Stephan Remmler Cooler Rentner auf Heimaturlaub

So entspannt muss man erst mal sein: Stephan Remmler, einst Chef der NDW-Gruppe Trio, kehrt nach zehn Jahren Pause mit einem neuen Album zurück. Am lässig gebrummelten Minimalsound hat sich nicht viel geändert, an der inneren Haltung des 59-Jährigen hingegen schon.

Von Thomas Winkler


Potsdam-Babelsberg, Sendezentrum des Rundfunk Berlin-Brandenburg. Der Sendetermin des vorabendlichen Kulturprogramms rückt näher. Der Assistent bittet zur Lichtprobe. Stephan Remmler witzelt: "Hast Du etwa unser Lichtdouble vergessen?" Die ebenfalls nicht ganz ernst gemeinte Antwort: Man habe niemanden auftreiben können, der so braun gebrannt gewesen wäre wie das abzulichtende Original.

Diese kleine Episode illustriert dreierlei. Erstens: Stephan Remmler ist wieder da. Zweitens: Gut schaut er aus. Und drittens: Remmler reißt Witze und die Menschen finden sie witzig. Es ist also immer noch alles beim Alten.

Pop-Rentner Remmler: "Immer ironisch"
Sony BMG

Pop-Rentner Remmler: "Immer ironisch"

Neu ist aber "1, 2, 3, 4…", das erste Album von Stephan Remmler seit zehn Jahren. 20 Jahre ist es sogar her, seit er mit "Keine Sterne in Athen" seinen letzten richtigen Hit hatte. 27 Jahre alt wären mittlerweile Trio, jene Erfolgsband der Neuen Deutschen Welle, mit der Remmler sogar zu internationaler Prominenz gelangte, bevor er sie auflöste. Und gar mehr als 35 Jahre ist es her, seit er als Schlagersänger Rex Carter erste Gehversuche im Musikgeschäft unternahm.

Heute ist Remmler 59 Jahre alt, hat immer noch kein Gramm zu viel, nur ein paar Falten mehr als früher. Die Haare sind wie stets zur Beinaheglatze geschoren, ein wenig grau geworden ist er an den Schläfen. Dafür hat er seinen Sohn dabei. Den ältesten von dreien, die Remmler zusammen mit seiner brasilianischen Frau zwischen Lanzarote und Basel aufzieht. Cecil Carlos Remmler wird demnächst in Boston Filmmusik-Komposition studieren und hat zusammen mit Papa die neue Platte produziert. Von ihm stammen zum großen Teil die bisweilen recht elegant tröpfelnden Rhythmustracks, die einerseits die letzten Jahre der Clubkultur zitieren, andererseits den Minimalismus von Trio.

Über diesen entspannten Beats brummt der Vater ein paar Texte aus Trio-Zeiten und viel neues Material, das aber die alten Qualitäten hat: Lakonisch, norddeutsch trocken, ein wenig klamaukig, mit einem Witz, den nicht jeder verstehen mag. Bisweilen noch nicht einmal der Urheber selbst: "Ist auf dem Album denn überhaupt so viel Humor drauf?", fragt Stephan Remmler. "Aber ja doch", antwortet Sohn Cecil.

Dieses innerfamiliäre Missverständnis ist nur Teil eines größeren Komplexes aus Widersprüchen, die die Person Stephan Remmler umgeben. Zu Trio-Zeiten galt sein Humor als Versöhnung von Dada und Punk, Rocktraditionen fanden glücklich zusammen mit deutscher Unterhaltungsmusik. Doch viele Trio-Fans wollten nichts mehr von ihm hören, als er sich als Solo-Künstler völlig neue Märkte erschloss: Die Single "Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei" wird noch heute, 19 Jahre später, gern beim Karneval und in Bierzelten gespielt.

Dabei war "die Wurst", wie Remmler den Song etwas abfällig nennt, geplant als Couplet: Die eigentlich vorgesehene reduzierte Klavierbegleitung, so Remmler, hätte das Hintersinnige des Textes besser herausgearbeitet und ihn in eine Reihe gestellt mit Liedern von Georg Kreisler. Die aktuelle Single nun hat wieder geteilte Meinungen hervorgerufen: "Frauen sind böse" ("Frauen sind böse, woll'n zerstör'n/ Woll'n viel reden, können nicht hör'n") wird von manchen Radiosendern nicht gespielt. Der Vorwurf: Der Song sei frauenfeindlich. Das ist natürlich nicht wahr. Der Song ist ironisch. Er ist vielleicht nicht allzu komisch, aber er ist ironisch. "Ich kann gar nicht anders", sagt der Beschuldigte und diagnostiziert bei sich grundsätzliche "große Schwierigkeiten mit Pathos".

Nur: Popmusik, erfolgreiche Popmusik jedenfalls, gründet traditionellerweise auf Pathos. Aber die dafür nötige Eindeutigkeit, sagt Remmler, die kann er nicht. Will er wohl vor allem nicht. Aus dieser Ablehnung ergibt sich, auch wenn er meist "nur kleine Alltagsgeschichten" in Reime fasst, "eine Vielschichtigkeit", die zwar sehr unterschiedliches Publikum anspricht, aber auch jeweils bei anderen Ablehnung hervorruft.

"Eine Gratwanderung", sagt Remmler, und: "Manche verstehen mich anders, als ich das verstehe, aber ich bestehe nicht darauf, dass jeder das so versteht wie ich. Ich kann mich nicht darum scheren." Remmler wünscht sich als Hörer zwar "kompetente Partner und keine Dummbeutel", aber er will auch "nicht der große Missverstandene" sein, will verständlicherweise nicht als ein Versehen in die Geschichte der deutschen Popmusik eingehen.

Zu Versicherung seiner Bedeutung in derselben hat er sich einen Haufen prominente Gäste auf das Album eingeladen. Neben anderen sind Seeed, Deichkind, Thomas D. von den Fantastischen Vier, Señor Coconut, El*ke und Heinz Strunk gekommen, um ihre Ehrerbietung darzureichen.

"Das hat Spaß gemacht", sagt Remmler. Überhaupt ist "Spaß" sein Lieblingswort. Wegen ihm ist er zurückgekommen nach zehn Jahren, in denen er "keine Lust mehr hatte, mein Gesicht zu zeigen". Denn finanziell hat es Remmler längst nicht mehr nötig. Erst unlängst wurde "Da Da Da" wieder einmal für eine Werbekampagne in den USA eingekauft. Demnächst wird Christina Aguilera für Pepsi deutschen Minimalismus-Pop singen. "Ich habe so viel Geld verdient", sagt er, "dass ich immer die Musik machen konnte, die ich machen wollte". Er spricht es norddeutsch "Mu-sick" aus und man darf es ihm glauben, wie er da sitzt in Shorts und Freizeithemd, Goldkettchen um den Hals, ein Rentner auf Heimaturlaub. Da ist einem die Musik alles andere, aber bestimmt nicht Broterwerb. Das ist in dieser Branche nicht normal.

Den fehlenden Druck kann man hören auf "1, 2, 3, 4…". Oft tut das der Musik auf dem Album gut. Manchmal auch nicht. Stephan Remmler dürfte es egal sein. In vier Tagen lässt er das Geschäft wieder hinter sich. In vier Tagen fliegt er sein Gesicht wieder heim nach Lanzarote. Gut schaut er aus, der Stephan Remmler.


Stephan Remmler: "1, 2, 3, 4…" (It Sounds/SonyBMG)



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