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Pop-Phänomen Stromae: Muscheln, Fritten und Safer Sex

Von

AFP

Bühne frei für Europas faszinierendsten Popstar! Bei seinem grandiosen Deutschland-Debüt zeigte der belgische Rapper Stromae am Donnerstag in Berlin: So viel Stil, Witz und derart großartige Hits wie er hat zurzeit keiner zu bieten.

Rund 80 Minuten lang gelingt es Stromae, sich als abgeklärten Entertainer zu geben, dann muss er seiner Verblüffung doch Ausdruck verleihen. "Berlin, you know everything!" Jeden seiner Songs kann das Berliner Publikum mitsingen, alle Witze werden verstanden, alle Spielchen mitgespielt. Das ist schon ungewöhnlich genug für einen französischsprachigen Künstler. Für jemanden, der sein erstes reguläres Deutschland-Konzert gibt, ist es glattweg eine Sensation. Aber das ist der Donnerstagabend in der ausverkauften kleinen Arena des Berliner Tempodroms auch in sonstiger Hinsicht.

Von der deutschen Popkritik fast unbemerkt, hat sich der Belgier Stromae, bürgerlich Paul van Haver, zu Europas faszinierendstem Popstar entwickelt. Nach dem Überhit "Alors on Danse" von 2009 noch unter One-Hit-Wonder-Verdacht stehend, konnte sich Stromae spätestens in diesem Jahr mit seinem zweiten Album "Racine Carrée" und den Hits "Formidable" und "Papaoutai" auf dem ganzen Kontinent etablieren. Seine Mischung aus HipHop, Chanson, Rumba und Neunziger-Eurobeat fügt sich gleichermaßen in einen Clubabend wie ins Formatradio ein, sie gefällt in den Niederlanden ebenso wie in der Schweiz oder Frankreich.

Stromae – Papaoutai
Mehr Videos gibt es hier auf tape.tv!
Dass Stromae seinen Stilmix selbst einmal "Suizid-Dance" genannt hat, deutet aber schon an, was in seinen Texten und nicht zuletzt in seinen Videos und Live-Auftritten zum Ausdruck kommt: eine tiefsitzende Uneinverstandenheit mit den Verhältnissen auf einem Kontinent, der von der Finanzkrise gespalten wird. "Es ist mir einfach ein Bedürfnis, realistisch zu sein", hat Stromae seine Haltung gegenüber der "New York Times" erklärt. "Es geht nicht darum zu sagen, dass alles schlecht läuft - das behaupte ich in meinen Songs nicht. Aber es geht auch nicht darum zu sagen, dass alles bestens sei. So ist es halt im Leben."

Euphorisierende Beats

Von Stromaes Realismus ist bei seinem Auftritt in Berlin zunächst nicht so viel zu spüren. Mit der ersten Hand voll Songs bedient er vor allem den Wunsch seiner rund 400 größtenteils jungen Zuschauer nach euphorisierenden Beats und exaltierten Posen. Ersteres steuert eine Drei-Mann-Band hauptsächlich mit Synthesizern und Electro-Drums bei. Letzteres liefert Stromae quasi im Sekundentakt. Jede Bewegung seiner sehnigen Glieder und seines kantigen Gesichts weiß er effektvoll einzusetzen. Und egal, ob geschmeidiger Hüftschwung oder grotesker Vogelscheuchentanz, ob breites Grinsen oder hochgezogene Augenbraue - das Publikum feiert beglückt jeden Move des Maestros, dafür steht der Name Stromae im sogenannten Verlan, einer Sprachmode der französischen Jugend, bei der die Silben einzelner Wörter verdreht werden.

Dass für die Fans seine stilsicheren Outfits fast ebenso wichtig wie seine Musik und Tanzeinlagen sind, weiß Stromae ebenfalls geschickt einzusetzen. Viermal variiert der 28-Jährige seinen Markenzeichen-Look aus weißem Hemd und kleiner Fliege, mal mit zartgrünem Cardigan und knielangen Shorts, mal mit klassisch grauem Anzug und Bowler-Hut. Einmal wechselt er in aller Ruhe die Socken, ein anderes Mal trägt er roten Lippenstift auf.

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Erstes Deutschland-Konzert: Ganz Berlin steht unter Stromae

Fast bietet Stromae zu viele visuelle Reize, um seine Musik glänzen zu lassen. Songs wie "Peace or Violence", "Bâtard" oder "Te Quiero" verklumpen auch wegen des suboptimalen Sounds leicht. Da die Crew mit Verspätung aus London nach Berlin gekommen war, blieb nur eine knappe Stunde für Aufbau und Soundcheck - ein Umstand, für den sich Stromae entschuldigt und gleich in einen Song ("just one hour - one hour - one hour") einbaut. Doch das ändert nichts daran, dass seine Songs zunächst eintöniger als auf Platte, weil von überlauter Stimme und Drums dominiert, klingen. Mit größerer Band und vor allem einem Bläsersatz dürfte sein Set noch mal deutlich gewinnen.

