Stevie Wonder In die Jahre gekommen, um zu bleiben

Einem Jahrhundertkünstler sieht man so einiges nach. Zum Beispiel, wenn er ein Album zehn Jahre vor sich herschiebt. Wie gut, dass Stevie Wonder doch noch ins Studio gegangen ist: Das Soulgenie hat wieder herrlichen Pop geschaffen.

Von Jonathan Fischer


Sechs Jahre ist es her, dass Stevie Wonder zum letzten Mal Schlagzeilen machte. Der Sänger kündigte damals den Gemeindemitgliedern seiner Detroiter Kirche an, er werde sich operativ einen Mikrochip einsetzen lassen, der ihm sein Augenlicht zurückschenken werde. Wonder ist noch immer blind. Doch egal ob man die Sache mit dem Mikrochip einem Publicity-Gag oder seinen esoterischen Neigungen zuschreibt: Man darf nun wieder über Stevie Wonder, den genialen Komponisten, Arrangeur, Produzenten und Sänger reden.

Soulsänger Wonder: "Alles hat seine Zeit"

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Gerade hat der für seine Pedanterie berüchtigte Musiker nach vielen verschobenen Veröffentlichungsterminen sein neues Album "A Time To Love" auf den Markt gebracht. Und damit eine Phase beendet, in der seine Achtziger-Jahre-Klassiker wie "I Just Called To Say I Love You" zwar als Frühstücksradio-Evergreens durch die Welt dudelten, Stevie Wonder selbst aber als untergetauchtes Soul-Fossil galt.

Wonders letztes, mäßig erfolgreiches Opus "Conversation Peace" liegt immerhin schon zehn Jahre zurück, in die Top Ten schaffte es die Musiklegende zuletzt vor 20 Jahren. Neue R'n'B-Stars wie Usher, Alicia Keys und Kanye West haben dem Veteranen längst den Rang abgelaufen. Zwar thront Stevie Wonder mit John Lennon und Paul McCartney seit den siebziger Jahren auf dem Olymp des melodischen Popsongs, spielen sogar Jazzer, die gern ein paar anspruchsvolle Soulnummern im Repertoire haben, seine Kompositionen nach.

Doch Wonders kreative Schaffenskraft schien mehr oder minder versiegt. Zu unregelmäßig kamen seine neuen Alben, zu wenig scherte er sich um die Weiterentwicklungen der Popmusik: So fielen die meisten seiner Werke seit Mitte der achtziger Jahre musikalisch durch. Die Kritiker jedenfalls konnten den zu Synthesizer-Begleitung und einer kühl scheppernden Drum Box inszenierten Love-Songs wenig abgewinnen. Mit "A Time To Love" aber scheint Stevie Wonder einen neuen Weg zu gehen. Zumindest streckenweise erinnert die warme, soulige Produktion an die glorreichen Zeiten, in denen aus dem Wunderkind der erste schwarze Superstar des Pop wurde.

"Stevie hat immer ein unschlagbares Timing", kündigte Sylvie Rhone, die Präsidentin von Wonders Plattenfirma Motown, das neue Album an: "Die Welt hungert mehr denn je nach der Sorte Botschaft, die nur er uns zu geben vermag. Niemand kann wie Stevie Wonder gleichzeitig unsere größten Hoffnungen erleuchten, unsere tiefsten Ängste besänftigen und uns auf einen musikalischen Höhenflug mitnehmen."

Zunächst einmal aber tönt das Album angenehm zeitlos. Keine Drum-Box-Exzesse, dafür richtiges Schlagzeug und satte Arrangements. Anders als viele Kollegen hat Multi-Instrumentalist Wonder darauf verzichtet, seiner neuen Platte zeitgemäße Rap- und HipHop-Ingredienzen beizumischen. Dafür besinnt er sich auf die Kunst, aus guten Melodien auch atmosphärisch dichte Songs zu machen. Seine erste Single "So What The Fuss" funktioniert auf dem Dancefloor wie im Kopf. Ein Synthesizer-Riff bildet das Gerüst, Kollege Prince steuert seine Funk-Gitarre bei, und Wonder lässt im Gesang seiner überschäumenden Leidenschaft freien Lauf - die Lyrics ein Aufschrei gegen die Menscheitsübel Rassismus, Ignoranz und Heuchelei. Es ist der klassische Wonder-Mix: utopisch aber unsentimental, sozial engagiert und gleichzeitig restlos funky.

Doch nicht alle Songs überzeugen mit solch monumentaler Wucht. Eher funktioniert "A Time To Love" als Gemischtwarenladen: Die Midtemponummer "From The Bottom Of My Heart" etwa führt mit jazzigen Harmoniewechseln und Harmonika Wonders Tradition der großen Liebessongs weiter, die vor vier Jahrzehnten mit "You Are The Sunshine Of My Life", "Cherie Amour" und "For Once In My Life" begann. Auf dem im achtziger Jahre Soulfunk-Gewand daherkommenden "Positivity" duettiert er mit seiner Tochter Aisha, vor 29 Jahren der Auslöser des Songs "Isn't She Lovely".

