmissbrauch ein Berufsrisiko ist."

War Winehouse selbst schuld?

In der Tat wurden die Qualen suchtkranker Künstler früher buchstäblich totgeschwiegen, und das nicht nur aus Unverständnis. Billie Holidays elendes Ende, beklagte Baldwin, sei "eine Geschichte, wie sie das 'Life'-Magazin nie drucken würde, außer als bittersüßen, rührseligen Nachruf". Diese Nachrufe zierten sich mit gnädigen Floskeln: "Leberzirrhose", "Nierenversagen". Im Klartext heißt das: Schauspieler Richard Burton und Beat-Poet Jack Kerouac, diese Genies von Bühne und Buch, soffen sich zu Tode.

Selbst schuld, lauteten nach Winehouses Tod viele Kommentare. "Die traurige Berühmtheit aus Ms. Winehouses etlichen Drogen-Festnahmen, öffentlichen Zusammenbrüchen und ruinierten Konzerten überschatteten ihr Talent", schreibt die "New York Times" jetzt, als sei sie ein verzogenes Kind gewesen.

Doch nicht nur die Medizin weiß inzwischen, dass Alkoholismus und Sucht keine Laster sind oder moralische Verfehlungen, sondern echte Krankheiten. Sprich: Die Betroffenen können nicht anders, selbst wenn sie wollten. Das ist eine Erkenntnis, mit der private Suchtzentren und Therapiegruppen schon lange operieren.

Trotzdem galt der Rausch lange - und gilt in manchen Kreisen oft heute noch - als Inspiration. Diese Idee hatte schon Sigmund Freud: Der glaubte, in Koks ein Allheilmittel gefunden zu haben, und soll die Droge zeitweise sogar zur Grundlage seiner Psychotherapie gemacht haben. Er war offenbar kaum der erste: Selbst im Garten des Edelbarden William Shakespeare fanden sich Restspuren von Kokain und Halluzinogenen.

"Weißt du, wie sehr du geliebt wirst?"

Die Vorstellung, Rausch fördere die Kreativität, ist freilich längst als Wahn enttarnt. Das erkannte bereits Bill Wilson (1895-1971), das Idol vieler Suchtkranker, die Genesung suchen. Der Wall-Street-Spekulant verspielte die Hälfte seines Lebens im Irrglauben, "dass geniale Männer ihre besten Einfälle im Suff hatten und so zu höchsten philosophischen Erkenntnissen gekommen waren". So schrieb er es jedenfalls in ironisch gewürzter Retrospektive im "Blauen Buch", der Bibel der Anonymen Alkoholiker (AA), die er 1935 in Ohio mitbegründete.

Heute hat die Selbsthilfegruppe weltweit Millionen Mitglieder - darunter auch viele Musiker und andere Künstler, die auf die Anonymität verzichten, um das tragische Schicksal ihrer Leidensgenossen zu vermeiden.

Etwa Boy George, der Ex-Leadsänger der Gruppe "Culture Club", der nach eigenen Angaben seit mehr als zwei Jahren clean ist. Der bot Amy Winehouse erst im Juni seine Hilfe an, nach ihrem desaströsen Auftritt in Belgrad. "Komm zu einem Meeting", twitterte er in Anspielung auf die regelmäßigen AA-Treffen. "Weißt du, wie sehr du geliebt wirst?"

Aber das mit der Liebe war so eine Sache für Amy Winehouse. Ihr Hit-Album"Back to Black" war eine einzige Ode an den Herzschmerz - und die Sucht.

"I love you much / It's not enough", singt sie auf dem Titeltrack. "You love blow and I love puff / And life is like a pipe / And I'm a tiny penny rolling up the walls inside." Es ist die Geschichte einer Gefangenschaft: "Du liebst Kokain und ich liebe Marihuana / Und das Leben ist wie eine Pfeife / Und ich bin ein winziger Penny, der darin die Wände hochrollt."

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Seite 1
Sapientia 24.07.2011
1. Sie war zumindest ziemlich talentiert, ...
Zitat von sysopIhr früher Tod schockiert die Musikwelt. Doch die britische Soulsängerin Amy Winehouse ist nicht die Erste, die der Sucht zum Opfer fällt - und wird kaum die Letzte sein: Musik, Kunst und Drogen sind seit langem unzertrennlich. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,776313,00.html
hat ihr Talent aber nicht genutzt und irgendwelche Grungprobleme mit dope verdrängt. Alles andere ist PR und Mythos, soooooo gut war sie nicht. Zum Schluß hatte "der liebe Gott" Mitleid mit ihr und hat sie zu sich genommen.
geroi.truda 24.07.2011
2. *
Zitat von sysopIhr früher Tod schockiert die Musikwelt. Doch die britische Soulsängerin Amy Winehouse ist nicht die Erste, die der Sucht zum Opfer fällt - und wird kaum die Letzte sein: Musik, Kunst und Drogen sind seit langem unzertrennlich. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,776313,00.html
Zu Shakespeares Lebzeiten (1564-1616) kann das allerdings kaum gewesen sein, kamen doch die ersten Cocosträucher erst 1750 aus Südamerika nach Europa und wurde das Kokain erstmals 1859/1680 isoliert...
E. Bär, 24.07.2011
3. Mal nebenbei
Zitat von sysopIhr früher Tod schockiert die Musikwelt. Doch die britische Soulsängerin Amy Winehouse ist nicht die Erste, die der Sucht zum Opfer fällt - und wird kaum die Letzte sein: Musik, Kunst und Drogen sind seit langem unzertrennlich. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,776313,00.html
Und wieviele "stinknormale" lohnabhängig Beschäftigte quälen sich täglich mit Sex, Drugs und Rock'n'Roll durch den leistungsbetonten Wettbewerb des ganz durchschnittlichen Arbeitslebens? Amy Winehouse und andere sind nur die Spitze des Eisbergs in dem Hamsterrad, in dem wir alle rennen müssen. Anyway, rest in peace, Amy.
Ronnie68, 24.07.2011
4. nie kann jemand etwas dafür
---Zitat von Pitzke aus dem Artikel--- Doch nicht nur die Medizin weiß inzwischen, dass Alkoholismus und Sucht keine Laster sind oder moralische Verfehlungen, sondern echte Krankheiten. Sprich: Die Betroffenen können nicht anders, selbst wenn sie wollten. Das ist eine Erkenntnis, mit der private Suchtzentren und Therapiegruppen schon lange operieren. ---Zitatende--- Es scheint in unserer Gesellschaft immer hoffähiger zu werden, jede Verantwortung für das eigene Tun auf eine Krankheit oder Sucht zu schieben. Das ist zu einfach - viel zu einfach. Inbesondere die von Herrn Pitzke zitierten Celebrities hatten noch den Vorteil, sich die bestmögliche Hilfe zu holen, wenn sie denn nur wollen.
Spinatwachtel 24.07.2011
5. könnte es sein,
Zitat von sysopIhr früher Tod schockiert die Musikwelt. Doch die britische Soulsängerin Amy Winehouse ist nicht die Erste, die der Sucht zum Opfer fällt - und wird kaum die Letzte sein: Musik, Kunst und Drogen sind seit langem unzertrennlich. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,776313,00.html
dass hier ein Mensch einfach "NO-NO-NO" zur Welt in der lebte gesagt hat? Ich wünsche Amy einen guten Flug!
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