Sting im Interview "Medien schaffen Monster. Auch Donald Trump"

Sting veröffentlicht mit "57th & 9th" sein erstes Popalbum seit vielen Jahren. Hier spricht der britische Popstar über sein schwieriges Image, seinen einsamen 65. Geburtstag und Empathie für syrische Flüchtlinge.

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Ein Interview von


Zur Person
    Sting, bürgerlich Gordon Matthew Sumner, wurde 1951 in Wallsend im Nordosten Englands geboren. Mit mehr als 100 Millionen verkauften Tonträgern gehört er zu den weltweit erfolgreichsten Musikern. Von 1977 bis 1984 war der ausgebildete Lehrer Sänger der Rockband The Police ("Roxanne"). Nach einem Musical und einigen klassisch orientierten Arbeiten veröffentlicht er am 11. November sein erstes Pop-Album seit 2003. Sting ist seit 1992 mit seiner zweiten Ehefrau Trudie Styler verheiratet. Er lebt in New York, London oder auf seinem Landgut in der Toskana.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich oft als Einzelgänger bezeichnet. Suchen Sie die Einsamkeit absichtlich?

Sting: Ja, ich verbringe viel Zeit alleine und weiß das sehr zu schätzen. Am Vorabend meines Geburtstags habe ich vor kurzem in Australien in einem Fußballstadion gespielt. Aber den Tag danach habe ich komplett alleine in meinem Hotelzimmer verbracht. Mein ganzes Leben scheint aus Extremen zu bestehen. Es ist eine extreme Situation, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, nicht nur von 100.000 im Stadion, sondern auch noch vier, fünf Millionen, die am Fernseher zuschauen. Das kann einem den Kopf verdrehen. Es ist berauschend, es ist ermächtigend und es schafft alle möglichen Zerrbilder von dir selbst. Das verlangt nach Phasen der Reflexion, um alles zu sortieren. Ich bin nicht unsozial oder so etwas, ich brauche nur ab und zu Ruhe.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden Anfang Oktober 65. Was bedeutet das für Sie?

Sting: Es zwingt mich, über Sterblichkeit nachzudenken. Meine Eltern sind nicht so alt geworden: Mein Vater war 60, als er starb, meine Mutter 54. Auf meinem neuen Album gibt es den Song "50.000", der meinen Zeitgenossen und Weggefährten gewidmet ist, die dieses Jahr gestorben sind: David Bowie, Prince, mein Freund Alan Rickman. Mit 65 hat man den größeren Teil des Lebens hinter sich. Aber das ist für mich kein morbider Gedanke, es macht mich, im Gegenteil, eher vitaler: Jeder Moment erhält Signifikanz. Und ich versuche, aus jedem einzelnen das Maximum herauszuholen. Das ist gut.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es deshalb auf Ihrem Album nach langer Zeit mal wieder einige schnellere Rock-Stücke?

Sting: Ich habe diesem Album absichtlich einen künstlichen Zeitrahmen gegeben. Ich wollte es innerhalb von drei Monaten abgeschlossen haben. Dieser selbst erzeugte Zeitdruck sorgt sicher für eine Unmittelbarkeit und Energie, die sonst nicht da gewesen wäre, vielleicht auch für einen gewissen Rock'n'Roll-Spirit. Ich ging ins Studio ohne eine Ahnung, was wir dort machen würden. Es gab keine Idee, null!

SPIEGEL ONLINE: Vor Jahren litten Sie an einer Schreibblockade. Hatten Sie Angst, das könnte Ihnen wieder passieren?

Sting: Schreibblockade klingt sehr dramatisch. Ich musste erkennen, dass meine Arbeit saisonalen Schwankungen unterliegt. Es gibt eine Saison fürs Schreiben und Touren, es gibt eine für Aufnahmen im Studio - und eine Saison zum Leben. Seit ich diesen Zyklus gelernt habe, bin ich viel entspannter. Ich dachte immer, ich muss andauernd schreiben. Und wenn es nicht ging, dachte ich, es muss eine psychische Blockade sein. Das ist Quatsch! Du musst für Input sorgen: Reisen, Wandern gehen, mit den Kindern spielen, Fußball gucken: Alles, irgendwas, aber bloß nicht anfangen, mit dir zu hadern.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Sie durch die Beschäftigung mit ihrer Kindheit in der Schiffsindustriestadt Wallsend für das Musical "The Last Ship" wieder Zugang zum Songwriting fanden?

Sting: Ja, ich fand Inspiration darin, mich einer Vergangenheit zuzuwenden, der ich lange davonlaufen wollte. Das war, wenn Sie so wollen, meine tiefenpsychologische Reise zu mir selbst, zu dem, was ich wirklich bin. Es ist wichtig, immer wieder zurückzugehen, herauszufinden, warum ich so denke, wie ich denke - oder warum ich mich so verhalte, wie ich es tue. Das ist nicht immer angenehm, ganz im Gegenteil. Aber letztlich hat es etwas sehr Befreiendes, Kathartisches. Es ist eine Art Therapie.

