Soundtrack zu "Stranger Things" Seltsam schön

Die Horrorserie "Stranger Things" ist bereits ein Hit auf Netflix, nun entwickelt sich auch der Soundtrack zum Erfolg. Tatsächlich zählt er zu den schönsten Elektro-Alben des Jahres.

"Stranger Things"
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Hin und wieder emanzipiert sich ein Soundtrack vom Film und entwickelt ein Eigenleben als Pop-Kunstwerk: Die Songs, die Quentin Tarantino für "Pulp Fiction" kompiliert hat, gehören dazu; Angelo Badalamentis Nachtmusik zu "Twin Peaks" natürlich; der Soundtrack zu Nicolas Windings Refns "Drive", der nach Mundpropaganda per Twitter überraschend auf Platz vier der iTunes-Charts einstieg.

Es mag Zufall sein, aber allen genannten Soundtrack-Alben ist gemeinsam, dass sie vom Vergangenen zehren - dem Pulp der Fünfziger- und Sechzigerjahre oder der Neon-Ästhetik der Achtziger beispielsweise. Der Soundtrack, den das Duo Survive für die Netflix-Serie "Stranger Things" geschrieben hat, reiht sich hier ein - hinsichtlich der Ästhetik, aber auch des Erfolgs. Nachdem "Stranger Things" (verfügbar seit 15. Juli) ohne größeren Werbeaufwand zu einer der beliebtesten Netflix-Serien geworden ist, entwickelt sich nämlich auch die Musik dazu zum Hit.

Zuerst erschien ein virtuelles Mixtape mit den Songs der Serie auf Spotify - von The Clash über Echo and The Bunnymen bis Joy Division. Dann folgte ein kleiner Internet-Hype um den Score: Das einminütige Titelstück, das zu Beginn jeder Episode auf zauberhafte Weise die Atmosphäre der gesamten Serie vorwegnimmt und verdichtet, fand sich schon bald nach der TV-Premiere auf Youtube. Netflix reagierte und veröffentlichte kürzlich auf iTunes ein Doppelalbum mit insgesamt 75 Stücken, die die Musiker Kyle Dixon und Michael Stein in enger Zusammenarbeit mit den Showrunnern der Serie Matt und Ross Duffer aufgenommen haben.

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"Stranger Things": Tor zu einer anderen Dimension

Dixon und Stein machen eigentlich mit zwei weiteren Bandmitgliedern unter dem Namen Survive Musik - und waren bis vor Kurzem nur Spezialisten bekannt, die auch in den entlegeneren Verästelungen des Synthwave-Genres unterwegs sind. Zu solchen Spezialisten gehörten wohl auch die Duffer-Brüder, denn die kontaktierten Survive im Sommer 2015 aus dem Nichts heraus. Die Duffers hatten einen alten Song der Band genommen, um einen Probe-Trailer für Netflix zu schneiden, mit dem sie ihre Serie bewarben. Als die Streamingplattform zugriff, waren plötzlich auch Survive mit an Bord.

Melancholie-Miniaturen

Das mit dem Geheimtipp-Status dürfte sich für Survive nun erledigt haben. Am 16. September erscheint der "Stranger Things"-Soundtrack nun auch auf CD, eine Vinyl-Veröffentlichung ist ebenfalls geplant. Und passenderweise haben Dixon und Stein gleich noch weitere Musik parat: Am 30. September erscheint das neue Survive-Album "RR7349", eine Tour wird folgen.

"Stranger Things" überzeugt als Serie nicht unbedingt durch Spannung, sondern reizt in seiner Fülle an Zitaten: Während die Bilder auf die großen Geschichtenerzähler der Fantastik der Achtzigerjahre, Stephen King und Steven Spielberg, verweisen, nimmt die Musik die geglättete Klangästhetik der damaligen Popmusik auf. Sie kehrt in den kurzen instrumentalen Stücken als analoge Synthesizer-Musik zurück.

Die repetitiven Klänge muten simpel an, sind aber, wie die gesamte Klangwelt von "Stranger Things", bis ins letzte Detail ausgearbeitet. Schönheiten finden sich unter den überwiegend unter der Zweiminutengrenze bleibenden Stücken einige: Schwebende Miniaturen wie "Kids", "Biking to School" oder "This Isn't You" wechseln sich mit düsteren Klangflächen ("Tendril") und Stress evozierenden Klängen ("Time for A 187", "They Found Us") ab. Selbst die eher funktionalen Stücke brauchen die Bilder nicht mehr, um zu wirken. Die Konstante wird von einer seltsam ungreifbaren Melancholie gebildet.

