Sun Ra Arkestra in Hamburg Fahrt schon mal das Raumschiff vor

Das Gestern, Heute und Morgen der schwarzen Musik: Der 94-jährige Marshall Allen gab mit dem Sun Ra Arkestra ein berauschendes Konzert beim Kampnagel-Sommerfestival.

Martin Schaefer

Von


Unerforschte Weiten des Weltalls? Da können die Musiker des Sun Ra Arkestra nur milde lächeln. Das Ensemble hat angeblich in den mehr als 60 Jahren seines Bestehens so ziemlich jeden Winkel im Universum besucht und aus jedem ein Stückchen Musik mitgebracht. "Interplanetary music! Interplanetary melodies! Interplanetary harmonies!", so feuern die Sternenreisenden und Jazzerkunder am Freitag zur Begrüßung das Publikum an in dem Hamburger Kulturzentrum Kampnagel, vor dem sie ihr Raumschiff geparkt haben.

Die Musiker tragen lange Gewänder mit afrikanischen Mustern und futuristischen Applikationen. Damit liegt man überall richtig, beim Gastspiel in irgendeinem fernen Jazzklub genauso wie während des Besuchs eines noch ferneren Planeten. Außerdem sind die Kleider atmungsaktiv und liegen leicht auf der Haut, was von Vorteil ist, wenn das Sun Ra Arkestra einen seiner langen Auftritte hinlegt. In Hamburg spielen die zum Teil hochbetagten Musiker ein lustvoll entgrenztes Zweistundenkonzert.

Ganz vorne an der Bühne des ausverkauften und überhitzten Saals gibt Marshall Allen den Takt an. Er ist inzwischen 94 Jahre alt, streicht in den wilderen Passagen über die Tasten seines Altsaxophons wie ein Rockmusiker über die Saiten seiner Gitarre, und wenn er den anderen das Signal zum endgültigen Abheben gibt, fliegt sein linker Arm in die Luft.

Fotostrecke

11  Bilder
Konzert-Höhepunkt: Space is the place

Allen leitet das Arkestra seit knapp 25 Jahren, davor stand er gut 35 Jahre an der Seite des Orchestergründers Sun Ra. Das Wort Arkestra hatte Sun Ra aus dem Worten Arche und Orchester zusammengesetzt, sein Ensemble sollte eine Art rettendes Raumschiff sein, mit dem sich den irdischen Verhältnissen entkommen ließ. Sun Ra kleidete sich so, wie er sich das von dem ägyptischen Sonnengott vorstellte, dessen Namen er annahm, und gab sich als Gesandter des Planeten Saturn aus. In dem Film "Space is the Place" ist zu sehen, wie er in Pharao-Aufmachung auf der Erde landet. 1993 starb Sun Ra, viele Menschen glauben allerdings, er sei nur wieder zu den Sternen zurückgekehrt.

Das Weltall als neue Heimat

Marshall Allen ist also eine Art irdischer Statthalter des intergalaktischen Visionärs. Er muss das gewaltige Vermächtnis des Orchestergründers verwalten, den von Sun Ra mitentwickelten Afrofuturismus. Darin geht es um das Gefühl der Alienation, des Fremdseins der Afroamerikaner. Als Sklaven aus dem Mutterland verschleppt suchen sie im Weltall eine neue Heimat.

Diese Erzählung ist das Urnarrativ für alle afroamerikanischen Musiker, die später in Astronomie oder Science-Fiction sprichwörtlich und wortwörtlich die Entfesselung aus Versklavung und Rassismus suchten und suchen. Der sternenstürmende Freejazz von John Coltrane und Pharoah Sanders wäre ohne Sun Ra wahrscheinlich nicht möglich gewesen, ebenso George Clintons Weltraum-Funk, und imRobotnik-Soul von Janelle Monáe haben seine Ideen genauso Spuren hinterlassen wie im Afro-Superhelden-Blockbuster "Black Panther".

Es geht beim Sun Ra Arkestra um nichts weniger als um das Gestern, Heute und Morgen der schwarzen Musik und Popkultur. Erstaunlich, wie leichthändig die überwiegend älteren Instrumentalisten plus Sängerin Tara Middleton die musikalische Zeit- und Sternenreise stemmen. Andauernd steht einer der Musiker für eine Tanzeinlage auf, Posaunist und Perkussionist unternehmen Polonaisen durchs tanzende Publikum.

Wer das als folkloristische Abwicklung von Sun Ras Space-Jazz-Mythos belächelt, liegt falsch. Das Arkestra-Konzert auf Kampnagel, ein erster Höhepunkt des dortigen Sommerfestivals (Programm siehe unten), ist ein virtuoser Trip durch die Stile und Spielarten des Jazz, ein lustvoll geschlagener Bogen von dessen Wurzeln zu freiesten Spielarten. Freilich, die Exzesse der Sechziger- und Siebzigerjahre sucht man beim Hamburg-Auftritt vergeblich, aber die Musik trägt einen trotzdem fort. Hier kommt alles zusammen: Das Piano schlägt schon mal einen Ragtime an, Marshall Allen entlockt seinem per Atem gesteuerten EWI-Synthesizer intergalaktisch anmutende Funk-Klänge. Der Beat pulst sanft, aber unnachgiebig.

Gegen Ende glaubt sich das Publikum tatsächlich in diesem sagenhaften Raum, den das Ensemble mit seiner Musik heraufbeschwört, die Heilsbotschaft hallt als vielstimmiger Chor durch den Saal: "Space is the place". Allen lächelt zum Abschied gütig, auch er ein Musiker wie von einem anderen Stern, der nun wieder die Erde verlassen muss. Fahrt schon mal das Raumschiff vor.

Das Tolle an diesem irre versponnenen und doch hochseriösen Abend mit dem Sun Ra Arkestra ist, dass man glauben will, dass Musik neue Orte erschließen kann. Die Welt ist einfach nicht genug.


Weiteres Konzert vom Su Ra Arkestra: Samstag, Festsaal Kreuzberg, Berlin.
Das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg geht bis zum 26. August. Weitere musikalische Höhepunkte: Arturo O'Farrill and the Afro Latin Jazz Octet (12. August), Chelsea Wolfe (12. August), Messer (15. August), The Last Poets (17. August), Michaela Melián / Barbara Morgenstern (22. August), Kante & Khoi Khonnexion (23. August), Lydia Lunch's Big Sexy Noise (24. August), Blumfeld (26. August)



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.