SPIEGEL ONLINE: Sie wirken stets, auch jetzt, sehr analytisch und abgeklärt. Gibt es noch Momente, in denen Sie die Fassung verlieren?

Sting: Wenn ich richtig sauer werde, dann merken Sie es daran, dass ich meinen Heimatdialekt benutze…...

SPIEGEL ONLINE: … ... einen nordenglischen Geordie-Akzent…

Sting: ... ich mache das völlig unbewusst, es ist sehr aggressiv, sehr furchterregend. Meine Kinder kennen das, sie wissen dann, dass es ernst wird.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie sich eigentlich bewusst, dass Sie - bei aller Popularität - als schwierig, wenn nicht abgehoben und arrogant gelten?

Sting: "Ich bin professioneller Musiker. Ich spiele überall"
DPA

Sting: "Ich bin professioneller Musiker. Ich spiele überall"

Sting: Sagen wir, ich spalte. Damit kann ich leben.

SPIEGEL ONLINE: Gerade in der Beschäftigung mit verstorbenen Musikerkollegen: Wie wichtig ist es Ihnen, geliebt zu werden, auch über den Tod hinaus?

Sting: Ich muss nicht geliebt werden. Ich möchte eher respektiert werden. Meine Frau liebt mich, das ist genug. Aber zu wissen, dass meine Arbeit auf demselben Level geschätzt wird, auf dem ich sie gestaltet habe, das bedeutet mir durchaus etwas. Wenn jemand sagt, er versteht den Symbolismus hier oder eine Metapher dort, dann macht mich das glücklich. Letztlich ist es aber nicht wichtig. Nichts davon.

SPIEGEL ONLINE: Dann zu wichtigeren Dingen: Auf Ihrem Album gibt es den Song "Inshallah", der von Flüchtlingen aus dem Bürgerkrieg in Syrien handelt. Zur Vorbereitung haben Sie sich mit geflüchteten Musikern in Berlin getroffen.

Sting: Einige von ihnen kamen aus Aleppo, übrigens das musikalische Zentrum der arabischen Welt. Für mich war es wichtig, die Menschen zu treffen, über die ich in dem Lied singe, ihre Geschichten zu hören, mit ihnen gemeinsam Musik zu machen. Und ultimativ wollte ich auch ihre Erlaubnis, ihre Musik spielen zu dürfen. Ich biete mit diesem Song keine politische Antwort für die Flüchtlingskrise an. Wenn es eine Lösung gibt, dann kann sie nur in Empathie begründet liegen. Stellen Sie sich selbst vor, als Vater oder Ehemann in einem Boot auf dem Mittelmeer, auf der Flucht vor Gefahr. Das wäre ein Anfang, nicht weiter als eine Übung in Mitgefühl.

SPIEGEL ONLINE: Vor 30 Jahren waren Sie zusammen mit zahllosen anderen Künstlern an dem Benefiz-Konzert "Live Aid" beteiligt. Warum gibt es solche Solidaritätsaktionen nicht angesichts der Leiden in Aleppo?

Sting: Mein guter Freund Bob Geldof, der übrigens auch gerade 65 geworden ist, nennt das "Mitleidsmüdigkeit". Ich halte das für eine sehr reale Sache. Wir werden 24 Stunden am Tag mit News bombardiert, das ist sehr ermüdend. Ich glaube nicht, dass es früher weniger Gewalt in der Welt gab, vermutlich gab es noch viel mehr. Der Unterschied ist, dass wir heute über alles Bescheid wissen. Wenn etwas 5000 Meilen von hier entfernt passiert, wissen wir binnen Sekunden davon.

SPIEGEL ONLINE: Das führt zu mangelnder Empathie?

Sting: Es schürt Ängste und Besorgnis. Und das wiederum nützt Leuten, die daraus politisches Kapital schlagen wollen. Viele Populisten und Hardliner feiern gerade Erfolge: der türkische Präsident Erdogan, Wladimir Putin, Duterte auf den Philippinen, sie ernähren sich von Angst. Und ich glaube, die Nachrichtenmedien füttern sie zusätzlich. Manchmal erzeugen sie Hysterie und schaffen dadurch Monster. Die Medien haben auch Donald Trump gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie in Syrien auftreten, wenn man sie einlädt?

Sting: "57th & 9th" - Kurzkritik
  • Wer den Rock-Songwriter Sting vermisst hat, kommt mit "57th & 9th" (ab 11. November) auf seine Kosten: Songs wie "I Can't Stop Thinking About You" oder "50.000" könnten auch aus seligen, späten Police-Tagen stammen. Spontaneität war Programm bei den Aufnahmen zu Stings erstem Pop-Album seit "Sacred Love" (2003), betitelt nach der belebten Straßenkreuzung in Manhattan, die Sting auf dem Weg von seinem Apartment zum Studio passierte. Überthema sind Reflexionen über Ruhm, Romantik und das Älterwerden, es geht aber auch um Politisches: "Inshallah" ist eine sehnsuchtsvolle Ballade über das Leid syrischer Flüchtlinge, "One Fine Day" nimmt Klimawandel-Skeptiker aufs Korn, "Pretty Young Soldier" handelt gar von Crossdressing in der Kriegshistorie. Einen einheitlichen Stil zwischen juveniler Rock-Frische und gediegenem Adult-Pop findet das allzu glatt produzierte Album nicht, aber es wirkt inspirierter als Stings kunstsinnige Klassik- und Kammermusik-Exkurse der letzten Jahre. (bor)

