Starsopranistin Sanft gedonnert, blitzgescheit

Sie singt nicht nur Händel, Mozart und Berlioz, sondern unternimmt auch Seitensprünge mit Elvis Costello und Abba: Die Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter traut sich was. Selbst wenn sie Bach singt, klingt es wie ein Abenteuer.

Von


Johann Sebastian Bach: immer noch das Maß vieler Dinge. Für Sänger sind die vertrackten Melodieführungen in Kantaten und Oratorien ein heikler Prüfstein, atemtechnisch ebenso wie bei Ausdruck und Gestaltung. Ein Bach-Album bietet da meist wenig Raum zu eitler Selbstdarstellung, doch viel Gelegenheit zum gepflegten Scheitern.

Bach-CD von Mezzosopranistin von Otter: Wenig Raum zu eitler Selbstdarstellung

Bach-CD von Mezzosopranistin von Otter: Wenig Raum zu eitler Selbstdarstellung

Anne Sofie von Otter packt auf ihrer jüngsten CD "Bach" den Stier bei den Hörnern: Ihr souverän persönlicher Bach-Ansatz macht aus der Musik des Thomaskantors eine Höllenfahrt zwischen Andacht und Abgrund.

Der widersprüchlichen Geschmeidigkeit der Stücke entlockt die Mezzosopranistin schroffe Nuancen - im Gegensatz zum liturgisch zurückhaltenden business as usual, das Kantaten und Messen oft durch bemühte Interpreten erfahren.

Beweisen muss Anne Sofie von Otter nichts mehr: Seit sie 1984 unter Giuseppe Sinopoli in Rom und im selben Jahr beim Aix-en-Provence-Festival debütierte, ging es mit ihrer Karriere steil aufwärts. Die in Stockholm geborene Diplomatentochter hat sich inzwischen auch ans Wagner-Fach herangepirscht und sang 2007 erstmals die Brangäne im "Tristan".

Im gleichen Jahr erntete sie Respekt und Auszeichnung mit ihrem ambitionierten "Theresienstadt"-Projekt, das sie gemeinsam mit dem Violinisten Daniel Hope realisierte. Es war der Musik jüdischer Künstler gewidmet, die die Nazis im KZ Theresienstadt inhaftiert hatten.

Stilistische und künstlerische Spagate sind das Markenzeichen von Otters. So gehören zu ihrem CD-Repertoire selbstverständlich auch schwedische Komponisten, die außerhalb ihrer Heimat nur wenig bekannt sind. Ihre Kooperation mit den Abba-Granden Björn und Benny, die zu dem Album "I Let the Music Speak" (2006) führte, überraschte ebenso wie ihr buntes Album mit dem britischen Songwriter Elvis Costello ("For The Stars", 2001), das eigenwillig interpretierte Songs von den Beatles über Ron Sexsmith bis hin zu Tom Waits präsentierte.

Stemmen andere Künstler solche Projekte, leitet das oft den Ausverkauf ihrer Glaubwürdigkeit ein. Nicht bei Anne Sofie von Otter: Über schwindende "E-Musik"-Reputation musste sich die Schwedin niemals Sorgen machen.

Wieso auch, klingen doch ihre Barock-Veröffentlichungen stets beseelt und einfühlsam. Fürs jüngste "Bach"-Projekt fand sie kompetente Unterstützung durch den dänischen Dirigenten, Cembalisten und Organisten Lars Ulrik Mortensen und sein Ensemble Concerto Copenhagen.

Mortensen war Schüler von Trevor Pinnock und gilt inzwischen ebenfalls als hochkarätiger Barock-Spezialist. Offenbar gelangten alle umweglos zu großer interpretatorischer Übereinstimmung: Der große, pulsierende Klangfluss sowie perfekt abgestimmte Tempi und dichte Dynamik sorgen für aufregende und verblüffende Momente in nahezu jedem Stück des Albums.

Das bekannte "O Ewigkeit, du Donnerwort" (Kantate BWV 60) klingt dann fast sanft und versöhnlich, während "Nichts kann mich erretten" (BWV 70) wunderbar blitzend zwischen Schrecken und Zuversicht pendelt - ein Highlight der doppelbödigen, vielschichtigen Interpretation von Otters, die die drohende Hölle immer durchschimmern lässt. Schon das Cover erinnert mit seiner schlau-verhaltenen Filmplakat-Optik eher an einen kultivierten Gruselschocker à la "The Others" denn an fromme Himmelsbotschaft.

Das ist gekonnt gespenstisch und viel spannender als die pure frohlockende Heiligkeit. Entsprechend trocken und hochkonzentriert intoniert das Concerto Copenhagen, und auch Lars Erik Mortensens Orgel-Parts klingen zurückhaltend kühl, was den Gesang von Otters wunderbar unterstreicht.

Wem Johann Sebastian Bachs sakrale Musik bisher zu sperrig war: Anne Sofie von Otters exquisites Recital-Menü macht Appetit auf mehr.


CD Johann Sebastian Bach: "Bach-Arien" von Anne Sofie von Otter, I.U. Mortensen, Concerto Copenhagen (Archiv Produktion).



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.