Doch während "Moules Frites", einer tragischen Hymne, die Stromae augenzwinkernd als Hommage an das belgische Nationalgericht verkauft, aber die eigentlich Safer Sex thematisiert, gewinnt das Konzert zunehmend an Gewicht. Stromaes mächtige Stimme tritt klarer hervor, und ihre kehlige Härte verdeutlicht, warum zu Recht so häufig der Vergleich mit Jacques Brel bemüht wird, um Stromaes Eindringlichkeit zu beschreiben. Dass im Anschluss das ohnehin dramatische "Formidable" noch dramatischer klingt, ist nicht verwunderlich. Ohne Fliege und mit verrutschtem Hemd inszeniert Stromae den Absturz, den der Song beschwört, gleich doppelt, zum Schluss bricht er auf der Bühne zusammen und wird von einem Bandmitglied backstage getragen.

Stromae – Formidable
Mehr Videos von Stromae gibt es hier auf tape.tv!
Was bei weniger souveränen Perfomern wie Schmierentheater wirken könnte, wird unter der Regie von Stromae zum gelungenen Wechsel in der Tonalität. "Humain à l'eau" haut mit minimalen Beats, schneidendem Rap und Major-Lazer-artigen Samples rein und lässt alle quatschigen Momente vergessen. Auch ohne diese Vorlage wäre "Alors on Danse" im Anschluss wohl der Höhepunkt des Abends geworden, schließlich hat der Hit auch nach knapp vier Jahren nichts von seiner Lässigkeit verloren. Doch zusammen mit einem kleinen Neunziger-Eurotrash-Medley aus Crystal Waters und Snap!, das Stromae in der Mitte einstreut, macht der Song noch mal mehr Spaß.

Zwei Songs später, nach knapp 90 Minuten ist der Abend vorbei. Stromae schwenkt seine ruderpaddelgroße Hand zum Abschied, seine Ansage, dass ihm jetzt nichts anderes zu sagen bleibe als -, ergänzt das Publikum mit einem lauthals gebrüllten "MERCI!". Anderes als danke kann man zu diesem grandiosen Konzert tatsächlich nicht sagen.


Nächste Deutschland-Konzerte von Stromae 2014:

28.1. - Hamburg, Große Freiheit 36

29.1. - Berlin, Astra Kulturhaus

3.2. - Köln, Gloria-Theater

4.2. - München, Muffathalle

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insgesamt 10 Beiträge
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brux 13.12.2013
In Belgien nähert sich der Hype bereits dem Ende, und 400 Nasen in Berlin sind nun wirklich kulturelle Nische. Next one, please.
2.
trust2012 13.12.2013
"HARTE" Elektrobeats? Es ist einfach Elektronische Musik, aber Hart ist da was anderes. Hart ist, Frenchcore, Hardcore etc. Die Musik ist Mainstream und nicht hart, auch wenn man sie hören kann.
3. Schade
spon-facebook-10000523851 13.12.2013
dass man hip hop, rap und aehnlich monotones Gedudel, begleitet mit affenartigem Bewegungsablauf in der Rubrik "Kultur" bringt. Kultur war fuer mich eigentlich immer was positives.
4. @ spon-facebook-10000523851
Lexx 13.12.2013
Richtig. Kultur ist nur das, was Sie für Kultur halten. Keine Ahnung haben, aber Hauptsache Meinung äußern. Ich bin zwar kein HipHop Verfechter, aber es gibt Künstler, die deutlich lyrischere Texte haben als alle Lieder, die Sie kennen zusammen. Wenn Sie diese Musikrichtung nicht mögen, so ist es Ihre Sache. Können Sie auch ruhig schreiben, aber gleich weinen, weil andere Menschen es doch als Kultur verstehen? Ich bitte Sie...
5.
croucho 13.12.2013
Im Gegensatz zu vielen engstirniges Zeitgenossen halte ich Hip Hop und Rap für durchaus kulturell wertvoll. Nach dem ich mir gerade Stromae zu Gemüte geführt habe, würde ich ihn allerdings in all die billigen oberflächlichen Großraumdiskotheken abschieben ... Wenn es elektronische ausgerichtete (HipHop-)Beats sein sollen, sollte man sich lieber mit Labels wie Musique Large, Brainfeeder, Project Mooncircle, Error Broadcast, King Deluxe oder Friends of Friends auseinandersetzen, nur um mal ein paar bekannte zu nennen
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