Sting: Ich spiele überall, wenn ich die Sicherheit des Publikums und meiner Band gewährleisten kann. Ich sollte kurz nach dem Militärputsch in der Türkei auftreten, habe mich dann aber dagegen entschieden: Die Lage war einfach zu verworren, es schien nicht sicher. Ich halte nichts von kulturellen Boykotten, das hinterlässt Gesellschaften nur noch paranoider und isolierter. In Südafrika hat es damals funktioniert, weil sich der Boykott ganz spezifisch gegen ein bestimmtes Regime richtete. Man kann so etwas politisch einsetzen, aber man muss es klug anstellen.

SPIEGEL ONLINE: War es klug, sich vor einigen Jahren für eine Millionengage von der Tochter des ehemaligen Diktators Islom Karimov nach Usbekistan auf ein Musikfestival einladen zu lassen? Seither wird Ihnen immer wieder Heuchelei vorgeworfen, wenn Sie sich politisch äußern.

Sting: Damit muss ich als öffentliche Person umgehen. Ich bin professioneller Musiker: Jemand bietet mir einen Gig in Usbekistan an? Für einen Haufen Kohle? Zur Hölle, natürlich mache ich das. ich verlasse mich darauf, dass die Musik einen positiven Effekt auf das Publikum hat.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht naiv?

Sting: Schauen Sie, ich bin jemand, der sehr neugierig auf die Welt ist, und es fasziniert mich, solche Gelegenheiten ergreifen zu können, um bizarre Orte und die Menschen, die dort leben, kennenzulernen. Und ich mag die Absurdität daran.

SPIEGEL ONLINE: Es ist also vor allem ein Kick?

Sting: Es ist ein Kick. Und Kitsch.



insgesamt 6 Beiträge
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ratonraton 11.11.2016
1.
Waren Fragen an Sting über sein Weingut in Frankreich erlaubt? Soviel Geldliebe kann den Lohn der Arbeiter (vorwiegend Flüchtlinge) auf Sting's Weinberg schon mal etwas drücken. Schöne Grüße aus Brasilien!
multimusicman 11.11.2016
2. Ein gutes Interview mit einem Musiker
der seine beste Zeit längst hinter sich hat.... würde er ein Newcomer sein, sein neues Album würde kaum wahrgenommen werden, völliger durchschnittlicher Mainstream, warum berichtet Spiegel Online nicht über das zeitgleich erschienene Album von Emeli Sandé, was ein wahres Meisterwerk ist....
melnibone 11.11.2016
3. Die Medien haben längst ...
ihren Enthüllungs/Aufklärungsjournalismus auf die ´geneigten´ Regierungsbänke geparkt. Das ist mehr als traurig! Police war eine herausragene Band. Die Sicherheits- bzw Erkenntnisdemokraten ala Westernhagen und Sting im völlig gesetteltem Schaffenshorizont kotzen mich an. Für nichts während der Karrierewerdung zu stehen ... und als Millionäre plötzlich das Maul aufreißen. Tja ... in meinem Verständnis von reflektierender/partizipierender Gesellschaft sollten diverse Personengruppen um ein vielfaches mehr an ihrem Ausgangspunkt und momentanen ´Aufenthalt´ innerhalb der Gesellschaft wahrgenommen werden. Sting hatte nur um sich selbst Sorge.
mvvcyclist 12.11.2016
4. Geschmäcker sind verschieden! Diversity ist angesagt ...
Zum vorhergehenden Kommentar: also, mir sagt Emeli Sande ueberhaupt nichts - warum auch, muss man nicht kennen, oder? ... Wenn sie soviel erreicht haette wie Sting, würde SPON sicherlich darueber schreiben ... Da Sting sich auch in der Vergangenheit fuer Minderheiten, Gleichberechtigung und Armut eingesetzt, macht es sicherlich Sinn, Ihn um ein Interview zu bitten. Hat er nicht erwähnt, dass er in Berlin mit syrischen Flüchtlingen zusammengearbeitet hat? ... Zum Kommentar ... aus Brasilien ... Ich denke, dass Sting sich etwas dabei gedacht hat, Flüchtlinge in seinem Unternehmen einzustellen. Es ist doch besser so, als wenn sie in einem Flüchtlingslager zusammengepfercht sind, nicht? Ausserdem ist es eine sehr gute Integrationsmöglichkeit - fuer beide Seiten. Zum Thema könnte Ihr Beitrag passen, wenn Sie mit Sicherheit wüssten, dass Sting diese Mitarbeiter ausbeutet; das ist es doch, worauf sie spekulieren?! - aber leider nicht wissen ... Schöne Gruesse aus Kalifornien
crimadiloca 13.11.2016
5. Halb- und Viertelwissen;)
... es ist übrigens kein Weingut in Frankreich, sondern ein Olivengut in Italien (Toskana)...
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