Super-Sonate: Den Schumann brillant ertasten

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Robert Schumanns Klaviersonaten fordern Höchstleistungen von ihren Interpreten. Speziell bei jener in f-Moll bleiben die Großmeister unter sich. Der Pianist Florian Uhlig spielt ab sofort in dieser Liga - und er hat sich in Sachen Schumann noch viel mehr vorgenommen.

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Friedrun Reinhold

Immer aufs Ganze gehen! Selbstbewusst startet der deutsche Pianist Florian Uhlig zum Schumann-Jahr 2010 (200. Geburtstag) sein Riesenunternehmen, sämtliche Klavierstücke zu zwei Händen des deutschen Romantikers einzuspielen. 15 CDs sollen es in den kommenden Jahren werden. Noch mutiger erscheint es, gleich mit der üppigen Sonate f-Moll op. 14 zu beginnen: Ein klangmächtiges Riesenwerk, das nicht umsonst den Beinamen "Konzert ohne Orchester" trägt - der Interpret muss ackern wie ein ganzes Team, und er darf dabei nicht stöhnen, sondern nur jubilieren. Er muss dezent donnern und suggestiv flüstern können, oft kurz hintereinander, manchmal alles zugleich. Eine echte Aufgabe für einen Virtuosen.

Derzeit ist Uhligs grandioser Klavier-Kollege Grigory Sokolov mit dem Stück auf Tournee, und dessen aktuelle Live-Interpretation setzt Maßstäbe. Sokolov, 1950 in St. Petersburg geboren, repräsentiert die Pianisten-Generation vor Florian Uhlig. Er serviert einen perfekten Schumann: Der klingt leicht und biegsam, unforciert und souverän, denn manuelle Probleme existieren für Sokolov kaum. Dieser Mix aus Technik und Instinkt lässt den nervösen Herzschlag, das Innenleben dieser Sonate mit solcher Authentizität erfahren, dass es die Menschen in einem großen Konzertsaal mitreißt und hypnotisiert. Und wie immer in Sternstunden, es passiert viel mehr, als im Notentext steht: Sokolov reitet ein temperamentvolles Vollblut-Musikstück durch eine weit aufgefächerte Landschaft, mit gekonnter Zügelhaltung, er lässt es kraftvoll nach vorn preschen, hat es aber jederzeit gestalterisch in festem Griff.

Weit mehr als "nur" brillante Technik

Uhlig führt demgegenüber eine minutiöse, präzise Dressur vor: Was alles in dieser Sonate steckt, welche rhythmischen Überraschungen, welch ein opulenter melodischer Strom mit vielen Stimmen und Klängen, das formt der 1974 in Düsseldorf geborene Pianist akribisch und sinnlich zugleich aus. Ein spannendes Paradoxon, das zu Schumanns Musik bestens passt. Den virtuos gestalteten, schnellen Ecksätzen mit ihrer Beethoven-Fülle und den Schubert-Brüchen steht der mittlere Variationensatz gegenüber, der subtil mit einem scheinbar schlichten Thema von Schumanns Ehefrau Clara Wieck jongliert. Wem es gelingt, die neun Akkorde am Ende dieses sanften Furioso so abgründig verhallen zu lassen wie Uhlig, der verfügt über weit mehr als "nur" brillante Technik. Er hat sich seinen Schumann traumhaft sicher ertastet.

Florian Uhlig, der in England lebt, hat bereits das Klavierwerk von Dimitri Schostakowitsch komplett eingespielt und überraschte 2009 mit einer Beethoven-CD, die wenig bekannte, aber interessante Variationenzyklen enthielt. Uhlig kann enorm viel, und er meidet tapfer die ausgetretenen Pfade.

Seine Schumann-CD überzeugt denn neben der musikalischen auch mit akademischer Akkuratesse: Sie enthält neben der Sonate auch ein Romanzen-Fragment in der Sonatentonart aus demselben Jahr, das bisher nicht gedruckt wurde und von Uhlig und seinem Mitarbeiter Joachim Draheim hier erstmals vorgestellt wird. Dazu ein Scherzo, zwei zusätzliche Variationen zum zweiten Satz und eine weitere Version des Presto-Schlusses - man kennt dies von Jazzplatten, die alle Einfälle des Musikers in Alternate Takes darbieten. Lohnend, denn bei diesen Varianten handelt es sich keineswegs um vernachlässigenswerte Nebenprodukte. Grigory Sokolov spielt einige dieser Spezialitäten auch in seiner Konzertversion der f-Moll-Sonate. Offenbar sind der alte und der junge Pianist in dieser Beziehung einer Meinung.


CD Robert Schumann: "Concert sans Orchestre f-Moll op. 14, Romanze f-Moll, Fantasie C-Dur op 17" u.a. mit Florian Uhlig, Klavier (CD Hänssler Classic 098.603.000).

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