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Shooting-Star Stromae: "Flirten ist scheiße"

Interview und Film von

SPIEGEL ONLINE

Ein französischer Song auf Platz eins der deutschen Charts? Seit "Ella, elle l'a" hat das nur Paul van Haver, alias Stromae, geschafft. Vor Beginn seiner ersten Deutschlandtournee erklärt der ruandisch-belgische Popstar, warum er eigentlich nicht auf Englisch singt und Flirten furchtbar findet.

SPIEGEL ONLINE: Monsieur van Haver, die französischen Medien feiern Sie als den neuen Jacques Brel. Stolz?

Stromae: Das ist ein schönes Kompliment, aber etwas respektlos.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Stromae: Man vergleicht nicht zwei Alben mit einer ganzen Karriere und schon gar nicht mit seiner.

SPIEGEL ONLINE: Ist Brel denn nicht Ihr Vorbild?

Stromae: Seine ganze Generation - von Charles Aznavour bis Edith Piaf - inspiriert mich. Weil es ihnen nicht um ihre eigene Person ging. Brel hat auf der Bühne über bestimmte Typen gesungen. Er war ein Beobachter der Gesellschaft. Das war es, was die Leute sehen und hören wollten.

SPIEGEL ONLINE: Geht es in Ihrer Musik etwa nicht um Sie?

Stromae: Nein. Sie handelt von Figuren, deren Geschichten ich erzähle. Es sind ihre, nicht meine.

SPIEGEL ONLINE: Gut, aber ein wenig Paul van Haver steckt doch trotzdem in Stromae?

Stromae: 10 oder 20 Prozent. Ich lege meine Sicht der Dinge hinein.

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Pop-Poet Stromae: Harte Beats zu traurigen Texten
SPIEGEL ONLINE: Machen Sie nicht noch mehr? Im Musikvideo zu Ihrem Hit "Formidable" torkeln Sie wie ein betrunkener Obdachloser durch Brüssel.

Stromae: Der Typ hätte auch Rassist oder irgendwas anderes sein können. Aber in erster Linie ist er traurig und einsam. Dieses Stück war deshalb so erfolgreich, weil wir uns in dieser Figur wiedererkennen.

SPIEGEL ONLINE: In einem betrunkenen Obdachlosen?

Stromae: Er ist eine Karikatur. Aber wir kennen alle diese Momente, in denen wir uns verlassen fühlen. Einsamkeit ist die größte Krankheit unserer Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Sie singen auf Ihrem Album noch von einer anderen Krankheit. In "Quand c'est?" erzählen Sie vom Krebs: "Du wolltest dich sogar an meiner Mutter vergreifen, hast bei ihren Brüsten angefangen und mit der Lunge meines Vaters weitergemacht." Das ist doch persönlich.

Stromae: Nein. Die Idee ist mir einfach in einer Raucherkabine am Flughafen gekommen. Das sind die schrecklichsten Orte der Welt. Wir sind die einzigen Lebewesen, die sich dorthin trauen, ich zähle dazu. Kein Tier wäre so dumm.

SPIEGEL ONLINE: Machen Ihnen Raucherkabinen Angst?

Stromae: Der Krebs macht mir Angst. Der ist ja nicht nett, wenn er kommt. Er sagt nicht: "Entschuldigung, aber Sie müssen leider dahinscheiden." Nein, dem Krebs ist es scheißegal, was du denkst. Das ist doch eine schreckliche Vorstellung.

Zur Person
  • Universal Music
    Stromae, bürgerlich Paul van Haver, wurde 1985 in Brüssel geboren. Seine Mutter ist Belgierin, sein Vater stammt aus Ruanda und wurde 1994 Opfer des Genozids. Stromaes Musik ist eine Mischung aus HipHop, Elektro, Pop und Chanson. Sein Künstlername bedeutet "Maestro" in verdrehten Silben. Bekannt wurde er mit seiner ersten Single "Alors on danse" ("Lass uns tanzen"), die in 15 Ländern Europas auf Platz eins landete und sich mehr als 500.000 Mal verkaufte. Es folgten die Charthits "Formidable" ("Großartig") und "Papaoutai" ("Papa, wo bist du?"), beide aus seinem zweiten Album "Racine carée" ("Quadratwurzel"), das 2013 erschien.
SPIEGEL ONLINE: In Deutschland sind Sie vor allem mit zwei Clubhits bekannt geworden: "Alors on danse", ein Kommentar zur Euro-Krise, und "Papaoutai", die Geschichte einer Kindheit ohne Vater. Ihre Lieder begreifen aber nur wenige. Die Leute zappeln einfach dazu. Fühlen Sie sich unverstanden?