Neosoul-Star Badu: Reverenz an den blinden Übervater
Foto: Leroy Roper

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Und auch sonst stellt sich Wonder gern in die eigene Geschichte: Einlagen von Paul McCartney und Bonnie Raitt beschwören die gemeinsam geprägte Vergangenheit, während Gastsängerin India.Arie daran erinnert, wie viel die Neo-Soul-Youngster von Erykah Badu bis Raphael Saadiq dem blinden Übervater verdanken. Dennoch: Der Soul-Veteran hätte gut daran getan, einen jungen, hippen Produzenten mit an Bord zu nehmen.

So geraten viele seiner Nummern allzu sauber und kantenlos, beinahe wie schwache Remakes vergangener Hits. Und trotz des Songs "Shelter In The Rain", den Wonder nachträglich den Opfern des Hurrikans "Katrina" widmete, bleibt er politisch recht vage. "Dinge, die wir uns niemals vorstellen konnten, sind passiert", kommentierte er die Katastrophe. "Wie sehr wir auch gewachsen sein mögen, es war immer noch zu wenig." Irgendwann aber wirken auch die auf "A Time To Love" ständig wiederholten Apelle an die Liebe nur zahnlos und zahm. Umso mehr als Stevie Wonder sich immer durch seinen Mut zum Widerstand auszeichnete.

Genau genommen war sein ganzes Leben ein Überwinden eigener und fremddiktierter Grenzen: Aufgrund einer Überdosis Sauerstoff im Inkubator kurz nach seiner Geburt am 13. Mai 1950 erblindet, trat Steveland Judkins mit dem dreifachen Handicap an, arm, schwarz und blind zu sein. Den Erfolg, in den er seine vermeintliche Behinderung ummünzen konnte, lässt sich mit Zahlen wie 30 Top Ten Hits, 70 Millionen verkauften Platten und 19 Grammys nur unzureichend beschreiben. Das "Little Stevie Wonder" getaufte Wunderkind beherrschte bereits Piano, Congas und Harmonika, als es mit elf Jahren bei Motown unterschrieb.

Nach Hits wie "Signed Sealed Delivered I'm Yours" und "Fingertips Part Two" gehörte Wonder bald auch zu den besten Songwritern der Hitfabrik. Er rebellierte erfolgreich gegen seine Arbeitgeber und setzte in seinem neuen Vertrag eine zu seiner Zeit unerhörte finanzielle und kreative Mitsprache des Künstlers durch. Er schrieb, sang, spielte, arrangierte und produzierte in der Folge alle seine Platten selbst.

Popveteran McCartney: Legenden unter sich
AFP

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In den Siebzigern überführte er den Rhythm 'n' Blues in das Zeitalter des Synthesizers und der Konzeptalben. Seine Platten aus dieser von Vietnam-Krieg, Rassenspannungen und Hippie-Ideologien geprägten Dekade - "Talking Book", "Innervisions" und "Songs In The Key Of Life" - stellen immer noch Glanzlichter der Popgeschichte dar. Songs wie "Living In The City", "You Haven't Done Nothing" oder "Higher Ground" überhöhten soziale und politische Anliegen mit klanglichen Experimenten und Wonders Gospel-Appeal.

Heute zehrt Stevie Wonder von seinem Legendenstatus. Niemand außer ihm kann sich erlauben, ein Album zehn Jahre lang vor sich herzuschieben. Die Verzögerung, erklärte der Sänger, habe nichts mit den wechselnden Popmoden oder seiner eigenen kreativen Unschlüssigkeit zu tun. "Schließlich hat alles seine Zeit. Die Liebe, der Hass, die Ruhe und der Sturm."

Seine letzten Jahre will Wonder wenn nicht im Studio, dann vor allem mit seinen sieben Kindern verbracht haben. Sein jüngster Sohn, Mandla Kadjaly Carl Steveland Morris, wurde dieses Jahr am 55. Geburtstag des Sängers geboren. Doch auch wenn Wonder sich in den nächsten Jahren auf das Produzieren von Kindermusik verlegen sollte: Sein musikalischer Ruf ist immer noch stark genug, dass Musikerkollegen alles liegen und stehen lassen, um nur bei einem einzigen seiner Songs mitwirken zu dürfen.

So schreibt der symphonische Funk von "If Your Love Cannnot Be Moved" schon deshalb Geschichte, weil er Rapper und Beatboxer Doug E. Fresh, einen afrikanischen Trommler, Streicher, einen Gospelchor unter der Leitung von Kirk Franklin und eine jazzige Melodie zu einem organischen Popsong zusammenzuschweißen vermag. Wer außer Stevie Wonder bringt dieses Kunststück schon fertig?


"A Time To Love" ist bei Motown/Universal erschienen.



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