Im Jetzt und im Damals

Ohne Vorläufer ist diese Musik nicht, und sie will es auch nicht sein. Die Musik von John Carpenter schwebt als omnipräsente Inspiration über dem Soundtrack, was die überhaupt sehr zitierfreudige Serie auch nicht verheimlicht - in einer Episode wird direkt auf Carpenters Film "Das Ding aus einer anderen Welt" verwiesen. John Carpenter etablierte Ende der Siebzigerjahre mit "Halloween" unterkühlte Synthesizer-Klänge im Horrorgenre.

Mit ihren Miniaturen verorten sich Survive in der Nähe von Künstlern und Bands wie Oneohtrix Point Never oder Emeralds. Sie laden Klänge, die in einer nicht allzu weit entfernten Vergangenheit als ästhetisch modern galten, nostalgisch auf und unterlaufen Nostalgie im selben Zug, indem sie die Sounds verfremden.

In den Klanglandschaften von Survive wird gleichfalls das Vergangene aufgerufen. Doch in "Stranger Things" kehren die seltsameren Dinge der Achtzigerjahre nicht einfach in Form eines schicken Retro-Spektakels zurück. Die Serie macht vielmehr spürbar, welche immense lebensweltliche Bedeutung die zitierten Filme, Texte und Töne damals hatten. Die Musik muss also doppelten Zauber erzeugen, sie muss im Jetzt und im Damals funktionieren. Das gelingt dieser geisterhaften Musik ganz wunderbar - und macht den Soundtrack zu "Stranger Things" zu einem der schönsten Elektronik-Alben des Jahres.

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insgesamt 8 Beiträge
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gippertm 29.08.2016
1. Horrorserie ???
Ernsthaft, das ist die Neuauflage der Goonies aus den 80ern mit teilweise so penetrant nervenden Rollen, daß man echt nicht mehr möchte. Übrigens hat der "Hit auf Netflix" gerade mal 3 von 5 Sternen.
dahui 29.08.2016
2. ansonsten...
Zitat von gippertmErnsthaft, das ist die Neuauflage der Goonies aus den 80ern mit teilweise so penetrant nervenden Rollen, daß man echt nicht mehr möchte. Übrigens hat der "Hit auf Netflix" gerade mal 3 von 5 Sternen.
... Und eine IMDB-Bewertung von 9,1. Aber was ist das schon.
wind_stopper 29.08.2016
3. Netflix Rating
Zitat von gippertmErnsthaft, das ist die Neuauflage der Goonies aus den 80ern mit teilweise so penetrant nervenden Rollen, daß man echt nicht mehr möchte. Übrigens hat der "Hit auf Netflix" gerade mal 3 von 5 Sternen.
Netflix Deutschland? Zaehlt eh nicht. In USA und Kanada hat die Series eines der hoehsten Netflix-Rating insgesamt. Das nicht zu unrecht.
vonundzualoch1 29.08.2016
4. @gippertm
Absoluter Blödsinn. Ihre 3 von 5 Sternen rühren daher, dass Netflix ihre Bewertungen von ihren eigenen abhängig macht. Machen sie ein neues Profil, da hat die Serie ungefähr 4,9 von 5. Zurecht. Sorry, aber solche Falschmeldungen kann man so nicht stehen lassen.
blaehboi 29.08.2016
5. Sequencergeblubber
Das ist sicher kein schlechtes Handwerk und auch ein adequater Score für die Serie. Schicke, klassische analoge Synthisounds aus dem Vangelis und Jean Michel Jarre Soundbaukasten clever neu kombiniert zu einem quasi in Tradition des "Blade Runner" - Soundtracks stehenden mäßig neuen Klangkonglomerats. Aber offen gestanden ist mir für die äußerst wohlwollende, fast überschwänglich Kritik der Innovationsfaktor der Tracks doch zu überschaubar . Da gibt es viel Vergleichbares en masse in dem Genre. Und vor allem auch besseres.
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