Stromae: Ich bin absolut sicher, dass wir uns verstehen - auch wenn wir nicht dieselbe Sprache sprechen. Ich mache nicht in erster Linie Texte, sondern Musik. Das ist meine Sprache. Wenn du Lust hast, nur mit dem Kopf dazu zu wackeln, super. Wenn du noch mehr darin entdeckst, umso besser. Ich höre Lieder von Notorious B.I.G., die ich nicht verstehe, Lieder von Rick Ross oder Michael Jackson. Aber ich liebe sie.

SPIEGEL ONLINE: Warum singen Sie nicht einfach auf Englisch?

Stromae: Wer sagt, dass Englisch besser sei als Französisch? Wir sind nicht bei der Luftfahrt, wir sind keine Techniker, es geht um Kultur. Die Leute haben doch keine Lust, einen Belgier zu hören, der sich für einen Amerikaner hält. Also hört auf, uns zu sagen, nur Englisch sei Weltsprache. Das ist nicht wahr.

SPIEGEL ONLINE: Sind Clubbeats derzeit nicht die Weltsprache der Popmusik, so leicht konsumierbar, wie sie sind?

Stromae: Nur, weil ich so schreibe wie ein Chansonnier, heißt das nicht, dass ich auch Chansons machen muss. Elektromusik kann sehr kalt wirken, sie ist aber auch poetisch und hat ihre eigene Wärme.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal gesagt, dass Sie nicht gern Zugaben geben. Warum?

Stromae: Das ist so, wie mit einem Mädchen zu flirten. Man weiß, dass es scheiße ist, und macht es trotzdem.

SPIEGEL ONLINE: Flirten ist scheiße?

Stromae: Ich bin total schlecht darin. Ich mag dieses Spiel nicht, dieses "Achtung, gleich bin ich weg. Nein, bitte bleib." Das ist bei den Zugaben genauso. Man weiß nicht, ob es das Publikum wirklich will, und ich weiß es auch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben, komponieren, führen Regie und kümmern sich ums Marketing. Sind Sie ein Kontrollfreak?

Stromae: Ja, das ist meine größte Schwäche. Ich habe da irgendwas in mir, das sehr streng ist, alles muss kalkuliert sein.

SPIEGEL ONLINE: Weil Sie Angst haben zu scheitern?

Stromae: Vielleicht. Ich weiß, dass nur wenig vom Zufall abhängt. Man muss viel arbeiten. Aber auch nicht zu viel, dann wird es Mist.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind 28 Jahre alt und erst vor kurzem von zu Hause ausgezogen. Warum?

Stromae: Ich bin ein Nesthocker.

SPIEGEL ONLINE: Ach ja?

Stromae: Es hat mich nicht gestört, bei meiner Mama zu bleiben. Aber irgendwann habe ich mir gesagt: Du musst mal erwachsen werden und allein klarkommen.


Tourdaten für Deutschland: 3. Februar Köln, 4. Februar München, 17. Februar 2014 Hamburg, 18. Februar Berlin, 14. Mai Karlsruhe, 15. Mai Freiburg, 16. Mai Münster, 19. Mai Nürnberg, 20. Mai Dresden, 21. Mai Hannover


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1.
fofol 02.02.2014
Lyrics lesen bildet: Der Typ in "Formidable" ist vor allem ein arroganter und selbstbemitleidender Frauenfeind. So wie ihn jede französische, und wohl auch belgische, Frau leider nur zu gut aus dem echten Leben kennt. Daraus einen unkritischen Song zu machen zeugt mindestens von Ignoranz, wenn nicht von Sexismus. Und was Stromae mit Jacques Brel gemeinsam haben soll, außer einem leichten belgischen Akzent wie ihn Millionen anderer auch haben, erschließt sich mir überhaupt nicht. Keinerlei Grund zum Hype also.
2. .
Stopfer 02.02.2014
Wer sagt, dass in dem Song keine Kritik versteckt ist? Jeder kann darin interpretieren was er will, aber den Künstler als Sexisten zu bezeichnen, weil er ein Lied über einen einsamen Mann mit Machismus schreibt führt doch ein bisschen weit, finden Sie nicht? Und noch etwas. Nach Ihrer Logik kann also nur ein zweiter Jacques Brel einen Hype auslösen? Ist das wirklich die das einzige Kriterium, ob ein Künstler gehypt werden darf?
3.
diavid 02.02.2014
Die Musik von ihn mag ich nicht wegen der Melodie, aber ich habe gerade bemerkt, dass ich seine Denkweise liebe.
4.
TheWalrus 02.02.2014
Zitat von fofolLyrics lesen bildet: Der Typ in "Formidable" ist vor allem ein arroganter und selbstbemitleidender Frauenfeind. So wie ihn jede französische, und wohl auch belgische, Frau leider nur zu gut aus dem echten Leben kennt. Daraus einen unkritischen Song zu machen zeugt mindestens von Ignoranz, wenn nicht von Sexismus. Und was Stromae mit Jacques Brel gemeinsam haben soll, außer einem leichten belgischen Akzent wie ihn Millionen anderer auch haben, erschließt sich mir überhaupt nicht. Keinerlei Grund zum Hype also.
Viel mehr als Stromae für den vermeintlichen belgischen Frauenfeind typisch ist scheinen Sie, Herr Fofol, für den deutschen Nörgler typisch zu sein. Wenn Sie einen Blick in die Geschichte der französischen Chanson werfen, so werden Sie auf Kunststücke stoßen wie "Chez Max coiffeur pour hommes, Où un jour j'entrais comme par hasard, Me faire raser la couenne et raffraichir les douilles, Je tombe sur cette chienne, shampooineuse, Qui aussitôt m'aveugle par sa beauté paenne et ses mains savoneuses. Elle se penche et voilà ses doudounes, comme deux rahat-loukoums à la rose, Qui rebondissent sur ma nuque boum boum." Da Sie über Stromaes Text urteilen, nehme ich an, dass Sie der französischen Sprache mächtig sind. Sie müssten eigentlich deshalb wissen, dass die französischsprachige Chanson als Kunstform durchaus mit solchen Frauenbildern spielt, sie aber durchaus nicht normativ beurteilt. So heißt es doch bei Jacques Brel, "Ils boivent à la santé Des putains d'Amsterdam De Hambourg ou d'ailleurs Enfin ils boivent aux dames Qui leur donnent leur joli corps Qui leur donnent leur vertu Pour une pièce en or Et quand ils ont bien bu Se plantent le nez au ciel Se mouchent dans les étoiles Et ils pissent comme je pleure Sur les femmes infidèles" Insofern ist Stromae durchaus nicht als der frauenfeindlichste aller frankophonen Musiker einzuordnen - vielmehr ist es vielleicht so, dass die französischsprachige Frau mit einer gewissen verschmitztheit in der Kunst besser umgeht als ihr schnell urteilender deutscher Nachbar. Hören Sie Gainsbourg, lesen Sie Bukowski. Immoralität in der Kunst kann durchaus angenehm sein. Deswegen sofort ein moralisches Urteil zu fällen, zeugt von einer ungesunden Moralitätsdogmatik. Man sieht: eine Sprache lesen zu können bedeutet noch lange nicht, sie verstanden zu haben.
5. Alleinfür diese Antwort...
gaston999 02.02.2014
muss man ihn mögen: "Wer sagt, dass Englisch besser sei als Französisch? Wir sind nicht bei der Luftfahrt, wir sind keine Techniker, es geht um Kultur. Die Leute haben doch keine Lust, einen Belgier zu hören, der sich für einen Amerikaner hält. Also hört auf, uns zu sagen, nur Englisch sei Weltsprache. Das ist nicht wahr." Ein toller Musiker!
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